Es wird nichts mit den Investorenplänen von FIFA-Chef Infantino. Ein Papier zeigt, wie er sich die Zukunft des Verbands vorgestellt hat – als globales Wirtschaftsunternehmen. Dabei helfen sollte der alte Bekannte J.P. Morgan.
Die Präsentation entstand gemeinsam mit J.P. Morgan, der Investmentbank des US-Finanzkonzerns JPMorgan Chase, der größten Bank der USA mit Sitz in New York. Schon die Titelseite dokumentiert die Zusammenarbeit: Dort stehen die Logos von FIFA und J.P. Morgan nebeneinander, darüber der Vermerk „Strictly Private And Confidential“ – „streng vertraulich“. Über das Papier hatte am Mittwoch auch die New York Times berichtet.
Für J.P. Morgan ist das Engagement im Fußball kein Neuland. Bereits 2021 hatte die Bank eine Milliardenfinanzierung für die gescheiterte europäische Super League zugesagt. Zudem baut das Finanzunternehmen seine Investitionen in den Sport seit Jahren aus und gründete 2024 eine eigene Sports Investment Banking Group. Nun begleitete sie einen weiteren grundlegenden Umbauplan im internationalen Fußball, diesmal an der Seite der FIFA.
Doch auch dieser stieß auf massiven Widerstand und wurde vorerst aufgegeben. Die New York Times berichtete über frühere Berührungspunkte zwischen FIFA-Präsident Gianni Infantino und der Führung von J.P. Morgan. Demnach traten Infantino und Mary Erdoes, eine der ranghöchsten Managerinnen der Bank, gemeinsam bei Wirtschaftskonferenzen auf. Erdoes stellte den FIFA-Präsidenten zudem bei einer internen Veranstaltung von J.P. Morgan vor.
J.P. Morgan unterstützte Aufbau von Investorengruppe
Die FIFA bestätigt inzwischen selbst, dass J.P. Morgan den Prozess zum Aufbau einer internationalen Investorengruppe begleitet hat. Nach Angaben des Weltverbands arbeitete die Bank „an der Seite der FIFA“, während weitere Berater Gespräche mit potenziellen langfristigen Investoren führten. Ziel war eine breit aufgestellte Investorengruppe für die geplante Kapitalaufnahme von bis zu 4,2 Milliarden US-Dollar.
Nach der gescheiterten Super League räumte J.P.-Morgan-Chef Jamie Dimon ein, die Leidenschaft der Fußballfans und den Widerstand gegen das Projekt unterschätzt zu haben. Zum aktuellen FIFA-Projekt hat sich J.P. Morgan noch nicht geäußert.
Vom Weltverband zum globalen Wirtschaftsunternehmen
Die Wahl des Finanzpartners verdeutlicht den Anspruch des Projekts. Die FIFA wollte nicht nur zusätzliche Investoren gewinnen, sondern sich strukturell neu aufstellen. Ihr kommerzielles Geschäft sollte in die neue Gesellschaft FIFA Forward Enterprise (FFE) ausgelagert werden. Diese sollte Medienrechte, Sponsoring, Hospitality, Ticketing und digitale Geschäftsmodelle bündeln, Kapital aufnehmen und Investoren beteiligen. Regeln, Wettbewerbe und sportpolitische Entscheidungen sollten dagegen bei der FIFA bleiben.
Die interne Präsentation beschreibt Investoren nicht als neue Eigentümer des Weltfußballs, sondern als Finanzierer eines Wachstumsmodells. Nach Angaben der FIFA begleitete J.P. Morgan den Aufbau einer international zusammengesetzten Investorengruppe. Das Papier zeigt zugleich, wie die FIFA sich selbst versteht: Nicht mehr nur als Organisator von Wettbewerben, sondern als globale Sport- und Medienmarke, deren wirtschaftliches Potenzial aus eigener Sicht noch nicht ausgeschöpft ist.
FIFA sieht UEFA Champions League als Konkurrent
Als Maßstab nennt die FIFA im Strategiepapier nicht andere Verbände, sondern die erfolgreichsten Sportprodukte der Welt. Insbesondere den US-Sport: die National Football League NFL, die Basketball Liga NBA und Major League Baseball. Dazu die englische Fußball-Premier-League und die UEFA Champions League. Das Fazit: Gemessen an ihrer globalen Reichweite sei die FIFA wirtschaftlich „under-monetized“, sie schöpfe ihr Geschäftsmodell also nicht vollständig aus. Damit begründet der Weltverband den geplanten Umbau und die Öffnung für Investoren.
Der Vergleich mit der Champions League ist sportpolitisch brisant. Seit Jahren ringen FIFA und UEFA um Einfluss, Sponsoren, Fernsehrechte und den internationalen Spielkalender. Mit der ausgeweiteten FIFA-Klub-Weltmeisterschaft konkurriert die FIFA zunehmend direkt mit dem wichtigsten Klubwettbewerb der UEFA. Dass die Champions League im Papier als wirtschaftlicher Maßstab erscheint, zeigt, dass die FIFA sie längst auch als Konkurrenten im globalen Fußballgeschäft betrachtet. Gerade von den 55 UEFA-Mitgliedsverbänden kam massiver Widerstand gegen Infantino und die Pläne.
FIFA lockt mit deutlichem Plus bei Fördermitteln
Das Dokument richtet sich an die 211 FIFA-Mitgliedsverbände. Entsprechend betont die Präsentation mehrfach, dass Statuten, Stimmrechte und das Prinzip „ein Mitglied, eine Stimme“ unangetastet bleiben sollten. Die Wiederholungen legen nahe, dass die FIFA mit erheblichen Vorbehalten rechnete.
Zugleich stellte sie den Verbänden deutlich höhere Fördermittel in Aussicht. Die weltweite Entwicklungsförderung sollte von rund 1,7 Milliarden US-Dollar im Zyklus 2023 bis 2026 auf bis zu 8,4 Milliarden US-Dollar im Zyklus 2027 bis 2030 steigen. Langfristig wollte die FIFA mehr als zehn Milliarden US-Dollar für die Fußballentwicklung bereitstellen.
Das Papier verbindet die Öffnung für Investoren damit mit einem politischen Angebot: Mehr Geld für die Verbände, ohne dass sie Stimmrechte verlieren oder Investoren nach Darstellung der FIFA Einfluss auf sportliche Entscheidungen erhalten.
Sportpolitische Macht und kommerzielle Stärke
Der Investorenplan ist inzwischen vorerst gestoppt. Das Strategiepapier bleibt dennoch aufschlussreich. Es zeigt, wie Infantino die FIFA langfristig positionieren wollte: als Weltverband, der seine sportpolitische Macht behält, sein kommerzielles Geschäft aber nach den Maßstäben globaler Konzerne und internationaler Finanzmärkte organisiert.
Nach der Kritik ist es Infantino offenbar gelungen, die FIFA-Führung bei einem Krisentreffen am Mittwoch in Marokko vorerst wieder hinter sich zu versammeln. Nach massiver Kritik aus der UEFA und mehreren Mitgliedsverbänden entschuldigten sich FIFA-Präsident Infantino und Generalsekretär Mattias Grafström öffentlich für das Vorgehen. Die FIFA räumte ein, die Verbände nicht ausreichend eingebunden zu haben.
