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Stilles Sterben im Wasser: Warum immer wieder Kinder ertrinken

Dr. Heinrich KrämerVon Dr. Heinrich KrämerMai 26, 2026Keine Kommentare4 Minuten Lesezeit
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Stilles Sterben im WasserWarum immer wieder Kinder ertrinken

Rettungsschwimmer an einem Berliner Badesee: Am heißen Pfingstwochenende gab es Badeunfälle mit tödlichem Ausgang in Deutschland. (Foto: Sebastian Gollnow/dpa)

Vier Kinder und Jugendliche sterben am Pfingstwochenende in deutschen Schwimmbädern und Gewässern. Kleine Kinder ertrinken oft lautlos und in direkter Nähe zu Erwachsenen. Experten sehen vor allem die Eltern in der Pflicht – zugleich gibt es einen besorgniserregenden Trend.

Sechs Tote an einem einzigen Wochenende, vier davon Kinder und Jugendliche: Die Pfingsttage haben gezeigt, wie schnell ein Badetag tödlich enden kann. Besonders bei Kindern verläuft das Ertrinken oft anders als gedacht – leise und oft unbemerkt. Was die wichtigsten Ursachen sind.

Bei sommerlichem Wetter steigt die Zahl der tödlichen Badeunfälle in Deutschland regelmäßig an. Für das Jahr 2025 verzeichnete die Deutsche Lebens-Rettungs-Gesellschaft (DLRG) 393 Menschen, die hierzulande in Gewässern ums Leben kamen, im Jahr 2024 waren es 411. Mehr als die Hälfte aller tödlichen Unfälle ereignet sich zwischen Mai und August. Die meisten Opfer gibt es nicht im Schwimmbad, sondern in der Natur: 158 Menschen starben 2025 in Seen und Teichen, 153 in Bächen und Flüssen – nur 15 in Schwimmbädern.

Kinder ertrinken still

Die größte Fehlannahme von Eltern, warnen Experten, ist die Vorstellung, ein ertrinkendes Kind würde um sich schlagen oder schreien. Das Gegenteil ist der Fall. Kinder ertrinken häufig lautlos – und häufig in unmittelbarer Nähe der Erwachsenen.

Bei Kleinkindern spielt unter anderem auch die Anatomie eine Rolle: „Weil Kleinkinder einen überproportional großen Kopf haben, verlieren sie leicht das Gleichgewicht und fallen schlimmstenfalls kopfüber ins Wasser“, erklärt der Berliner Kinder- und Jugendarzt Ulrich Fegeler gegenüber ntv.de. Was dann passiert, ist eine Schockreaktion des Körpers: Die Stimmritze im Rachen verschließt sich reflexartig, die Atmung blockiert.

Hinzu kommt eine Lähmung der Bewegung. Nach dem Sturz ins Wasser können sich kleine Kinder oft nicht mehr aus eigener Kraft befreien. Eltern, die nur kurz wegschauen, bemerken die Katastrophe nicht. Tödlich werden können dabei schon wenige Zentimeter Wassertiefe – im Gartenteich, in der Regentonne, sogar in der heimischen Badewanne.

Experten: Problem sitzt am Ufer

Eine weitere Ursache: fehlende Aufsicht. „Eltern sitzen mit dem Handy am Ufer, während Kinder, die noch nicht schwimmen können, unbeaufsichtigt im oder am Wasser sind“, sagt Michael Neiße, Leiter der Verbandskommunikation bei der DLRG Berlin, der „Zeit“. Peter Harzheim, Präsident des Bundesverbands Deutscher Schwimmmeister, wird in der „Neuen Osnabrücker Zeitung“ noch deutlicher: „Viele achten nur noch auf ihr dämliches Smartphone, aber nicht auf ihre Kinder. Im Schwimmbetrieb sind die Dinger die Pest.“

Auch Schwimmhilfen geben hier eine trügerische Sicherheit. Schwimmflügel und -reifen können verrutschen, kippen oder das Kind in eine Lage drehen, aus der es allein nicht mehr herauskommt. „Auch Schwimmhilfen können die Kinder nicht vor dem Ertrinken schützen“, warnt Kinderarzt Fegeler.

Jedes fünfte Grundschulkind kann nicht schwimmen

Die zweite große Ursache für das Ertrinken bei Kindern liegt laut Experten in fehlenden Schwimmkenntnissen. Laut einer repräsentativen DLRG-Befragung aus dem Jahr 2022 konnten 20 Prozent der Grundschulkinder in Deutschland nicht schwimmen – doppelt so viele wie noch fünf Jahre zuvor. Die Schließung von Bädern, Personalmangel und vor allem die Corona-Pandemie haben den Schwimmunterricht über Jahre ausgedünnt.

Dabei reicht es aus Sicht der Verbände nicht, sich irgendwie über Wasser halten zu können. Als sicherer Schwimmer gilt erst, wer mindestens das Freischwimmer-Abzeichen in Bronze hat. Das „Seepferdchen“, das viele Eltern als Beleg für Sicherheit deuten, ist lediglich eine Anfänger-Bescheinigung.

Tückische Seen, kalte Tiefe, falscher Mut

Sobald Kinder älter werden, kommen andere Gefahren hinzu – vor allem in offenen Gewässern. Bagger- und Kiesseen wirken harmlos, doch ihr Boden fällt an Abbruchkanten oft schlagartig um mehrere Meter ab. „Für geübte Schwimmer ist der Schritt ins Leere zwar meist kein Problem“, sagte DLRG-Rettungsschwimmer Carsten Rosenberg im Deutschlandfunk. „Ungeübte oder Nichtschwimmer können dagegen schnell in Panik geraten – selbst wenn das Ufer nur wenige Meter entfernt ist.“

Auch die Wassertemperatur unterschätzen viele. In tieferen Schichten kann das Wasser deutlich kälter sein als an der Oberfläche. Der plötzliche Kältereiz kann zu Kälteschock, Kreislaufproblemen oder Muskelkrämpfen führen. In Flüssen kommt eine Strömung hinzu, die selbst kräftige Schwimmer wegreißen kann.

Bei Jugendlichen spielt zudem die Selbstüberschätzung eine zentrale Rolle – häufig in Verbindung mit Alkohol. Unter den 11- bis 30-Jährigen starben 2025 insgesamt 73 Menschen im Wasser, nur einer davon war weiblich. „Gerade unter männlichen Jugendlichen und jungen Männern sind Übermut und Selbstüberschätzung leider weit verbreitet und ebenso wie der Konsum von Alkohol mitursächlich für tragische Unfälle“, sagte DLRG-Präsidentin Ute Vogt laut Pressemitteilung.

Die Rettungsschwimmer ziehen daraus immer die gleichen Empfehlungen: Kinder am Wasser niemals aus den Augen lassen, nicht eine Minute. Smartphone weg, Blick aufs Wasser. Kindern frühzeitig richtig schwimmen beibringen – ein Kind kann erst richtig schwimmen, wenn es mindestens das Schwimmabzeichen Bronze hat, betont die DLRG. Im offenen Gewässer nur an bewachten Badestellen baden. Und sich klarmachen, dass Schwimmflügel kein Ersatz für Aufsicht sind.

Quelle: ntv.de, kst

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