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US‑Lager in Ägypten attackiert: „Immer mehr Länder werden in Trumps Krieg gegen den Iran hineingezogen“

Dr. Heinrich KrämerVon Dr. Heinrich KrämerJuli 30, 2026Keine Kommentare8 Minuten Lesezeit
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US‑Lager in Ägypten attackiert„Immer mehr Länder werden in Trumps Krieg gegen den Iran hineingezogen“

30.07.2026, 19:36 Uhr Interview: Lea Verstl

Der Krieg im Nahen und Mittleren Osten erreicht das Mittelmeer-Ende des Suezkanals, wo ein LNG-Lager der USA attackiert wurde. US-Alliierte wie Ägypten werden zur Zielscheibe vom Iran und seinen Partnern. Für die US-Präsenz in der Region könne das Folgen haben, sagt Nahost-Experte Simon Wolfgang Fuchs.

ntv.de: Die fragile Feuerpause zwischen den USA und dem Iran ist vorerst beendet. Das US-Militär hat neue Angriffe auf Teheran gestartet – als „entschlossene Antwort“ auf die iranischen Angriffe auf US-Streitkräfte in Jordanien. Nimmt die Eskalationsspirale jetzt wieder an Fahrt auf?

Simon Wolfgang Fuchs: Mit dem überraschenden Schlag gegen Jordanien wollte der Iran ein Signal senden. Die Raketen, die dabei zum Einsatz kamen, waren nicht die der neuesten Generation. Also wollte Teheran nicht unbedingt Schaden anrichten – das Regime hätte US-Soldaten töten können, wie bei der Attacke Mitte Juli. Es ging eher darum, zu signalisieren: Wir sind wieder bereit für eine weitere Eskalationsstufe. Zuvor hatte der Iran über Wochen lediglich auf US-Schläge reagiert. Als Antwort auf die Attacke in Jordanien bombardiert das US-Militär die gleichen Ziele wie zuvor. Dabei stellt sich die Frage: mit welchem Effekt eigentlich?

US-Präsident Donald Trump fehlt der Plan?

Wir sind wieder in einer Dynamik gefangen, in der völlig unklar ist, wo sie hinführen soll. Die Straße von Hormus ist noch immer nicht befahrbar. Die Iraner haben ganz klar Trumps Midterms, die US-Zwischenwahlen im November, im Blick. Das Regime in Teheran hat schon angekündigt: Wir machen bis dahin einfach so weiter. Das ist für die USA keine wirkliche Option, auf die man sich einlassen kann oder auch möchte.

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Simon Wolfgang Fuchs ist außerordentlicher Professor für Islam in Südasien und dem Nahen Osten an der Hebräischen Universität Jerusalem. Zuvor forschte er an Universitäten in Freiburg, Frankfurt, Cambridge und Princeton. Für seine Forschung zum modernen Islam wurde er mehrfach ausgezeichnet. (Foto: Simon Wolfgang Fuchs)

Die Mullahs fühlen sich Trump überlegen?

Die Signale aus dem Iran gehen in verschiedene Richtungen. Die wirtschaftliche Lage ist extrem problematisch. Das Memorandum of Understanding mit Washington über den vorläufigen Waffenstillstand hatte Teheran eine kurze Atempause verschafft – in dieser Zeit konnte der Iran deutlich mehr Öl verkaufen und Einnahmen wieder in die Wirtschaft einspeisen. Im Moment gelingt das nur noch in geringerem Umfang. Zuvor wie auch während der letzten US-Seeblockade hat Iran zwar immer wieder Öltanker durchgebracht, aber in viel kleinerem Maßstab als während der Phase, in der das offiziell möglich war.

Also steht das Regime in Teheran auch selbst unter Druck?

In staatlichen Medien des Iran wird derzeit intensiv gefordert, die Einheit des Landes habe oberste Priorität. Darauf pocht auch Modschtaba Chamenei, der neue Oberste Führer. Dahinter steht ein Ringen um die Zukunft des Systems. Iran ist in keiner stabilen Situation. Man glaubt zwar, mehr Zeit zu haben als die USA. Die Zeit ist aber nicht unbegrenzt, weil die wirtschaftliche Lage desolat ist und die Inflation ungeahnte Höhen erreicht. Plötzlich gibt es teils sogar Nachschubprobleme bei Alltags-Produkten des täglichen Bedarfs – etwas, das Iranerinnen und Iraner so nicht gewohnt sind. Der Eindruck einer Überlegenheit Irans steht auf wackligem Fundament.

Inwiefern ringt der Iran um die Zukunft des Systems?

Die zentrale Frage ist weniger die Angst vor neuen Protestbewegungen. Die Gefahr erscheint im Moment relativ gering. Der Schock über die Niederschlagung der Aufstände im Januar sitzt zu tief. Es geht vielmehr um eine Debatte innerhalb des Regimes: Ob man den Weg einschlägt, Abkommen zu schließen – trotz des tiefen Misstrauens gegenüber den USA und der ständigen Gefahr neuer Angriffe, auch durch Israel. Oder ob man den Kurs absoluter Härte wählt und glaubt, man könne die Bedingungen diktieren, weil die Feinde irgendwann die Lust verlieren und akzeptieren, dass der Iran unilateral Regeln setzt.

Das heißt, die Regime-Kritiker im Iran sind momentan außer Gefecht?

Viele, die im Januar noch eine ausländische Intervention herbeisehnten fragen sich jetzt, wohin die Schläge der Amerikaner geführt haben – insbesondere angesichts der wiederholten Drohungen gegen Kraftwerke und zivile Infrastruktur. Eine solche Eskalation, die Stromversorgung oder grundlegende Lebensverhältnisse zerstört, befürworten nur sehr wenige Iranerinnen und Iraner im Land. Aus der Diaspora lässt sich das vielleicht leichter fordern – vor Ort ist das aber etwas ganz anderes.

Trump sendet Teheran widersprüchliche Signale: mal Verhandlungsbereitschaft, mal Drohungen. Was halten Sie davon?

Wir sehen ein grundsätzliches Problem: Es gibt keinen erkennbaren Lernprozess auf US-Seite im Umgang mit Iran. Es ist wieder das gleiche Paket aus vagen Angeboten, völlig überzogenen Drohungen und einem schwer nachvollziehbaren Optimismus hinsichtlich der angeblichen Geheimverhandlungen hinter den Kulissen – vermittelt von Pakistan, Katar, Ägypten und möglicherweise Saudi-Arabien.

Auch bei der Straße von Hormus gibt es kein Vorankommen?

Nicht einmal bei dieser Blockade, eigentlich noch der einfachste Fall im ganzen Konflikt, bewegt sich nichts. Das Thema stand vor dem Krieg gar nicht auf der Agenda, und doch gibt es bis heute keine Lösungen. Oman hat jüngst einen Kompromissvorschlag dür Hormus präsentiert: Freiwillige Zahlungen von Reedereien, gemeinsame Verwaltung durch den Iran und Oman. Das iranische Regime hat das weitgehend abgelehnt. Auf der Route in den Persischen Golf über die Straße von Hormus will Teheran nichts mit Oman teilen – allenfalls auf der anderen Seite, und dort nur fifty-fifty. Iran beharrt auf den Servicegebühren, die es beschlossen hat.

Trump soll sogar den Einsatz von US-Bodentruppen im Iran erwägen. Welche Möglichkeiten hätte er dafür?

Diese Drohungen halte ich für relativ leer. Der notwendige Truppenaufbau im Golf fehlt. Denkbar wären Spezialoperationen, etwa gegen die Insel Kharg mit ihren Ölterminals, aber selbst dafür sehe ich derzeit nicht genug US-Personal in der Region. Das sieht man in Teheran genauso. Zugleich ist unklar, welchen realen Schaden die amerikanischen Angriffe zurzeit anrichten. Iranische Angriffe wurden im gesamten Krieg immer wieder heruntergespielt. Doch mithilfe Russlands und Chinas zeigt sich ihre Zerstörungskraft scheibchenweise – wie beim tödlichen Angriff auf US-Soldaten in Jordanien Mitte Juli. Moskau und Peking lieferten dafür Geheimdienstinformationen und Satellitenbilder. Das wirft Fragen zur Zukunft der amerikanischen Präsenz im Golf auf, zu der Fähigkeit, eigene Truppen und Verbündete schützen zu können.

Wenn die Alliierten in der Region merken, dass der Schutz durch die Amerikaner gering ist – welche Folgen sind denkbar?

Die US-Präsenz im Nahen Osten diente stets zwei Zielen: Sicherung der Ölwege und Eindämmung des Iran. Jetzt haben wir den seit Jahrzehnten befürchteten großen Krieg gegen das Regime in Teheran – ohne klaren Ausgang. Die Frage ist: Wird ein künftiger US-Präsident überhaupt noch einmal gegen Iran in den Krieg ziehen wollen? Und wie blicken die Alliierten auf ihre eigene Sicherheit zurück angesichts der Entwicklungen? Viele Golfstaaten müssen sich fragen, ob die US-Basen ihnen mehr genutzt oder mehr geschadet haben. Machen sich diese Staaten nicht permanent zur Zielscheibe, ohne verlässlichen Schutz?

Wie beantworten die Staaten selbst diese Frage?

Es gibt Signale, dass die Region sich auf eine „Zeit nach dem Krieg“ ohne starke US-Präsenz einstellen will. Selbst die Vereinigten Arabischen Emirate, zu Beginn des Krieges besonders hart getroffen, versuchen wieder, mit Iran ins Gespräch zu kommen, Handelsbeziehungen zu pflegen und gleichzeitig enge Bande mit Israel und den USA zu halten. Ähnliches sehen wir bei Saudi-Arabien. Hinzu kommt: Die USA sind nicht mehr von Öl aus der Region abhängig, sie produzieren und exportieren selbst. Das wirft die Frage auf, ob die kostspielige militärische Infrastruktur im Golf überhaupt eine Zukunft hat. Eine signifikante Reduzierung der US-Präsenz im Golf – und im weiteren Nahen Osten – halte ich durchaus für möglich. Das würde den Raum öffnen für andere Akteure, etwa China, die bereits massiv in die Region investieren.

Ein mutmaßlicher Drohnenangriff auf ein US-Tanklager in Ägypten am Mittelmeer deutet darauf hin, dass Iran nun auch das Mittelmeerende des Suez-Korridors ins Visier nimmt. Wie gravierend ist das?

Wir wissen noch nicht genau, woher diese Drohne gestartet wurde, vieles deutet auf die Huthis hin. Das Verrückte: In Trumps Krieg gegen den Iran werden immer mehr Länder hineingezogen, die vorher gar nicht im Fokus standen. Dass die Golfstaaten so stark betroffen sind, war bereits eine Überraschung. Gestern hat Saudi-Arabien zum ersten Mal Luftschläge eingeräumt – auf schiitische Milizen im Iran. Dass jetzt Ägypten, das sich bislang weitgehend herausgehalten hat, getroffen wurde, ist extrem signifikant. Aus Sicht der Huthis macht es Sinn, das iranische Modell zu kopieren: Sie überlegen offen, Gebühren für die Durchfahrt durch das Rote Meer zu erheben oder ein ähnliches Regime zu etablieren wie Iran in Hormus.

Der Plan würde für die Huthis also aufgehen?

Geografisch sitzen die Huthis nahe an der Engstelle Bab al-Mandab. Sie könnten Küstennähe zu ihrem Vorteil nutzen, um Schifffahrt zu bedrohen. Anders als im Persischen Golf gibt es aber den Suezkanal und alternative Routen: Saudi-Öl könnte über Pipelines und andere Häfen umgeleitet werden. Trotzdem erzeugt bereits die Ankündigung einer möglichen Blockade gegen saudische Schiffe enorme Nervosität – das sieht man am Ausschlagen der Ölpreise. In der Summe zeigt all das, wie gefährlich es ist, einen ritualisierten Beschuss zwischen Iran und den USA einfach weiterlaufen zu lassen, ohne ernsthaft auf eine politische Lösung zu drängen. Immer neue Akteure und Räume, vom Kaspischen Meer über den Golf bis zum östlichen Mittelmeer,werden in den Konflikt hineingezogen.

Mit Simon Wolfgang Fuchs sprach Lea Verstl

Quelle: ntv.de

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