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Unterricht unter Beschuss: Wie Kiew sich auf das neue Schuljahr vorbereitet

Dr. Heinrich KrämerVon Dr. Heinrich KrämerAugust 31, 2026Keine Kommentare4 Minuten Lesezeit
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Unterricht unter BeschussWie Kiew sich auf das neue Schuljahr vorbereitet

30.08.2026, 15:18 Uhr Von Denis Trubetskoy, Kiew
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Erster Schultag 2025 in Sumy: Unterricht findet im Keller eines städtischen Gebäudes statt. (Foto: picture alliance / ASSOCIATED PRESS)

Am Dienstag beginnt in der Ukraine das neue Schuljahr. Vor allem für die Schülerinnen und Schüler in Kiew wird sich einiges ändern. Denn die Hauptstadt ist bei weitem nicht mehr so sicher wie vor den Sommerferien.

Nachdem die ukrainische Hauptstadt Kiew in der Nacht auf den Donnerstag einen der inzwischen üblichen ballistischen Angriffe erlebte, wurde die Drei-Millionen-Stadt sowohl am Donnerstag als auch am Freitag den ganzen Tag lang mit Drohnen angegriffen. Allein am Donnerstag wurde der Luftalarm 13-mal eingeschaltet, die Gesamtdauer lag bei 14 Stunden und fünf Minuten.

Ähnliches ist Kiew bereits in der letzten Woche passiert. Mit dem nächtlichen Beschuss mit kaum abfangbarer Ballistik, der seit Ende Mai im Schnitt jede dritte Nacht erfolgt, setzt Moskau darauf, die Hauptstadt lahmzulegen und die Bewohner ordentlich zu nerven. Dazu kommt die Bedrohung durch die tagsüber fliegenden Drohnen.

Am kommenden Dienstag geht in der Ukraine das neue Schuljahr los – und gerade Kiew wird mit einer anderen Sicherheitsrealität kämpfen müssen. Trotz des zurückliegenden, harten Winters mit massiven Strom- und Heizungsausfällen bei Temperaturen von bis zu minus 20 Grad war es in Kiew möglich, den Präsenzunterricht aufrechtzuerhalten. Das ist andernorts nicht so. In Charkiw beispielsweise ist der Schulbetrieb nur noch unterirdisch möglich. Auch Kiew wird sich umstellen müssen.

Die meisten Schulen setzen auf Präsenzunterricht

Es handelt sich um eine Riesenherausforderung für die mehr als 600 Schulen der Hauptstadt, die im vorigen Schuljahr fast 326.000 Kinder unterrichtet haben. Laut Stadtverwaltung gehen die weitaus meisten Schulen Kiews mit der Absicht ins neue Schuljahr, grundsätzlich auf Präsenzunterricht im Einschichtbetrieb zu setzen. Stand jetzt betrifft dies rund 95 Prozent der Schulen. Der Rest setzt gleich auf den hybriden oder vollständigen Fernunterricht. Zur Mischoption aus Präsenz- und Fernunterricht sind alle Schulen verpflichtet, die nicht über Schutzräume für alle Schüler verfügen. Kompletter Fernunterricht findet in Schulen statt, die durch den russischen Beschuss zu stark beschädigt wurden.

Da allerdings niemand vorhersagen kann, wie sich die Lage entwickelt, können sich die Pläne noch ändern. Schließlich hat Russland offensichtlich das Ziel, die ukrainische Hauptstadt unbewohnbar zu bomben. Bei den Angriffen in der Nacht auf den Donnerstag wurden zwei Schulen beschädigt, die gerade erst repariert worden waren. Von allen Bildungseinrichtungen in Kiew, darunter auch Kindergärten und Universitäten, wurden seit Beginn des russischen Vollangriffs im Februar 2022 mehr als 300 beschädigt – mehr als 100 davon in diesem Jahr. Etwa zwei Drittel wurden repariert und sind betriebsbereit, doch dies kann sich mit jedem neuen Angriff ändern.

Unterricht im Luftschutzkeller

Offiziell sind 94 Prozent der Kiewer Bildungseinrichtungen zumindest mit einfachen Luftschutzkellern ausgestattet, die insgesamt bis zu 375.000 Menschen aufnehmen können. Auf dem Papier ist dies ein Anstieg von 170.000 im Vergleich zu 2022. In Wirklichkeit sind allerdings einige der Schutzräume eher formell, weil sie aufgrund von fehlender Belüftung oder von Problemen mit Notausgängen nicht den nötigen Standards entsprechen. Trotzdem versuchen die Kiewer Schulen, ihre Schutzräume soweit möglich für Unterrichtszwecke anzupassen: mit Schreibtischen, Whiteboards, Notbeleuchtung und zusätzlicher Wasserversorgung.

Seit 2024 werden in Kiew, ähnlich wie etwa in Charkiw, in Schulen und Kindergärten zudem gezielt multifunktionale Schutzräume gebaut, die gleich für den Unterricht gedacht sind. Geplant sind insgesamt 46 Objekte. Neun davon wurden bereits eröffnet, neun weitere sollen bis Ende 2026 fertiggestellt werden. Wenn der Luftalarm mit nur kleinen Unterbrechungen ganze Tage andauert, hat die ukrainische Hauptstadt keine andere Wahl, um einen halbwegs durchgehenden Unterricht zu ermöglichen. Die Luftschutzkeller von fast 400 Kiewer Schulen haben inzwischen sogar WLAN.

Ohne Strom kein Fernunterricht

Eine weitere Priorität in Kiew ist die Stabilität der Energieversorgung bei unausweichlichen Stromausfällen. 847 Bildungseinrichtungen der Hauptstadt wurden mit eigenen Generatoren ausgestattet, weitere 210 mit Wechselrichtern auf Batterien. Gedeckt ist der Bedarf damit jedoch nicht. Vor allem gibt es keine Lösung für die Heizungsausfälle, die auf jeden Fall kommen werden.

Schon jetzt geht man in Kiew davon aus, dass die Winterferien zwischen dem 24. Dezember und dem 10. Januar länger andauern werden. Das Schuljahr endet im Mai, sodass der Juni Nachholmöglichkeiten bietet. Generell raten die Behörden den Schulen, ihr Unterrichtsprogramm verstärkt auf Herbst und Frühjahr auszurichten. Denn im tiefen Winter könnte selbst Fernunterricht schwierig werden, wenn Stromausfälle für Probleme mit Internet und Mobilfunk sorgen.

Unklar ist mit Blick auf das kommende Schuljahr, wie viele Menschen sich im Winter entscheiden werden, die Hauptstadt zumindest für ein paar Monate zu verlassen. Im letzten Jahr ist eine größere Ausreisewelle aus Kiew ausgeblieben. Damals war der Mangel an Abwehrraketen für Patriot-Flugabwehrsysteme aber auch noch nicht so kritisch wie heute.

Quelle: ntv.de

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