Anatomie einer Verschwörungswelt · Teil 1 von 5
Wie Menschen hineinkommen, warum sie bleiben und was daraus folgt. Eine Mimikama-Serie über Einfluss, Zugehörigkeit und die Mechanik hinter „Denk selbst“. Teil 1: Wie moderne Verschwörungsseiten Menschen abholen, ohne mit Verschwörungen anzufangen.
Ein Teil des verschwörungsideologischen Milieus trat während der Pandemie noch deutlich anders auf. 2021 sah ein typischer Kanal so aus: Telegram, ein Pseudonym, ein Logo mit Auge oder Blitz, Großbuchstaben, weitergeleitete Videos mit dem Hinweis „Bitte teilen, bevor es gelöscht wird“. Wer so etwas auf Facebook postete, tat es meist verschämt – „Ich weiß, das klingt verrückt, aber …“ – und bekam dafür ein paar Dutzend Likes und den Spott der Bekannten.
2026 findet sich daneben zunehmend eine andere Form. Sie sieht so aus: Eine Frau sitzt im Auto, Sonnenbrille im Haar, Gesicht offen in die Kamera, Klarnamen-Optik. Über ihr steht in schöner Serifenschrift: „Chemtrails sind Schwermetalle. Covid war 5G. Die Welt wird von satanischen Pädophilen regiert.“ Überschrift: „Gründe, mir nicht mehr zu folgen“. Darunter läuft ein melancholischer Song. 13.000 Likes, 1.700 Mal geteilt. Die Seite wurde im Mai gegründet. Im September hat sie 41.000 Follower.
2021 · Telegram
WAHRHEITS_KANAL_2021Weitergeleitet aus: Wach_Auf_Deutschland
Wacht endlich auf!!! Chemtrails, 5G, Plandemie – die Beweise!!!
▶ Video 14:32 – „Das wird ihnen NICHT gefallen“
BITTE TEILEN, bevor es gelöscht wird!!! Sie zensieren alles. Ich weiß, das klingt verrückt, aber …
2026 · Facebook-Reel
Gründe, mir nicht mehr zu folgen …
- Chemtrails sind Schwermetalle
- Covid war 5G
- Wahlen sind manipuliert
- Die Welt wird von satanischen Pädophilen regiert
♪ LET ME BE – The Second Voice
Links: Nachempfundene Darstellung eines typischen Telegram-Posts von 2021, kein realer Kanal. Rechts: Wortlaut und Zahlen des Reels vom 17. Juli 2026, Gestaltung nachempfunden.
Zwischen diesen beiden Bildern liegt eine Veränderung, die man leicht übersieht, weil die Inhalte dieselben geblieben sind. Chemtrails gab es 2021 auch. Verändert hat sich nicht, was erzählt wird. Verändert hat sich, wer es erzählt, wie – und womit die Follower abgeholt werden. Denn das ist der eigentliche Punkt: Eine solche Seite muss niemanden mit einer Verschwörung gewinnen. Sie gewinnt ihn mit einem Thema, bei dem er längst zustimmt – Spritpreise, Miete, ein Messerangriff – und stellt die Verschwörung später daneben, im selben Bild, mit derselben Musik. Die Chemtrails sind nicht das Hauptprogramm. Sie sind die Beilage. Und weil das so ist, fühlt sich die Beeinflussung nicht wie Beeinflussung an, sondern wie Zustimmung.
Wir haben eine dieser Seiten komplett durchgesehen: 116 Beiträge aus dem Sommer 2026, jeden Text, jede Zahl, jeden obersten Kommentar notiert. Es ist eine von vielen, die gerade so aussehen. Deshalb nennen wir sie nicht. Es geht nicht um die Frau im Auto. Es geht darum, was mit einem passiert, wenn man ihr eine Woche lang zuschaut.
Früher verschämt, heute zur Schau gestellt
Dieselben Erzählungen, ein anderer Auftritt.
2021
Der Verschwörungskanal
„Ich weiß, das klingt verrückt, aber …“
- Telegram, geschlossene Gruppen, Pseudonym
- Logo statt Gesicht
- Großbuchstaben, „WACHT AUF“, weitergeleitete Videos
- Widerspruch wird gelöscht oder geblockt
- „Verschwörungstheoretiker“ ist eine Beleidigung
2026
Die Facebook-Seite
„Aluhutträgerin & Schwurblerin. Du stehst auf Realtalk? Dann bleib.“
- Facebook, öffentlich, Gesicht in jedem Post
- Selfie im Auto, Balkon, Hotelbar – Reiseblog-Optik
- Serifenschrift, Sting, Enya, The Cure
- Widerspruch bleibt stehen und wird kommentiert
- „Schwurblerin“ ist der eigene Markenname
Was 2021 versteckt wurde, ist 2026 das Profilbild.
Eine Woche im Feed – und was dabei passieren kann
Am besten sieht man es an einer echten Woche. Das hier sind sieben aufeinanderfolgende Beiträge der Seite, vom 30. August bis 6. September, in der Reihenfolge, in der Follower sie gesehen haben. Links steht, was man sieht. Rechts steht, was dabei passiert – und warum man es nicht merkt.
Sieben Posts, sieben Griffe
Eine echte Woche auf der durchgesehenen Seite. Zahlen vom Tag des Screenshots.
TagWas man siehtWas passiert
Sa, 30.8.6.813 Likes
„Wir sind auf einem Level der Dummheit angekommen, indem wie selbstverständlich bei McDonalds gegessen wird, aber Angst vor der ‚gefährlichen‘ Sonne herrscht.“
Der Einstieg ist harmlos und halb wahr. Fast Food ist ungesund, das weiß jeder. Man nickt. Dass Sonnenschutz damit nebenbei zur „Angstmache“ wird, rutscht mit durch.
So, 31.8.~2.400 Likes
„6G wird dazu verwendet werden, das Graphenoxid in den Impfstoffen zu aktivieren. Du könntest deine kognitive Freiheit verlieren.“
Die harte Verschwörung – im selben Bild, derselben Schrift, mit derselben Musik wie gestern. Wer gestern genickt hat, kann das als Fortsetzung lesen – nicht als Bruch.
Di, 2.9.6.066 Likes
„Wenn ein Kind es nicht schafft, 8 Stunden still zu sitzen, hat es plötzlich ADHS und bekommt Medikamente. Identifiziert sich ein Teenie als Fuchs, wird von Vielfalt gesprochen.“
Zurück zum Alltag: Der Post dockt an Schule, Kinder, „das System“ an – Themen, bei denen sich Eltern angesprochen fühlen können. Dass am Ende eine Trans-Karikatur steht, fällt kaum auf – sie kommt als Pointe.
Mi, 3.9.242 Likes
„Natürlich kann man den GRÜNEN die Innere Sicherheit anvertrauen. Dann ist sie halt weg.“
Der Parteiwitz fällt mit 242 Likes deutlich ab. Ob solche Unterschiede die weitere Themenwahl beeinflussen, lässt sich von außen nicht feststellen. Die Follower sehen nur, was gut lief.
Do, 4.9.3.762 Likes
„Gesunder Menschenverstand ist oft keine Gabe, sondern eine Strafe, denn du musst dich mit all denen herumschlagen, die ihn nicht haben.“
Das Kompliment. Nichts wird behauptet, es gibt nichts zu widerlegen. Wer bis hier mitgelesen hat, gehört jetzt zu denen mit Menschenverstand. Die Betreiberin kommentiert: „Wie alle wieder eskalieren und sich outen.“
Fr, 5.9.22.616 Likes
„Regenbogenfahne – kein Problem. Ukrainefahne – kein Problem. Deutschlandfahne – VERBOTEN.“
Der Rekordpost. Falsch – und der oberste Kommentar sagt das, mit 502 Antworten. Der Streit läuft mit; am Ende stehen fast 5.000 Shares. Wer schon dazugehört, kann die Kritik als Bestätigung des bereits angebotenen Wir-gegen-sie-Rahmens lesen: „Die halten es nicht aus.“
Sa, 6.9.3.527 Likes
„‚Nazi‘ ist das ‚Argument‘ der geistig Schwachen.“ Im Text: „Du hinterfragst? Nazi. Du widersprichst? Nazi.“
Der Schutzschild. Nach dem Streit von gestern bekommt die Community die Erklärung geliefert, warum alle so reagiert haben. Jeder künftige Widerspruch ist damit vorab entwertet.
Kein einziger dieser Posts sagt: Glaub mir. Zusammen können sie dafür sorgen, dass die Frage nach den Belegen immer weiter in den Hintergrund rückt.
Das ist der Kern dessen, was hier passiert. Kein Post überzeugt für sich allein. Die Reihenfolge kann es. Halbwahres, dann Falsches im selben Ton, dann Alltag, dann ein Kompliment, dann eine Provokation, dann die Erklärung, warum alle sich aufregen. Wer diese Woche mitgelesen hat, hat kein einziges Argument gehört. Trotzdem kann er nach dieser Woche anders auf den nächsten Post schauen als zuvor – weil Vertrautheit, Zugehörigkeit und die Deutung des Widerspruchs inzwischen bereits mitgeliefert wurden.
Sie verstecken sich nicht mehr. Sie stellen sich aus.
Hey, ich bin …
Aluhutträgerin & Schwurblerin.
Menschen verurteilen mich, weil ich gegen die Impfung bin, nicht an die Plandemie glaube, Chemtrails für real halte …
Du stehst auf Realtalk?
Dann bleib gern hier.
Vorstellungspost der Seite, 6. Juli 2026 – Wortlaut, Vorname von uns entfernt
5.856 Likes
464 Kommentare
Sieben Wochen nach der Gründung stellt sich die Betreiberin ihren Followern vor. Nicht mit Beruf oder Wohnort, sondern so: „Hey, ich bin …, Aluhutträgerin & Schwurblerin. Menschen verurteilen mich, weil ich gegen die Impfung bin, nicht an die Plandemie glaube, Chemtrails für real halte und mir sicher bin, dass wir von vorne bis hinten nur verarscht werden.“ Am Ende: „Du stehst auf Realtalk? Dann bleib gern hier.“ Fast 6.000 Likes für einen Post, der nichts behauptet, außer: Das bin ich, und ich stehe dazu.
Das ist die erste große Verschiebung. 2021 war „Schwurbler“ das Wort der anderen. 2026 ist es der Markenname. Die Seite trägt die Beleidigung wie ein Abzeichen und macht daraus eine Serie. „Ich kann meinen Aluhut jederzeit abnehmen. Wie siehts mit deinen Spikeproteinen aus?“ – 7.200 Likes, 2.200 Kommentare. „Meine Dummheit hat mich gerettet. Ich habe in der Schule nie aufgepasst, als wir indoktriniert wurden.“ „An manchen Tagen denke ich einfach daran, dass ich ungeimpft bin. Und schon ist die Welt wieder in Ordnung.“ Jeder dieser Posts sagt dasselbe: Ja, ihr nennt mich so. Und ich hatte recht.
Das funktioniert, weil es die Rollen tauscht. Wer sich selbst zuerst „Schwurblerin“ nennt, nimmt dem Wort den Stachel. Wer danach kommt und „Schwurblerin!“ ruft, wirkt nicht mehr wie ein Kritiker, sondern wie jemand, der den Witz nicht verstanden hat. Und die Follower, die das Wort selbst schon abbekommen haben – in der Familie, im Büro, in der Elterngruppe –, sehen zum ersten Mal jemanden, der es lachend trägt. Das ist keine Information. Das ist Entlastung. Und Entlastung kann stärker binden als ein Argument.
Die Provokation ist Absicht – und sie sagen es selbst
Ich weiß, sie provoziert aber …
wenn du nach 6 Jahren immer noch Verschwörungstheoretiker bist, dann bist du wahrscheinlich zu 80 % geistig unterentwickelt.
Post vom 24. Juli 2026 – derselbe Sound wie unter „Gründe, mir nicht zu folgen“
12.289 Likes
752 Mal geteilt
Man muss hier nichts vermuten. Es steht da. „Ich weiß, sie provoziert, aber …“, beginnt ein Post im Juli, und dann folgt die Behauptung, wer sie nach sechs Jahren immer noch „Verschwörungstheoretiker“ nenne, sei „wahrscheinlich zu 80 % geistig unterentwickelt“. 12.000 Likes. Unter dem „Gründe, mir nicht zu folgen“-Post erklärt sie ihre Methode gleich mit: „Ich hab einfach keinen Bock, Zeug rauszuhauen, dem sowieso jeder zustimmt, denn Applaus von der Masse ist billig.“ Und wenn unter einem Post der Streit losgeht, kommentiert sie selbst: „Wie alle wieder eskalieren und sich outen.“
Vom Widerspruch überrascht ist die Seite jedenfalls nicht. Sie provoziert ausdrücklich und verarbeitet die Reaktionen anschließend selbst weiter. Und die Provokation wird verfeinert. Das „Gründe, mir nicht zu folgen“-Reel vom 17. Juli ist nicht ihr einziger Versuch mit diesem Dreh. Drei Tage später kommt dieselbe Liste gespiegelt: „Macht euch nicht über Kinder lustig, die an den Weihnachtsmann glauben. Es gibt Erwachsene, die glauben, dass Chemtrails eine Lüge sind, Fluorid nicht schädlich ist, die Agenda 2030 nicht existiert …“ Eine Woche nach dem Reel, mit exakt demselben Sound unterlegt, der „80 Prozent“-Post. Drei Varianten derselben Mechanik innerhalb weniger Tage zeigen jedenfalls, dass Provokation auf dieser Seite kein einmaliger Ausrutscher ist. Ob dahinter eine bewusst ausgearbeitete Strategie steckt oder schlicht die Erfahrung, welche Beiträge besonders gut funktionieren, können wir nicht wissen. Beobachtbar ist: Das Muster wird wiederholt.
Von null auf 41.000 in 16 Wochen
Follower der durchgesehenen Seite laut Metas Seitentransparenz und eigenen Angaben – ohne bezahlte Werbung.

17. Mai
Seite erstellt. Eine Person verwaltet sie, Standort Deutschland.
24. Juni
Erster Post mit über 9.000 Likes – nach fünf Wochen.
2. August
Meilenstein-Post: „20.000! Euer Vertrauen. Eure Treue.“
6. September
41.470 Follower. Keine Werbeanzeigen laut Transparenzangaben.
Verdopplung in fünf Wochen. 2021 wäre das ein mittelgroßer Telegram-Kanal gewesen. 2026 ist es eine Frau mit Handy.
Was das heute einbringt
In elf Wochen kamen auf der Seite rund 398.000 Likes und 67.000 Shares zusammen. Der größte einzelne Post ist keine Verschwörung, sondern eine Provokation, die man in zwei Minuten prüfen kann: Die Deutschlandfahne sei in Deutschland verboten. 22.600 Likes, 3.200 Kommentare, fast 5.000 Mal geteilt. Sie ist nicht verboten. Der oberste Kommentar sagt genau das – „Wo bitte ist die Deutschlandfahne verboten??? Jeder kann, darf …“ – und hat 502 Antworten. Der Post lief nicht trotz des Widerspruchs. Er lief mit ihm – zeitgleich mit massivem Widerspruch. Dass der Widerspruch die Reichweite verursacht hat, behaupten wir damit nicht.
Danach kommen: Selenskyj kaufe Casinos, während Merz seiner Tochter eine Villa finanziere – 19.500. Warum es nach 40 Jahren keinen HIV-Impfstoff gebe, aber einen Corona-Impfstoff binnen einer Woche – 16.400. „Deutschland wird ohne Krieg ruiniert – von der eigenen Regierung“ – 16.300. Bill Gates wolle die Weltbevölkerung per Impfung reduzieren – 8.100. Wir haben alle Posts nach Themen sortiert und geschaut, was eigentlich am besten läuft. Likes sind kein psychologischer Fragebogen – sie sagen nicht, warum jemand reagiert. Aber sie zeigen, was Resonanz bekommt. Das Ergebnis hat uns überrascht.
Was auf so einer Seite Likes bringt
Typische Likes je Thema, 108 Posts mit lesbaren Zahlen, Sommer 2026. Angegeben ist der mittlere Post – die Hälfte liegt darüber, die Hälfte darunter.
Ukraine und Geld (7 Posts)6.570
„Ich bin Schwurblerin“ + Behauptung – Hybrid (5)5.856
Über sich selbst, ohne Behauptung (7)3.044
Impfen und Medizin (6)2.886
Verschwörungen: Gates, Chemtrails, Agenda … (12)2.538
Regierung allgemein (32)1.022
Das ist die zweite Verschiebung, und sie ist die wichtigere. Die Verschwörung ist auf so einer Seite nicht mehr das Hauptprogramm. Sie ist die Beilage. Serviert wird sie zwischen Dingen, die man ohnehin ärgerlich findet – Spritpreise, Miete, Ukraine-Milliarden, ein Messerangriff in Dortmund –, und weil alles gleich aussieht, rutscht sie mit durch. Am Montag die Spritpreise in Polen, am Dienstag die 1.670 neuen Handys für Abgeordnete, am Mittwoch Bill Gates. Selbes Bild, selbe Schrift, selbe Musik. Wer beim Sprit genickt hat, nickt bei Gates leichter mit – ohne den Übergang zu merken. Und wer die Chemtrails lächerlich findet, hat trotzdem beim Sprit genickt – und bleibt.
Aufschlussreich ist auch, was schlecht läuft. Videos, in denen sie selbst spricht, ohne Text im Bild: ein paar hundert Likes. Posts mit nachrechenbaren Zahlen zu Detailthemen – Visa-Statistik, Einbürgerungen, Chatkontrolle: unter 500. Je konkreter und prüfbarer, desto schwächer. Mit einer Ausnahme: Eine falsche Zahl läuft hervorragend, wenn sie ein Gefühl trifft. Die Deutschlandfahne zeigt es.
Fünf Muster, die Widerspruch schwerer machen
Wie alle wieder eskalieren und sich outen.
Kommentar der Betreiberin unter ihrem eigenen Post, September 2026
19 Antworten
„Manipulation“ ist schnell gesagt. Man kann es aber konkret machen, weil sich die Griffe auf dieser Seite so regelmäßig wiederholen, dass man sie zählen kann. Es sind fünf – und alle fünf haben dieselbe Eigenschaft: Sie funktionieren nur, solange man sie nicht bemerkt. Deshalb sehen sie nicht aus wie Überzeugungsarbeit. Sie sehen aus wie Zustimmung, wie Humor, wie ein Nebensatz.
Fünf Griffe, die sich in 116 Posts wiederholen
Mit Originalzitaten von der durchgesehenen Seite.
1
Das Kompliment
„Du hinterfragst? Dann bist du hier richtig.“
In mindestens neun Beiträgen, in Varianten. Wer bleibt, gehört zu den Klugen. Wer geht, zur Masse. Wer gerade für klug erklärt wurde, hat wenig Anlass, den nächsten Post zu prüfen.
2
Die Umkehr
„Wenn dich das triggert, sagt das etwas über dich.“
Kritik wird gedeutet, bevor sie kommt. Wer widerspricht, widerlegt nichts – er zeigt nur, dass er es nicht aushält.
3
Die Mischung
Spritpreise, Messerangriff, Impfplan, Bill Gates – ein Ton.
Wahres, Halbwahres und Falsches in derselben Schrift zur selben Musik. Wer beim Sprit genickt hat, nickt bei Gates leichter mit.
4
Die Bühne
„Wie alle wieder eskalieren und sich outen.“
Kritiker werden nicht gelöscht, sondern vorgeführt. Der Streit gilt der Community als Beweis, dass die Seite recht hat – und erzeugt Interaktion, die zur Sichtbarkeit beitragen kann.
5
Der Mitbau
„Welche unbequeme Wahrheit fehlt noch auf der Liste?“
Die Follower dürfen das Weltbild erweitern. Wer selbst einen Punkt beigesteuert hat, hat einen Grund mehr, die Liste zu verteidigen.
Kein Griff fühlt sich wie ein Griff an. Das Kompliment fühlt sich wie Anerkennung an, die Umkehr wie Schlagfertigkeit, die Mischung wie Vielfalt, die Bühne wie Offenheit, der Mitbau wie Mitsprache.
Diese fünf Muster begleiten uns durch die Serie. Im nächsten Teil geht es um Umkehr und Bühne: Was geschieht mit einem Argument, wenn es nicht beantwortet, sondern als „Trigger“, Angriff oder Beweis gegen den Kritiker umgedeutet wird? Teil 3 beschäftigt sich anschließend mit dem Kompliment: Warum Zugehörigkeit manchmal wichtiger wird als die einzelne Behauptung. Und Teil 4 mit dem Mitbau – dem Moment, in dem aus Followern Verteiler werden.
Reichweite ist Handwerk
Dass hier nicht nur gepostet, sondern gearbeitet wird, sieht man an Details, die beim normalen Scrollen leicht übersehen werden. Ein bis zwei Beiträge pro Tag, jeden Tag, elf Wochen lang. Immer der Standort „Berlin“, egal ob das Bild eine Talsperre, einen Strand oder ein Kreuzfahrtschiff zeigt. Immer Musik, und immer die gleiche Sorte: Sting, Enya, Moby, The Cure, das Twin-Peaks-Thema. Traurig, nie wütend. Der Effekt ist jedenfalls ein anderer als beim alten „WACHT AUF“-Stil: Die Botschaft erscheint ruhiger, persönlicher und anschlussfähiger.
Und unter dem Text, nach den Hashtags, steht bei jedem Post eine Zeile, die kein Mensch zum Lesen schreibt. Unter dem Teich-Post: „Eigenständiges Denken fördern, unbequeme Wahrheiten aussprechen, kritisches Denken Social Media, Mainstream Meinung hinterfragen, Denkverbote Deutschland, authentisch bleiben Social Media“. Unter einem Impfpost: „Impfkritik, Impfplan Kinder, Impfungen hinterfragen, selbstbestimmte Gesundheit, freie Impfentscheidung“. Die Zeilen wirken wie bewusst gesetzte Such- und Themenbegriffe, für jeden Post neu aufs Thema zugeschnitten. Ob und für welchen Suchmechanismus sie optimiert wurden, lässt sich von außen nicht feststellen.
Auffällig ist, welche Wörter darin fehlen: Chemtrails, Graphenoxid, Wahlbetrug, satanisch. Stattdessen „kritisches Denken“, „Eigenständigkeit“, „Meinungsfreiheit“, „Mainstream hinterfragen“. Für jemanden, der nach solchen Begriffen sucht, erscheint der Account damit sprachlich eher als Angebot für kritisches Denken denn als Verschwörungsseite – auch für Leute, die mit Chemtrails nie etwas anfangen könnten. Ob das so gemeint ist, wissen wir nicht. Aber so wirkt es.
Was bleibt
Der Verschwörungserzähler von 2026 ist kein Geheimniskrämer mehr. Er ist ein Creator. Er hat gelernt, dass Widerspruch nichts kostet, sondern zahlt. Dass „Schwurbler“ als Markenname besser funktioniert denn als Beleidigung. Dass man ein Weltbild am leichtesten verkauft, wenn man es nicht als Weltbild verkauft, sondern als Charaktereigenschaft: mutig, wach, unbequem. Und dass die Verschwörung selbst dabei nur noch die Beilage ist – das Hauptgericht sind Wut auf die Regierung, Wut auf Fremde und das gute Gefühl, es besser zu wissen.
Ob die Frau im Auto das alles so plant oder einfach macht, was läuft, wissen wir nicht. Für die Frage, wie Menschen in solche Feeds hineinkommen, ist das auch zweitrangig. Man kommt wegen der Spritpreise. Und merkt irgendwann nicht mehr, wann Bill Gates angefangen hat.
Nächster Teil
In diesem Teil haben wir gesehen, wie Menschen in solche Feeds hineinkommen. Doch was passiert, wenn sie dort angekommen sind? Teil 2: Warum „Denk selbst“ oft bedeutet: Denk wie wir – wie Kritik in solchen Räumen nicht mehr als Gegenargument funktioniert, sondern als Beweis.
Quellen
- Die Serie: Teil 2: Warum „Denk selbst“ oft bedeutet: Denk wie wir · Teil 3: Warum das gute Gefühl stärker sein kann als der Beleg · Teil 4: Vom Follower zum Verstärker · Teil 5: Was davon außerhalb des Internets übrig bleibt
- Mimikama: Auswertung von 116 Beiträgen einer Facebook-Seite, 24. Juni bis 6. September 2026; Seitentransparenz, Beiträge, Kommentare und Zahlen archiviert –
- TikTok: Sammlung zum Trend „Reasons to follow or unfollow me“ (abgerufen 6. September 2026)
- Meta Transparency Center: Facebook Reels AI system – Reels werden an Nutzer ausgespielt, die dem Creator nicht folgen; Signale und Gewichtung legt Meta nicht offen
- Hintergrund zu sozialen Motiven beim Teilen von Verschwörungsinhalten: Ren, Dimant, Schweitzer, Beyond belief, 2023; Douglas, Sutton, Cichocka, The Psychology of Conspiracy Theories, 2017