Analyse
Die Wirtschaft wächst, doch viele Amerikaner leiden unter hohen Lebenshaltungskosten. Der US-Arbeitsmarkt verliert an Schwung, die Staatsverschuldung steigt. Wie steht es um die Wirtschaft der Vereinigten Staaten?
Vor den Zwischenwahlen am 3. November versucht US-Präsident Donald Trump, die wirtschaftliche Entwicklung als Erfolg seiner Regierung darzustellen. Doch an der Tankstelle, im Supermarkt und bei der Finanzierung eines Eigenheims erleben viele Amerikaner eine andere Realität.
Eine Umfrage der University of Michigan zur Verbraucherstimmung zeigt, dass die Menschen derzeit weniger zuversichtlich in Bezug auf die US-Wirtschaft sind als während der Corona-Pandemie 2020 oder der Finanzkrise 2008. Dabei befindet sich das Land – anders als damals – nicht in einer Rezession.
Was sind die Midterms?
Am 3. November 2026 finden in den USA die Zwischenwahlen (Midterms) für die beiden Kammern des US-Kongresses statt. Alle Abgeordneten des Repräsentantenhauses und etwa ein Drittel des Senats werden dann neu gewählt.
Die Midterms sind ein wichtiger Stimmungstest für den US-Präsidenten. Sie finden zwei Jahre nach einer Präsidentenwahl statt, also knapp vor der Hälfte der vierjährigen Amtszeit eines Präsidenten.
Derzeit haben die Republikaner von Präsident Donald Trump in beiden Kammern die Mehrheit, was ihm hilft, seine Vorhaben vergleichsweise leicht durchs Parlament zu bringen. Sollten die Demokraten bei den Midterms die Mehrheit im Repräsentantenhaus oder Senat gewinnen, würde sich das ändern.
Außerdem werden am 3. November in 36 Bundesstaaten und drei Territorien (US-Außengebiete) die Gouverneure neu gewählt, also die Regierungschefs der Bundesstaaten.
Wachstum entwickelt sich positiv
Das Bruttoinlandsprodukt (BIP) ist einer der wichtigsten Indikatoren für die wirtschaftliche Entwicklung. Im dritten Quartal 2026 wuchs die US-Wirtschaft annualisiert um 3,4 Prozent – nach 2,2 Prozent im zweiten und 2,5 Prozent im ersten Quartal.
Trump betont im Wahlkampf immer wieder, dass das Wachstum noch nie zuvor so stark gewesen sei. Doch die Zahlen sagen etwas anderes. Das BIP ist unter Trump im vergangenen Jahr um 2,3 Prozent gewachsen. Das ist zwar solide, aber nicht so stark wie das Wirtschaftswachstum unter Biden. Im Jahr 2024 lag dieses bei 3,0 Prozent, 2023 bei 2,9 Prozent. Das zeigen Zahlen des US-Handelsministeriums.
„Die US-Wirtschaft wächst derzeit recht robust, wenngleich nicht in besonders hohem Tempo“, sagt Klaus-Jürgen Gern vom Institut für Weltwirtschaft in Kiel gegenüber der ARD-Finanzredaktion. Aktuell deute wenig auf eine bevorstehende spürbare Abschwächung hin.
Das Wachstum komme vor allem aus der Privatwirtschaft, erklärt Thomas Obst, Volkswirt und Experte für Auslandskonjunktur am Institut der Deutschen Wirtschaft (IW) Köln. „Trotz sehr schlechter Verbraucherstimmung bleibt der private Konsum stabil und treibt das BIP-Wachstum.“ Auch Investitionen trügen dazu bei.
Inflation belastet die Haushalte
Trump hatte versprochen, die Inflation einzudämmen. Bei einem Wahlkampfauftritt am 3. Oktober sagte er: „Wir haben fast keine Inflation.“ Doch im September lagen die Verbraucherpreise 3,7 Prozent über dem Vorjahresmonat – und damit deutlich über dem Zwei-Prozent-Ziel der US-Notenbank.
Nach einem Rückgang zu Beginn des Jahres trieben die gestiegenen Energiepreise die Verbraucherpreise wieder an. „Obwohl die Inflation Anfang 2026 schon Richtung Zwei-Prozent-Ziel fiel, löste der Iran-Krieg eine Energiekrise aus, die auch die Inflation in den USA treibt“, erklärt Obst im Gespräch mit der ARD-Finanzredaktion. Besonders Benzin und Diesel belasten die Haushalte.
„Vom Wirtschaftswachstum profitieren derzeit vor allem Unternehmen, und es kommt über steigende Aktienkurse vor allem den Vermögenden zugute“, sagt Gern vom Institut für Weltwirtschaft in Kiel. Die Einkommensschere sei weiter auseinander gegangen. „Der größere Teil der Amerikaner mit geringen Vermögen und unterdurchschnittlichen Einkommen leidet hingegen unter den gestiegenen Lebenshaltungskosten“, so Gern.
Zölle lassen die Preise steigen
Auch Trumps Zollpolitik wirkt sich auf die Preise aus. Nach Berechnungen der Federal Reserve erhöhten die 2025 eingeführten Zölle die Preise für Konsumgüter bis Februar 2025 um 2,9 Prozent. Das Budget Lab der Yale University schätzt, dass dies einen durchschnittlichen Haushalt in diesem Jahr 1.100 Dollar kosten wird.
Gern zufolge sind die Folgen der Zollpolitik bislang aber geringer als von vielen Analysten befürchtet. Die tatsächlich gezahlten Zölle fielen deutlich niedriger aus, als es die angekündigten Zollsätze erwarten ließen.
Die Zölle hätten dennoch Folgen für die Industrie: Zwar planten einige Unternehmen, ihre Produktion in die USA zu verlagern. Gleichzeitig erschwerten die Handelsbarrieren bestehende Produktionsabläufe und belasteten vor allem exportorientierte Unternehmen. „Ein von manchen befürchteter Rückgang der Produktion im Verarbeitenden Gewerbe ist per Saldo aber nicht eingetreten. Sie ist zuletzt vielmehr leicht gestiegen“, so Gern.
Arbeitsmarkt verliert an Schwung
Der Arbeitsmarkt liefert ein gemischtes Bild. Die Arbeitslosenquote lag im September bei 4,2 Prozent und damit weiterhin auf einem vergleichsweise niedrigen Niveau.
Gleichzeitig entstanden außerhalb der Landwirtschaft lediglich 29.000 neue Stellen. Unter Biden hatte die US-Wirtschaft 2023 und 2024 monatlich rund 200.000 Arbeitsplätze hinzugewonnen. „Gerade das Versprechen von Trump, die Mittelschicht in Amerika durch gut bezahlte Stellen im Verarbeitenden Gewerbe zu stärken, hat bisher nicht stattgefunden“, sagt Obst vom IW Köln.
Gern verweist darauf, dass nicht nur die Beschäftigung, sondern auch das Arbeitskräfteangebot langsamer wächst. Die Nettozuwanderung sei praktisch zum Stillstand gekommen. Deshalb bleibe die Arbeitslosenquote trotz des schwachen Jobwachstums bei etwas über vier Prozent.
KI-Boom treibt Investitionen
Ein wesentlicher Wachstumstreiber sind die Unternehmensinvestitionen, insbesondere in Künstliche Intelligenz (KI), Halbleiter, Rechenzentren und Energieinfrastruktur. Obst sieht darin eine wichtige Stütze der Konjunktur. Gern vom Institut für Weltwirtschaft in Kiel betont, dass der KI-Boom maßgeblich für die wirtschaftliche Stärke sei, sich aber nicht auf Maßnahmen der Trump-Regierung zurückführen lasse.
Ob sich die milliardenschweren Ausgaben langfristig rechnen, ist offen. Der Boom könnte die Produktivität steigern. Bleiben die Erträge jedoch hinter den Erwartungen zurück, droht eine Überinvestition.
US-Staatsverschuldung extrem hoch
Ein weiteres Risiko sind die US-Staatsfinanzen. Die Bundesschulden überschritten im August erstmals die Marke von 40 Billionen Dollar. „Der Schuldenstand liegt inzwischen bei 125 Prozent des Bruttoinlandsprodukts, fast so viel wie in Italien“, sagt Gern. Der hohe Finanzierungsbedarf treibe die Kapitalmarktzinsen nach oben, zugleich stiegen die Zinslasten im Haushalt deutlich.
„Damit übernimmt die nachfolgende Administration eine schwere Hypothek“, sagt Gern. Auch die erschwerte Einwanderung bremse das Wachstum auf längere Sicht, weil weniger zusätzliche Arbeitskräfte zur Verfügung stünden. Das wiederum mache es schwieriger, die Schuldenquote zu senken.
Robuste Wirtschaft mit Risiken
Wie unterschiedlich die Folgen ausfallen, zeigt eine Analyse des Economist. Demzufolge dürften Trumps Politikmaßnahmen die ärmsten zehn Prozent der US-Haushalte 2026 im Schnitt fast drei Prozent ihres Einkommens kosten. Die reichsten zehn Prozent könnten dagegen fast drei Prozent hinzugewinnen. Haushalte mit mittleren Einkommen müssten laut der Analyse mit Einbußen von mehr als 400 Dollar rechnen.
Die US-Wirtschaft wächst derzeit, der Konsum bleibt stabil, und die KI-Investitionen laufen auf Hochtouren. Gleichzeitig belasten Inflation, schwächere Neueinstellungen und hohe Schulden die Aussichten. Die wirtschaftliche Lage lässt sich deshalb weder als Krise noch als außergewöhnlichen Boom beschreiben. „Die amerikanische Volkswirtschaft trägt nach wie vor eine große Dynamik in sich. Es zeigen sich aber Risse im System“, so Obst.

