Das Wacken Open Air findet jedes Jahr in einem kleinen Dorf in Schleswig-Holstein statt. Doch längst ist es ein weltweites Ereignis. Mittlerweile sind auch die Besitzverhältnisse international. Was heißt das für das Festival?
Diese Geschichte fängt am Ende an, wenn die 85.000 Metalfans vom „Holy Ground“ abgezogen sind. Dann gehört die kleine, aber weltweit bekannte, Gemeinde Wacken in Schleswig-Holstein wieder ihren ursprünglichen Einwohnern und den Kühen, die dort friedlich grasen.
Magnete im Kuhmagen
Kühe sind keine Feinmotoriker: Mit ihren kräftigen Zungen reißen sie büschelweise Gras aus dem Boden – und manchmal auch Metall. Echtes Metall, keine Schallwellen. Zeltheringe, Nägel, rasiermesserscharfe Dosenlaschen. Alles, was trotz genauer Absuche auf dem Feier- und Campground übersehen wird und dann in den Mägen der Wiederkäuer landet.
Das könnte zum Problem werden, doch die Kühe von Wacken haben große Magnete in ihren Mägen. Diese ziehen den Schrott an und binden ihn, sodass die Tiere zumeist keinen Schaden davontragen. So macht es ein Landwirt in Wacken, wie er dem NDR erzählt. 19 Landwirten gehört das etwa 400 Hektar große Land, umgerechnet mehr als 500 Fußballfelder, auf dem für wenige Tage im Jahr der Ausnahmezustand herrscht.
Der Acker als Geschäftsmodell
Die kurze Zeit, in der sie ihr Land ans Festival geben, ist für viele Bauern so attraktiv, dass sie ihr betriebliches Anbauschema komplett auf das Festival umgestellt haben. So berichtet es der Landwirt Sönke Trede. Ihm gehört der „Holy Ground“, die unmittelbare Fläche vor den beiden großen Festival-Bühnen: „Die Ackerfrucht ist dann einer Grasnarbe gewichen, weil die für die Autos besser befahrbar ist.“
Vom Metal-Fan auf dem Dorf zum Millionär: Die Wacken-Gründerväter Thomas Jensen (links) und Holger Hübner. Ihr Leben ist mehrfach in Film- und Fernsehen verfilmt worden.
Die Wall Street auf dem „Holy Ground“
Wer sich dem Ort nähert, sieht den schwarzen Wacken-Turm – tatsächlich ein ehemaliger Siloturm – bereits von Weitem. Darauf prangen die großen Buchstaben: W:O:A (für Wacken Open Air) wie das Signum eines mächtigen Großunternehmens. Es ist vergleichbar mit den Logos von Möbel- oder Autoherstellern.
Der finanzielle Wert der Marke Wacken lässt sich schwer beziffern. 2019 veräußerten die beiden Unternehmensgründer, Freunde und Ur-Wackener Holger Hübner und Thomas Jensen 55 Prozent ihrer Anteile an den global agierenden britischen Festivalkonzern Superstruct Entertainment.
Dieser wurde im Jahr 2024 wiederum für rund 1,3 Milliarden Euro von einem noch größeren US-amerikanischen Private-Equity-Riesen namens KKR mit Sitz an der Wall Street übernommen. Einer Schätzung des Finanzexperten Stefan Loipfinger zufolge, den die NDR1-Welle-Nord Wacken-Reporter für ihren Podcast interviewt haben, erhielten die beiden Unternehmensgründer für ihren Anteilsverkauf gemeinsam mindestens 40 Millionen Euro.
Fans aus aller Welt mit Vorliebe für dunkle Klamotten und laute Musik
Doch das „W:O:A“ ist kein Möbelstück und kein Automobil. Wacken ist eine Dorffete, die 1990 vom Acker aus die Welt eroberte. Ein gewachsenes Gefühl und ein Spirit, der eine große Fanbase mit Vorliebe für dunkle Klamotten und laute Musik über Kontinente hinweg zusammenschweißt – und wie ein großer Magnet aus den abgelegensten Orten der Welt nach Schleswig-Holstein zieht. Ein festes Ritual. Zu Tausenden stürmen sie den „Holy Ground“, werfen sich auf den Boden und küssen den Acker, um dann friedlich miteinander zu feiern.
Gehört dazu, wie Röhrenverstärker und Dezibel: Regen und Schlamm auf dem „Holy Ground“.
Die Utopie im Schlamm
Diese seit Jahrzehnten durchgehend zu beobachtende friedliche Grundstimmung und die gegenseitige Hilfsbereitschaft der Fans sind mittlerweile selbst zu einem Teil des Mythos Wacken geworden. Doch was heißt das: Mythos? Es könnte doch sein, dass die von sterblichen Wesen geschaffenen Mythen mit der Zeit verfallen?
Durchschnittsalter der Metal-Legenden: 70 Jahre
Götter altern nicht. Aber die Metal-Legenden aus Fleisch und Blut schon. Das Durchschnittsalter der drei verbleibenden Musiker aus der Debüt-Besetzung von Judas Priest, einem der prominentesten diesjährigen Headliner, beträgt 75 Jahre.
Bei den Jungs von Deep Purple, Iron Maiden und den Scorpions, Stars der vergangenen Jahre, liegt das Durchschnittsalter bei 70. In einem Raum des ehemaligen Dorfgasthofes gibt es eine Gedenkstätte für Festival-Ikone Lemmy Kilmister. Sie erinnert an den legendären Motörhead-Frontmann, der bereits vor rund zehn Jahren gestorben ist. In einer Vitrine lassen sich seine Cowboystiefel und sein E-Bass bestaunen. Vor der Tür prangt eine Lemmy-Statue, die eine Urne mit einem Teil seiner Asche enthält.
Neuer Headliner und zäher Ticketverkauf
Deshalb „Heavy-Metal“-Totengesang? Nein, keineswegs. Ein Blick auf die offizielle W:O:A-Seite offenbart: Junge Musiker und Bands bekommen Auftrittschancen und werden gefördert. Zudem wird Wacken weiter modernisiert. Auf dem Infield haben die Veranstalter neue Drainagerohre verlegt, damit der Regen besser abfließen kann.
Aber ein Selbstläufer, wie in den Jahren zuvor, ist das Festival nicht mehr. Erst spät war es ausverkauft. Mit neuen Metal-Größen wie Sabaton und Powerwolf bahnt sich zwar ein Generationswechsel an. Nur sind die Power-Metaller aus Schweden und dem Saarland außerhalb der eigenen Szene kaum bekannt – während Songs wie „Smoke on the Water“ oder „Wind of Change“ längst zum populären Allgemeingut gehören.
Tickets, Preise, Lebenshaltung: Fans rechnen genauer
Metalfans sind treu. Viele kommen bereits seit Jahrzehnten. Erst kamen sie mit Zelt und Isomatte, später charterten sie Wohnmobile. Erst teilte man sich ein Dixi-Klo mit vielen, dann hatte man ein eigenes für sich. Per elektronischer Karte ist der Luxus Stufe für Stufe zubuchbar.
Das Festival kommt in die Jahre und wird kommerzieller – nicht alle Fans ziehen da mit.
Luxus im „Moshtel“
Dazu zählen Edel-Wohncontainer, Blockhütten und hotelähnliche „Moshtels“: mit reservierten Parkplätzen, eigenem Gastro-Bereich und Wellness-Bus. Da rauschen mal schnell bis zu 2.400 Euro durch die Kreditkarte. Aus Sicht der Investoren ist es eine logische Entwicklung, den Konsum pro Besucher und pro Quadratmeter Festivalfläche zu maximieren.
Treue Fans, wachsende Sorgen
Der Rendsburger Wacken-Fan Kai Kirchner, der auch im Wacken-Podcast von NDR1 Welle Nord zu Wort kommt, blickt mit gemischten Gefühlen auf das W:O:A, das am 29. Juli beginnt. Der Rendsburger errichtet mit seinen Freunden regelmäßig eines der größten Camps auf der Wiese. Kirchner hält dem Festival die Treue.
Im letzten Jahr hätten sie noch mit den Festivalgründern Holger Hübner und Thomas Jensen ausgiebig gefeiert. Doch aus seiner Gruppe hätten mindestens zwei Leute ihre Teilnahme endgültig abgesagt, erzählt er. Er befürchtet, dass es noch mehr werden könnten. Die magnetische Anziehungskraft des Wacken Open Air ist immer noch da. Aber nur so lange, wie die Metalfans ihren inneren Kompass auch danach ausrichten.
