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Tödliche Eskalation: Warum die Warnsignale in Stade nicht reichten

Dr. Heinrich KrämerVon Dr. Heinrich KrämerJuli 3, 2026Keine Kommentare5 Minuten Lesezeit
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Tödliche EskalationWarum die Warnsignale in Stade nicht reichten

03.07.2026, 16:17 Uhr Von Solveig Bach
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Bei dem Gesprächstermin schoss der Mann auf die Menschen, die nach einer Lösung suchten. (Foto: REUTERS)

Sechs Tote in einer Jugendhilfeeinrichtung – eine Tat, die selbst erfahrene Ermittler fassungslos macht. Drohungen gab es zuvor, doch niemand rechnete mit dieser Eskalation. Wie konnte es so weit kommen?

Immer wieder werden Angestellte des Staates angegriffen, Gerichtsvollzieher, Mitarbeitende der Arbeits- oder Ordnungsämter, Lehrpersonen und Rettungskräfte. Trotzdem sind Taten wie die Morde in Stade die absolute Ausnahme.

Am Montag hatte ein 45-Jähriger in einer Mutter-Kind-Einrichtung der Stadt sechs Menschen erschossen – drei Mitarbeitende des Jugendamtes der Region Hannover und drei Beschäftigte der Stader Jugendhilfeeinrichtung. Bei dem Termin sollte es um das Sorgerecht für sein Baby gehen, nachdem das Mädchen wegen eines Schütteltraumas medizinisch behandelt werden musste. Zuvor hatte es mit dem Mann bereits Auseinandersetzungen gegeben, er galt aber laut Lüneburgs Polizeipräsidentin Kathrin Schuol als „nicht absolut gewalttätig“.

Susann Prätor geht davon aus, dass die Sensibilität für Bedrohungen in diesen sozialtherapeutischen Situationen insgesamt größer geworden ist und dass sie ernst genommen werden. Prätor lehrt als Professorin an der Polizeiakademie Niedersachsen. „Das setzt aber auch voraus, dass entsprechende Vorfälle von Mitarbeitenden konsequent dokumentiert und gemeldet werden, sodass weitergehende Schritte in den Institutionen eingeleitet werden können. Hier gibt es ein großes Dunkelfeld. Mitarbeitende erleben nicht selten Bedrohungen und Beleidigungen, melden es aber nicht immer offiziell“, sagt sie ntv.de.

Morde sind „Extremtat“

Vor den Morden in Stade wurden Bedrohungen gemeldet. Trotzdem konnten die Beteiligten nicht mit dieser Eskalation rechnen, meint Jörn Memenga, der niedersächsische Landesvorsitzende des Bundes Deutscher Kriminalbeamter. „Eine solche Einrichtung kann nicht davon ausgehen, dass jemand bewaffnet zu einem solchen Termin kommt“, sagt er ntv.de. „In der Regel wird davon ausgegangen, dass man ganz normal spricht. Das kann eine Streitsituation werden, ja. Aber dass jemand eine Waffe mitbringt und dann auch um sich schießt, damit kann man nicht rechnen.“ Memenga sieht in den Morden von Stade eine „Extremtat“.

Jedes Jahr werden in Deutschland etwa 70.000 Kinder in staatliche Obhut genommen, weil sie selbst darum bitten oder es eine „dringende Gefahr für das Wohl des Kindes oder des Jugendlichen“ gibt. Die allermeisten dieser Vorgänge laufen ohne Gewalt ab, obwohl es häufig emotional hoch hergeht. Nur selten muss die Polizei eingreifen, die ohnehin bereits in vielen Bereichen mit Jugendhilfeeinrichtungen oder Frauenhäusern zusammenarbeitet, um Gefährdungssituationen auszuschließen oder zu begleiten. Jede präventive Sicherheitsmaßnahme, besonders, wenn sie sich gegen einzelne Personen richtet, schafft jedoch Misstrauen in einer Situation, in der es darum geht, einander gemeinsam eine Konfliktlösung zuzutrauen. Prätor spricht beispielsweise im Falle von möglichen Durchsuchungen auf Waffen von einer „Prangersituation“, die für ein anschließendes Hilfeplangespräch sicher nicht unterstützend sei.

Das Motiv für die Taten ist noch Gegenstand der Ermittlungen, die Polizei hält sich dazu bedeckt. Niedersachsens Innenministerin Daniela Behrens sprach in einer Pressekonferenz am Tattag von einer „kaltblütigen“ Tat ohne politische oder wirtschaftliche Hintergründe, sondern mit „familiären Motiven“. Womöglich fühlte sich der 45-Jährige einem staatlichen Handeln ohnmächtig gegenüber. Prätor zufolge entwickeln sich in solchen Situationen manchmal Kurzschlussreaktionen oder psychische Ausnahmesituationen, in denen das Gefühl überwältigend wird, mit dem Rücken an der Wand zu stehen. „Dann richtet sich alle Wut, aller Hass gegen die Menschen, die vermeintlich verantwortlich sind für die Entscheidungen, die so eine Tragweite haben.“ Ähnliche Erfahrungen hat Memenga aus der Polizeipraxis: „Das ist dann kein rationales Handeln mehr, sie sehen nur den Staat, der versucht, ihnen etwas wegzunehmen.“

Vorauszusehen ist das konkret nicht oder nur schwer. Trotzdem macht es deutlich, welchen Risiken Beschäftigte in staatlichen Fürsorge- und Hilfesystemen ausgesetzt sind. „Die Gefährdungslage hat es wahrscheinlich in dieser Art noch nicht gegeben“, sagt Memenga. Es müsse trotzdem immer erst das Allerschlimmste passieren, „damit gehandelt wird“. Sozialarbeiter oder Jugendeinrichtungen liefen ständig Gefahr, in irgendeiner Form in eine Konfrontation zwischen zwei Parteien zu geraten.

Üben für den Ernstfall

Vielerorts gibt es bereits Schulungen für Mitarbeitende von Ausländer- und Jugendämtern oder Arbeitsagenturen, damit sie besser mit Konfliktsituationen umgehen können. Einige haben Alarmknöpfe, um Hilfe zu rufen oder Sicherheitstüren, hinter die man sich zurückziehen kann, es werden Fluchtmöglichkeiten innerhalb der Gebäude geübt und das Erkennen von Warnzeichen, dass eine Situation droht, außer Kontrolle zu geraten.

Auch wenn der Fokus auf Hilfe und Deeskalation liege, muss man Memenga zufolge den Realitäten ins Auge schauen. „Gerade wenn es um Kindeswohlgefährdung geht oder auch um Frauenhäuser geht, müssen die Bediensteten dort nicht nur geschult werden, sondern es muss auch die Möglichkeit der Selbstverteidigung geben oder der Intervention.“ Auch Prätor betont, dass sich die Frage danach, wie es mit der Sicherheit von Menschen, die eigentlich in helfenden Berufen tätig sind, dringend stellt.

Trotzdem bleiben am Ende dieser Woche, in der vier Frauen und zwei Männer ihr Leben verloren haben, auch bei den Experten Entsetzen und Ratlosigkeit. „Ich bin polizeilich geschult“, sagt der Polizist Memenga. „Ich habe ein Gespür dafür, wann eine Situation eventuell gefährlich wird, ab welchem Zeitpunkt ich vielleicht deeskalieren oder Techniken zur Abwehr einsetzen muss. Doch wenn jemand plötzlich eine Waffe zieht und ich bin darauf nicht vorbereitet, dann hilft das auch wenig. Bis ich das verstanden habe, hat er schon mehrfach geschossen.“

Quelle: ntv.de

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