Der deutsche Verfassungsschutz hat nach Informationen von SWR und ARD-Hauptstadtstudio die planmäßige Beobachtung von Scientology eingestellt. Der Grund: Es gibt andere und größere Probleme.
Scientology will die Weltherrschaft. Mit diesem Satz kann man ohne Übertreibung die Lehren des lange verstorbenen Sektengründers L. Ron Hubbard zusammenfassen, an die sich seine Anhänger bis heute halten. Hubbard und die heutigen Scientologen halten sich für geistig bessere Menschen, die ständig bestrebt sind, sich noch weiter zu verbessern und in einem komplizierten Hierarchie-System aufzusteigen. Ihre Lehre ist durchsetzt von technischen und übersinnlichen Komponenten sowie den unzähligen Regeln des Sektengründers.
Um diese Regeln zu verstehen, sind viele Kurse und „Sitzungen“ nötig – die die Gruppe gegen Bezahlung anbietet. Viele Sektenforscher halten „SO“, wie Scientology abgekürzt wird, vor allem für ein lukratives Geschäftsmodell – oder sprechen noch deutlicher von Ausbeutung der Mitglieder.
Beobachtung seit 1997
1970 tauchte Scientology erstmals auch in Deutschland mit einer Niederlassung auf. Weil sich die Sekte in den 1990er-Jahren im deutschsprachigen Raum immer stärker ausdehnte und immer mehr Menschen die teuren Kurse und deren totalitären Inhalt konsumierten, wurden Politik und Verfassungsschutz auf sie aufmerksam. Ab 1997 beobachteten das Bundesamt für Verfassungsschutz und einige Landesämter die Psycho-Sekte mit nachrichtendienstlichen Mitteln. Von da an tauchte SO jährlich als festes Kapitel in den Verfassungsschutzberichten auf. Schwerpunkte waren die Bundesländer Hamburg, Baden-Württemberg und Bayern.
1998 führte die Beobachtung von Scientology sogar zu einem diplomatischen Eklat mit der Schweiz. Ein deutscher Verfassungsschützer wurde in Basel festgenommen, als er ohne Wissen der Schweiz dort Informanten aus der SO-Szene treffen wollte. Der deutsche Beamte kam mehrere Tage in Untersuchungshaft und erhielt eine Bewährungsstrafe.
Cruise und Travolta als Zugpferde
Das Bundesamt für Verfassungsschutz ging in seinem Verfassungsschutzbericht für das Jahr 2024 zuletzt davon aus, dass Scientology in Deutschland rund 3.600 Mitglieder hat. Doch trotz immer neuer Enthüllungen über prominente US-Anhänger der Sekte – wie John Travolta oder Tom Cruise – und stetigen Warnungen vor den kostspieligen Kursen und einer möglichen Gehirnwäsche, konnten die Verfassungsschützer in den vergangenen fast 30 Jahren zwar den totalitären Charakter der Vereinigung immer wieder belegen, ein drohender Umsturz ließ sich aber nicht feststellen.
Da sich in den vergangenen Jahren für den Verfassungsschutz mit der Beobachtung der AfD, russischer Sabotage, chinesischer Spionage und nordkoreanischen Hackern neben der ohnehin hohen terroristischen Bedrohung viele neue Themen ergeben haben, zog das Bundesamt nach Informationen von SWR und ARD-Hauptstadtstudio einen Schlussstrich unter den Vorgang.
Auf Anfrage erklärte das Bundesamt: „Nachdem die ‚Scientology Organisation‘ auf Bundesebene in den letzten Jahren an Relevanz verloren hat, wird ihre Bearbeitung im BfV nicht länger als bundesweiter, eigenständiger Phänomenbereich fortgeführt.“ Damit hält sich das Amt zwar die Hintertür offen, trotzdem einzelne Personen und Gruppen aus dem SO-Umfeld im Blick zu behalten.
Im zahlenmäßig besonders betroffenen Baden-Württemberg hatte das Landesamt für Verfassungsschutz nach Informationen von SWR und ARD-Hauptstadtstudio allerdings schon Anfang 2026 begonnen, die Beobachtung aufzugeben.
Speed-Run ohne Verfassungsschutz
Scientology sieht sich aber inzwischen in einer ganz anderen Art der öffentlichen Aufmerksamkeit ausgesetzt: Weil die Vereinigung in mehreren Großstädten auffallend große Geschäftsstellen betreibt, ist sie in den vergangenen Wochen zum Ziel von „Speed-Runs“ geworden, bei denen sich Menschen im Internet dazu verabreden, plötzlich so schnell und so lange wie möglich durch die Gebäude zu rennen – bis der Sicherheitsdienst sie hinausbefördert. Videos davon werden dann im Internet geteilt. Den Verfassungsschutz interessiert all das nun nicht mehr.


