Am Ende des Jahres scheidet UN-Generalsekretär Guterres aus seinem Amt aus. Zwei Männer und vier Frauen kämpfen um seine Nachfolge. Eine Frau stand in der 80-jährigen Geschichte noch nie an der Spitze.
Die Präsidentin der UN-Generalversammlung, Annalena Baerbock, hat für heute Abend zu einer Fragerunde mit den bisher sechs möglichen Nachfolgerinnen und Nachfolgern für UN-Generalsekretär António Guterres eingeladen. Der Portugiese scheidet zum Jahresende aus dem Amt aus.
Es wird eine Art Schaulaufen der vier Kandidatinnen und zwei Kandidaten. Im Stil eines Townhall-Formats müssen die Bewerberinnen und Bewerber Fragen der beiden Moderatoren und der Vertreter der UN-Mitgliedsstaaten beantworten. Damit geht die Suche nach einer Nachfolge für Guterres in die entscheidende Phase.
Die Präsidentin der UN-Generalversammlung, Annalena Baerbock hat stets betont, es sei endlich Zeit für eine Frau an der Spitze der UN:
Wie kann es sein, dass es in 80 Jahren noch nie eine Frau als Generalsekretärin gab, obwohl die Hälfte der Weltbevölkerung, der wir dienen sollen, Frauen und Mädchen sind?
Tatsächlich haben sich in den vergangenen Monaten vier Kandidatinnen aus jener Regionalgruppe beworben, die diesmal an der Reihe ist, das Spitzenamt der Vereinten Nationen zu besetzen: Lateinamerika. Vor zwei Monaten hatten die frühere Außenministerin von Ecuador, María Fernanda Espinosa, und die ehemalige Außenministerin und frühere Direktorin der Welternährungsorganisation, Carolyn Rodrigues-Birkett, ihre Bewerbung erklärt. Schon seit einem halben Jahr kandidiert die ehemalige Vizepräsidentin Costa Ricas, Rebecca Grynspan.
Frühere chilenische Präsidentin kandidiert
Die wohl prominenteste Kandidatin ist die frühere Präsidentin von Chile, Michelle Bachelet. Sie war die erste Exekutivdirektorin der UN-Frauenorganisation UN Women. Bei ihrer Vorstellung bekräftigte sie die Rechte von Frauen. Auch das Recht, sich für eine Abtreibung zu entscheiden: „Frauen müssen selbst über ihr Leben entscheiden, auch darüber, wie viele Kinder sie haben wollen.“
Diese Haltung gilt vielen Republikanern im US-Kongress als „zu woke“, weshalb US-Außenminister Marco Rubio aufgefordert wurde, ein Veto gegen Bachelet einzulegen. Auch die Vetomacht China hat ein Problem mit Bachelet, weil sie als UN-Hochkommissarin für Menschenrechte die Behandlung der Uiguren in China kritisierte. Somit gilt Bachelet als eher chancenlos.
Ebenso wie einer der beiden männlichen Bewerber, der frühere Präsident von Senegal Macky Sall. Er kommt nicht aus Lateinamerika, herrschte in seinem Land autoritär und wird von der Afrikanischen Union nicht unterstützt.
Gute Chancen für Argentinier Grossi?
Bleibt ein zweiter männlicher Bewerber: Der argentinische Diplomat Rafael Grossi, seit 2019 Generaldirektor der Internationalen Atomenergie-Organisation. UN-Beobachter wie Maya Ungar von der unabhängigen Denkfabrik Crisis Group sehen aufgrund seiner Erfahrungen in Atomkonflikten gute Chancen für Grossi: „In seiner Rolle musste er mit vielen großen Playern wie USA, China und Russland sprechen, vermitteln, mit ihnen in ständigem Austausch bleiben und medial präsent sein. Er gilt als echter Favorit in diesem Wahlkampf.“
Entscheidend ist, wer von den Bewerbern im UN-Sicherheitsrat mindestens neun der 15 Stimmen bekommt. Und – noch wichtiger – wer von allen fünf Vetomächten akzeptiert wird. Schon nächste Woche gibt es die ersten Probeabstimmungen im Sicherheitsrat.
Kommt es am Ende doch anders?
Auch wenn sich Baerbock eine Frau an der UN-Spitze wünscht, könnte es am Ende sein, dass erneut die Vetomächte USA, China, Russland, Frankreich und Großbritannien den nächsten Generalsekretär unter sich ausmachen. Im Gespräch ist zum Beispiel der frühere bulgarische Außenminister Nikolai Mladenov. Die Trump-Regierung hatte ihn im Januar zum Vorsitzenden des Friedensrates für Gaza gemacht. Statt einer Frau aus Lateinamerika wäre es dann ein Mann aus Osteuropa.

