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Startseite»Politik»Ukraine und Polen: Wie alte Massaker die Nachbarn spalten
Politik

Ukraine und Polen: Wie alte Massaker die Nachbarn spalten

Dr. Heinrich KrämerVon Dr. Heinrich KrämerAugust 2, 2026Keine Kommentare4 Minuten Lesezeit
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Stand: 02.08.2026 • 10:58 Uhr

Zwischen Polen und Ukraine ist ein alter Streit über Massaker während des Zweiten Weltkriegs aufgeflammt. Vor Ort zeigt sich, warum das Thema weiter so heikel ist – und wie die Gräben überwunden werden können.

Von Stephan Laack, ARD Kiew

Es ist ein heißer, stickiger Sommertag. Ein Minensuchtrupp durchkämmt ein abgestecktes Gelände mit meterhohem Gras. In der Nähe des Dreiländerecks zwischen Polen, Belarus und der Ukraine könnten noch Sprengkörper aus dem Zweiten Weltkrieg liegen. In der Region Wolhynien verübten die deutschen Besatzer und die Sowjets schwere Verbrechen an der Zivilbevölkerung. Doch während der Zeit der Nazi-Besatzung kam es auch zu Massakern ukrainischer Partisanen an der polnischen Bevölkerung. Und umgekehrt.

Der polnische Historiker Leon Popek leitet ein polnisch-ukrainisches Team, das nach den sterblichen Überresten der Opfer von damals sucht. Er beschäftigt sich seit den 1990er-Jahren mit dem Thema, auch aus persönlichen Gründen: „Weil hier vor 83 Jahren mein Großvater gestorben ist. Jan Szwed war damals 65 Jahre alt. Ein Teil meiner Familie ist hier gestorben. Hier sind meine Wurzeln. Ich kann sagen: Irgendwie bin ich von hier.“

Wie viele Menschen den Massakern zum Opfer fielen, ist umstritten. Fest steht: Zehntausende Polinnen und Polen wurden von Kämpfern der Ukrainischen Aufständischen Armee, der UPA, ermordet.

Archäologen suchen nach Überresten der Opfer der Massaker von Wolhynien.

Vor Ort klappt die Zusammenarbeit

Nachdem das Gelände auf Minen untersucht wurde, trägt ein Bagger vorsichtig die oberste Erdschicht ab. Erst dann beginnt die Suche nach menschlichen Überresten.Vor Ort funktioniert die gemeinsame historische Aufarbeitung zwischen polnischen und ukrainischen Forschern gut. Auf politischer Ebene dagegen sind die Beziehungen zuletzt wieder belastet.

In Olyka, einer Kleinstadt in der Ukraine, gedenken Ukrainer und Polen gemeinsam der Opfer der Massaker und setzen damit ein Zeichen der Versöhnung. Zu der Zeremonie in den Ruinen einer Kirche ist auch Polens Verteidigungsminister Władysław Kosiniak-Kamysz gekommen.

Nachdem er vor dem Altar gekniet und gebetet hatte, richtete er sich an die versammelten Gäste: „Der 83. Jahrestag des Völkermords in Małopolska wird ein Tag der Verwandlung vieler Herzen und Gedanken sein. Möge er immer ein Tag der ewigen und heiligen Erinnerung an das Martyrium der Polen bleiben.“

Hier zeigt sich, wie sensibel das Thema ist: Die Wortwahl des Ministers stößt bei einigen Ukrainern auf Irritationen. Er spricht von „Małopolska“, also Kleinpolen, einer historischen Bezeichnung aus einer Zeit, als die Region Wolhynien zu Polen gehörte. Mit der Zeit der Zweiten Polnischen Republik verbinden viele Ukrainer Unterdrückung und Repressionen.

Ein Archäologe misst Knochen aus: Die Gräueltaten während des Zweiten Weltkrieges belasten noch immer das Verhältnis beider Staaten.

Polen über Selenskyj-Entscheidung erbost

Auslöser der jüngsten polnisch-ukrainischen Verstimmung war die Benennung einer ukrainischen Militäreinheit nach den „Helden der Ukrainischen Aufständischen Armee UPA“ durch den ukrainischen Präsidenten Wolodymyr Selenskyj – auf Wunsch der Soldaten. Der polnische Präsident Karol Nawrocki reagierte darauf in einem bislang beispiellosen Akt, indem er Selenskyj die höchste Auszeichnung des polnischen Staates, den Orden des Weißen Adlers, wieder aberkannte.

Die Osteuropa-Historikerin Franziska Davies vom Leibniz-Zentrum für Zeithistorische Forschung sagt dazu: „Kern ist die unterschiedliche Erinnerung an die Ukrainische Aufstandsarmee, die UPA. Sie entstand 1942 und kämpfte vor allem gegen die Sowjetunion, teilweise auch gegen die deutsche Wehrmacht. Einige ihrer Einheiten sind aber auch verantwortlich für die Massaker an polnischen Zivilisten in Wolhynien.“

Auf ukrainischer Seite wächst bei manchen die Sorge, dass der Streit die engen Beziehungen beider Länder beschädigen könnte. Und es gibt mitunter auch das Gefühl, dass vor allem an die polnischen Opfer erinnert wird, während die ukrainischen Opfer polnischer Vergeltungsaktionen weit weniger Beachtung finden.

Fast alle Bewohner eines Dorfes getötet

Am Rand eines Sonnenblumenfeldes bei Luzk liegt ein kleiner Friedhof mit einer Gedenktafel für ukrainische Opfer. Zum ersten Mal seit drei Jahren legt Myroslawa Jakimenko hier wieder Blumen nieder. Früher brachte ihr Sohn sie her, heute dient er in der Armee. An dieser Stelle stand einst das Dorf Krasny Sad.

Von der Wehrmacht eingesetzte polnische Polizisten töteten hier im Jahr 1943 fast alle Bewohner. Jakimenkos Eltern gehörten zu den wenigen Überlebenden. Ihr Vater und dessen Bruder konnten auf Pferden entkommen:

Manche versteckten sich unter der Futterkrippe, andere im Keller hinter den Rüben. Wieder andere krochen unter Leichen. Am Ende überlebten nur etwa eine Handvoll Menschen. Meine Mutter war damals auf einem Bauernhof in Skirtschy. Sie hat überlebt, alle anderen wurden verbrannt, ganze Familien. Schauen Sie: Vater, Mutter, Sohn, Tochter, Schwiegersohn, Schwiegertochter. Sie alle sind in den Flammen umgekommen.

Der polnisch-ukrainische Streit über die Deutung der Geschichte kommt zur Unzeit. Die Ukraine ist im Abwehrkampf gegen Russlands Angriffskrieg auf die Unterstützung Polens angewiesen.

Nach zuletzt mehreren Übergriffen hatte Polens Regierungschef Donald Tusk eine wachsende Gewalt gegen Ukrainerinnen und Ukrainern in seinem Land gerügt. Die zu Kriegsbeginn weltweit bewunderte Solidarität der Polen werde dadurch infrage gestellt.

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Dr. Heinrich Krämer
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