An der Front sind ukrainische Soldaten oft monatelang auf sich allein gestellt. Jede Bewegung kann tödlich sein. Armeechef Syrskyj ordnete nun die Ablösung nach maximal zwei Monaten an – in der Praxis unrealistisch, meinen Experten.
Stundenlang muss Chany durch die sogenannte Todeszone laufen. Siebzehn, achtzehn Kilometer etwa, schätzt der ukrainische Soldat. Der Weg ist so anstrengend, dass er und seine zwei Kameraden aus der 93. Brigade unterwegs die kiloschwere Schutzweste ablegen – obwohl der Himmel voller Drohnen und der Boden voller Minen ist.
Keuchend, verdreckt, mit langen Bärten und zerzausten Haaren erreichen die Männer nach zwei Tagen Fußmarsch die Stadt Druschkiwka in der Region Donezk, wie Bilder des Pressedienstes der 93. Brigade zeigen.
130 Tage hat Chany davor seine Position gehalten. Solange haben er und seine Kameraden aus dem Bataillon Alcatraz, das aus ehemaligen Strafgefangenen besteht, ausgeharrt im Keller eines zerstörten Hauses irgendwo im Osten der Ukraine.
Ständige Wachsamkeit gefordert
„Die Stellungen zu erreichen oder zu verlassen ist sehr, sehr schwierig“, berichtet Chany. Die Männer müssten aufpassen, wo sie hinträten. Überall könne eine Mine liegen. Sie müssten ständig den Himmel überwachen und bei jedem Summen einer Drohne suchten sie Deckung. Sie bewegten sich vorsichtig mit einigen Metern Abstand zueinander durch das kilometerbreite Niemandsland an der Front in der Ukraine.
Was Chany und seine Kameraden erlebt haben, ist kein Einzelfall. „Es überrascht mittlerweile niemanden mehr, dass ein Soldat bis zu sechs Monaten an der Front im Einsatz ist“, sagt der Militärexperte Mykola Bjeljeskow. In der kilometerbreiten sogenannten Todeszone sind die Infanteristen am Boden weitestgehend auf sich allein gestellt. Sie werden über Drohnen mit dem Nötigsten an Nahrung, Wasser oder Munition versorgt.
Ablösung von Soldaten lebensgefährlich
Doch nicht immer gelingt die Versorgung. Zuletzt sorgten Bilder stark abgemagerter Soldaten für Aufsehen in der Ukraine. Armeechef Oleksandr Syrskyj befahl daraufhin, Soldaten nach maximal zwei Monaten auf ihren Stellungen abzulösen. In der Praxis aber sei das unrealistisch, meinen Soldaten und Beobachter. „Der Versuch, häufiger Rotationen durchzuführen, kann dazu führen, dass wir mehr Menschen verlieren“, warnt auch Experte Bjeljeskow.
Denn der Weg zu den Positionen ist aufgrund der vielen Drohnen am Himmel lebensgefährlich. Zweimal hatte seine Einheit versucht, Chany und seine Kameraden auf ihrer Stellung abzulösen. „Der erste ist sofort von einer FPV-Drohne verletzt worden. Der zweite hat es auch nicht geschafft“, berichtet Chany. Erst der dritte Versuch gelang.
„Soldaten auf Position zu bringen, ist eine sehr große Herausforderung“, bestätigt auch Mykola Bjeljeskow. „Das kann oft bis zu einer Woche dauern und ist mit erheblichen Risiken verbunden – für die Person selbst und für alle, die die Operation begleiten.“
Die Front als gläsernes Schlachtfeld
Das ukrainische Verteidigungsministerium hatte im vergangenen Jahr die Bildung der sogenannten Todeszone ausgerufen. Das Ziel: Kein russischer Soldat solle an der Front unbemerkt vorrücken können. Die Folge ist ein gläsernes Schlachtfeld, auf dem jede Bewegung am Boden beobachtet werden kann.
Mittlerweile ist es den ukrainischen Streitkräften so gelungen, die Personalüberlegenheit der russischen Truppen vielerorts auszugleichen, geben Experten an. Nach unterschiedlichen Schätzungen seien die russischen Verluste aktuell so hoch wie noch nie seit Beginn der Vollinvasion vor mehr als vier Jahren.
Soldaten in Kleingruppen statt großer Gefechte
Doch die Einsatzbedingungen in der Todeszone sind dafür umso härter. Chany hat zwei dieser kräftezehrenden Einsätze überlebt. Waschen können sich die Männer nur mit Feuchttüchern oder speziell entwickelten Trockenduschen. Wenn kein Keller zur Verfügung steht, müssen kleine Unterstände ausgehoben werden.
„In solchen Unterständen vier Monate lang zu zweit zu sitzen, ist eine komplette Katastrophe“, berichtet Chany. Denn in der Todeszone müssen die Männer selbst graben. Kein Bagger oder andere technischen Möglichkeiten könne hier mehr eingesetzt werden, berichtet der Soldat. Und vor den Drohnen in der Luft schütze eigentlich nur schlechtes Wetter.
Große Gefechte unter Beteiligung vieler Soldaten finden praktisch nicht mehr statt. Stattdessen bewegen sich russische wie ukrainische Soldaten in Kleingruppen durch die Todeszone. Sie versuchen, sich gegenseitig aufzuklären und zu bekämpfen.
Leichen unter Müll versteckt
Auch Chany und seine Kameraden werden auf ihrer Stellung mehrmals angegriffen. Aus der Luft beobachten ukrainische Drohnenpiloten die Bewegungen der russischen Soldaten und warnen ihre Kameraden am Boden über Funk. „Ich habe unten in unserer Stellung mit dem Sturmgewehr auf ihn gewartet und ihn sofort erschossen“, erinnert sich Chany an einen dieser Angriffe.
Die Männer nehmen dem getöteten russischen Soldaten Papiere, Funkgerät, Waffe und Munition ab. Dann müssen sie seine Leiche verstecken. Einige Meter vom Keller entfernt unter Büschen einer Baumreihe, wo schon die Leichen anderer Soldaten liegen. „Wir haben ihn mit Müll und Schutt zerstörter Häuser bedeckt, damit die Russen nicht sehen, von wo aus wir sie töten“, berichtet Chany.
Syrskyj-Befehl „rein symbolischer Akt“
Die Ukraine habe aktuell kaum Möglichkeiten, die harten Einsatzbedingungen ihrer Infanteristen zu verbessern, meint der Militärexperte Mykola Bjeljeskow. „Das, was wir aktuell erleben, hat es so weder im Ersten noch im Zweiten Weltkrieg gegeben.“ Damals sei das Niemandsland einige hundert Meter breit gewesen und dahinter hätten Verteidigungslinien gelegen.
Doch davon kann heute keine Rede mehr sein. Unter ständiger Überwachung und ständigem Beschuss sei es unmöglich, entsprechende Stellungssysteme zu errichten. Ebenso fehle das Personal solche Anlagen zu besetzen und zu halten. „Wir haben oft nur fünf bis zehn Personen, die einen Kilometer Front halten“, erklärt Bjeljeskow.
Die negativen Folgen für die Soldaten seien offensichtlich. „Aber das Problem hängt mit der Kriegsführung an sich zusammen.“ Den Befehl von Armeechef Syrskyj empfinden viele Beobachter und Soldaten daher als rein symbolischen Akt. Denn er löst weder das Personalproblem der ukrainischen Armee, noch werden die Gefahren für die Infanterie am Boden gemindert.
Kompletter Verzicht auf Menschen unmöglich
Auf Position auszuharren, auch monatelang, sei in vielen Fällen sicherer für alle Beteiligten, meinen Beobachter. „Unser Abzug von der Position war sehr schwer“, erinnert sich Chany. „Wir waren eingekesselt, überall waren Russen. Wir haben uns langsam von Baumreihe zu Baumreihe bewegt, versucht uns vor den Drohnen zu verstecken.“ Zwei Tage dauerte die Operation. Am ersten Tag schafften die Männer nur fünf Kilometer. Sie bewegten sich nur, wenn am Himmel keine Drohne zu hören war.
„Die technologische Entwicklung wird höchstwahrscheinlich dahin gehen, dass wir in Zukunft immer weniger Soldaten in dieser Zone einsetzen müssen“, meint Mykola Bjeljeskow. Doch ganz ohne Menschen am Boden gehe es nicht. „Die Infanterie am Boden markiert durch ihre bloße Anwesenheit die Frontlinie.“ Und damit das Gebiet unter ukrainischer Kontrolle.

