Vertrauen neu lernenWie man das Gift einer toxischen Beziehung hinter sich lässt

Wer aus einer toxischen Beziehung kommt, hat oft unsichtbare Wunden: Misstrauen, Selbstzweifel, Dauer-Alarm. Der Weg zurück ins Vertrauen ist schwer – und kann trotzdem gelingen.
Wenn eine Beziehung scheitert, bleiben meist neben vielen schönen Erinnerungen auch ein paar Narben zurück. Und vermutlich der Wunsch, es beim nächsten Mal besser zu machen.
Besonders schwer ist das, wenn die letzte Beziehung viele ungesunde Anteile hatte und toxisch war. Schon 2021 gaben in einer Parship-Umfrage 36 Prozent der Befragten an, sie seien schon einmal in einer toxischen Beziehung gewesen. Demnach sahen 41 Prozent der befragten Frauen und 31 Prozent der Männer mindestens eine Beziehung ihres Lebens als toxisch an. 15 Prozent der Frauen und 7 Prozent der Männer hatten dies sogar mehr als einmal erlebt.
Das ist gar nicht so verwunderlich, sagt Paarberater Jonathan Makkonen ntv.de. „In der Regel suchen wir in Beziehungen nach gewohnten Mustern. Das können Muster aus der Kindheit sein oder eben auch Muster, die man in Beziehungen schon erlebt hat. Selbst wenn sie ungesund für uns waren, sind sie uns in irgendeiner Form vertraut.“
Psychologische Schäden
Umso schwieriger ist es, sich aus diesen Verstrickungen zu lösen. Nach toxischen Erfahrungen ist der Weg in eine ehrliche und gesunde Partnerschaft besonders schwer, denn die emotionalen Schäden, die Menschen aus toxischen Beziehungen davontragen, sind groß. „Durch diese Erfahrung kann das Vertrauen in andere Menschen generell, aber auch in die eigene Wahrnehmung stark erschüttert werden“, sagt Makkonen. „Man traut sich selbst irgendwie nicht mehr und fragt sich, was war mit mir los, warum habe ich das nicht gemerkt?“
Bei vielen Betroffenen hat auch das Selbstwertgefühl massiv Schaden genommen, weil die toxischen Botschaften aus der Beziehung oft noch lange nachwirken. Das können Glaubenssätze sei wie: „Ich bin schwierig“, oder „Ich bin nicht liebenswert.“
Das Problem ist außerdem, dass das Gehirn nach einer toxischen Beziehung regelrecht auf Drama, Adrenalin und emotionale Achterbahnen konditioniert ist. „Viele entwickeln einen dauerhaften Alarmzustand, weil das Nervensystem ständig nach möglichen Gefahren oder nach Zurückweisung sucht“, beschreibt Makkonen diese Gefühlslage.
Deshalb sollte die eigene Heilung zunächst Vorrang vor der Suche nach einer neuen Beziehung haben. Auch wenn eine Beziehung vielen Menschen Halt gebe, müsse man sich für eine gewisse Zeit in seinem eigenen Leben an die erste Stelle setzen, meint der Paarberater. Diese Zeit dient auch dazu, die eigenen Grundannahmen über Liebe, Nähe und den eigenen Wert anzuschauen. Dabei können Fragen helfen, wie: Was habe ich über Beziehungen gelernt? Was glaube ich, „aushalten“ zu müssen? Was halte ich für „normal“?
Neue Muster lernen
Um nicht wieder auf das gewohnte Muster einzubiegen, müsse man sich auf der Suche nach der nächsten Beziehung bewusst dagegen entscheiden. Makkonen vergleicht das mit der Umstellung auf eine gesündere Ernährung. „Ich muss mich fragen: Was fühlt sich für mich gesund an? Und nicht: Was fühlt sich für mich gewohnt an? Sonst greife ich wieder zur Chipspackung, anstatt mir was Gesundes zu kochen.“ Im besten Fall hat man eine Liste mit dem, was man sich in einer neuen Beziehung wünscht: Verlässlichkeit beispielsweise oder respektvolles Streiten – und was nicht: Abwertungen, On-off und Gaslighting.
Eine normale und gesunde Beziehung ist im Gegensatz zu so einer toxischen Beziehung oft sehr viel ruhiger und entspannter. Die starken Schwankungen zwischen intensiver Nähe und plötzlichem Rückzug, kalter Distanz oder gar passiver Aggression fallen weg. Viele verwechseln Mechanismen wie „Love-Bombing“, also völlig übertriebene Zuwendung, viele Komplimente, teure Geschenke und große Versprechen, mit aufkeimender Liebe. Und wenn es kein Love-Bombing gibt, übersehen sie auch möglicherweise entstehende Gefühle.
Makkonen rät Menschen mit toxischen Beziehungserfahrungen deshalb, sich beim Dating auf jeden Fall Zeit zu lassen. Vor allem aber „dem Verhalten von Personen mehr Gewicht zu geben als einem Bauchgefühl, Worten oder Versprechungen“. Natürlich müsse es eine Anziehung geben, „man darf ruhig auch seine paar Kriterien haben, die einem wichtig sind, damit man sich erst mal gefällt, doch Gefühle sollten nicht der einzige Maßstab sein“.
Offenheit und Vorsicht
Vielmehr lohne es sich, zu schauen, ob die kennengelernte Person ein stabiles soziales Netzwerk hat und vielleicht auch ihre Lebensthemen bereits aufarbeitet – und gleichzeitig das Gleiche für sich tun. Wenn man sich wirklich binden will, wird man vermutlich eine Phase von Unsicherheit aushalten müssen. In dieser Zeit kann man darauf achten, ob Grenzen akzeptiert werden, wie die Konfliktfähigkeit in der sich entwickelnden Beziehung aussieht oder auch, ob die neue Partnerperson Fehler eingestehen und Verantwortung übernehmen kann. All das sind sogenannte Green Flags, also Zeichen für eine gesunde Beziehungsfähigkeit.
„Man testet sich ja auch selbst“, meint Makkonen. „Wie reagiere ich in der Anbahnung einer neuen Beziehung? Kann ich schon wieder vertrauen oder nicht? Kann ich mich auf etwas einlassen? Höre ich auf meine kleinen Wahrnehmungen, statt mir Erklärungen für bestimmte Verhaltensweisen zu überlegen?“
Im besten Fall sei die alte toxische Beziehung das klare Bild davon, was man auf keinen Fall will. „Offenheit und Vorsicht sind keine Gegensätze“, meint der Experte. „Vertrauen sollte nicht verschenkt werden, aber auch nicht dauerhaft verweigert werden. Es muss sich eben Schritt für Schritt aufbauen.“
Nur weil man von einem Menschen getäuscht wurde, bedeute das nicht, dass man grundsätzlich eine schlechte Menschenkenntnis hat oder nie wieder lieben wird. „Man kann es schaffen, sich wieder auf die Liebe einzulassen.“
