Reportage
Volle Strände, spielende Kinder – und jederzeit droht ein russischer Angriff. In Odessa liegen Sommerleichtigkeit und Kriegsgefahr dicht beieinander. Immer wieder ignorieren Menschen den Luftalarm, mit teils schlimmen Folgen.
Der Lanscheron-Strand in Odessa ist auch in diesem Sommer proppenvoll. Bei 30 Grad drängen sich die Menschen dicht an dicht auf den Liegen und Handtüchern. Kinder planschen im Wasser, Jugendliche springen mit Salti von den Stegen ins Meer. Aus den Strandbars dringt laute Musik über den Sand.
Im Schatten an einer Eisbar sitzen drei Soldaten. Nur wenige Meter entfernt steht ihr Pick-up. Auf der Ladefläche: ein mobiles Flugabwehrsystem. Jederzeit könnte Russland die Hafenstadt mit Drohnen oder Marschflugkörpern angreifen.
Luftalarm – die meisten bleiben am Strand
Am Ende eines Stegs steht die 16-jährige Alina. Sie verkauft getrocknete Fische, in der Ukraine ein beliebter Snack zum Bier. Doch in diesen Tagen läuft das Geschäft schlecht. „In dieser Woche war es wirklich hart wegen der ständigen Angriffe“, sagt sie. Immer wieder habe sie ihre Waren stehenlassen und Schutz suchen müssen. Der nächste Luftschutzraum sei zum Glück nicht weit entfernt. „Du gehst einfach geradeaus, dann rechts und die Treppe rauf. Da ist ein Luftschutzraum.“
Kurz darauf heulen tatsächlich die Sirenen: Luftalarm. Doch kaum jemand reagiert. Die meisten Badegäste bleiben liegen, Kinder spielen weiter im Wasser. Zu oft ist der Alarm inzwischen Teil des Alltags geworden.
Unbeschwertheit im Krieg: Jugendliche springen ins Wasser und toben.
Zum Glück passiert diesmal nichts. An manchen Tagen wird in Odessa mehr als zehnmal vor möglichen Angriffen gewarnt. Die russischen Ziele sind häufig die Hafenanlagen der Stadt, nur etwa einen Kilometer vom Strand entfernt.
„Die Kinder sollen sich erholen“
Serhij ist mit seiner Familie zum ersten Mal seit sechs Jahren wieder hierher gekommen. Er kommt aus Nikopol, das näher an den umkämpften Gebieten liegt. „Bei uns in Nikopol ist es furchtbar“ sagt er. „Jeden Tag gibt es Drohnen und Beschuss mit Artillerie. Hier scheint es etwas ruhiger zu sein.“ Es sei der erste Tag der Familie in Odessa. „Die Kinder sollen sich erholen“, sagt Serhij.
Viola verkauft an ihrem kleinen Souvenirstand Halsketten, Kühlschrankmagnete und die obligatorischen Kapitänsmützen für Touristen. Die Menschen in Odessa, sagt sie, hätten gelernt, mit der ständigen Bedrohung zu leben. „Wir sind Menschen aus Fleisch und Blut. Natürlich haben wir Angst“, sagt sie. Aber man gewöhne sich mit der Zeit ein Stück weit daran.
„Psyche lernt, sich anzupassen“
„Die Psyche lernt, sich anzupassen“, sagt Viola. „Erst gestern haben wir trotz massiven Beschusses verkauft. Es waren heftige Angriffe, mit Raketen ebenso wie mit ‚Shaheds‘.“ Dennoch seien die Menschen am Stand stehengeblieben. „Sie blieben, genau wie wir, unbeirrt an ihrem Platz. Wir fragten einige von ihnen, woher sie kämen. ‚Aus Kiew‘, antworteten sie. Da sagten wir: ‚Dann sind wir wohl Leidensgenossen‘.“
Lebensfreude und Bedrohung liegen in Odessa oft nur wenige hundert Meter entfernt. Im Hintergrund ist ein brennendes Schiff zu sehen.
Und so widersprüchlich es auch klingt: Odessa hat sich trotz des Krieges ein Stück Leichtigkeit bewahrt. Wenn die Hitze am Abend nachlässt, füllen sich die Cafés und Bars der Altstadt.
Menschen flanieren am prachtvollen Opernhaus vorbei über den Primorsky-Boulevard bis zur Potemkinschen Treppe. Von dort reicht der Blick über das Schwarze Meer bis zu den Hafenanlagen, die immer wieder Ziel russischer Angriffe werden. In Odessa liegen Lebensfreude und Bedrohung oft nur wenige hundert Meter voneinander entfernt.
Hafenverband warnt davor, Gefahr zu unterschätzen
Dmytro Barinow, Präsident des ukrainischen Hafenverbands, liebt seine Stadt gerade deshalb. Er bewundert die Menschen hier, die sich ihre Zuversicht und Widerstandskraft trotz des Krieges bewahrt haben. Allerdings warnt er davor, die Situation zu unterschätzen.
Viele Urlauber, die aus Charkiw oder anderen östlichen Landesteilen kommen, hätten nur Odessa. Die Stadt sei relativ leicht zu erreichen. So könnten die Kinder mal ans Meer. „Um die Sonne zu genießen und an den Strand zu gehen“, sagt der Präsident des Hafenverbands. „Leider ignorieren sie oft die Situation. Wir haben hier sehr viele schlimme Beispiele, wo Menschen dann durch Angriffe verletzt oder getötet wurden. Das sollte nicht sein.“

