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Wann kommt der Preisschock?: Die Schonfrist für den Ölmarkt läuft ab

Dr. Heinrich KrämerVon Dr. Heinrich KrämerAugust 2, 2026Keine Kommentare6 Minuten Lesezeit
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Wann kommt der Preisschock?Die Schonfrist für den Ölmarkt läuft ab

02.08.2026, 11:12 Uhr Von Hannes Vogel
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Attacken auf Schiffe gab es zu Beginn des Kriegs vor allem im Persischen Golf, zuletzt aber auch im Roten Meer und im Mittelmeer. (Foto: REUTERS)

Trotz monatelanger Blockade der Straße von Hormus ist die weltweite Ölversorgung nicht kollabiert. Doch alle Faktoren, die dramatische Lieferengpässe bisher verhindert haben, werden schwächer. Das Horrorszenario am Energiemarkt liegt weiter in der Luft.

Mit dem Iran-Krieg ist es wie mit vielen Kriegen, die lange andauern und keinen klaren Sieger hervorbringen: Irgendwann setzt eine Gewöhnung ein. Nach der Tötung von Ajatollah Chamenei und den Angriffen der israelischen und US-Luftwaffe auf das Mullah-Regime explodierte der Ölpreis ab Ende Februar zunächst auf zwischenzeitlich weit über 100 Dollar im April. Doch dann ging er dank einer zeitweiligen Waffenruhe zwischen Washington und Teheran spürbar zurück. Obwohl sich beide Seiten nun wieder seit Wochen jeden Tag mit Luftangriffen beharken, liegt er inzwischen nur noch gut ein Viertel über dem Niveau vor Beginn des Krieges. Die von vielen Experten befürchtete Katastrophe auf dem Öl- und Energiemarkt ist ausgeblieben.

Obwohl immer noch nur ein Bruchteil des Tankerverkehrs durch das Nadelöhr an der Straße von Hormus fließt wie vor dem Iran-Krieg, ist die Versorgung mit Öl nicht zusammengebrochen. Weltweit ächzen zwar Milliarden Menschen unter höheren Preisen für Diesel, Benzin und Kerosin. Aber katastrophale Lieferengpässe, Flugausfälle, Fahrverbote oder leere Supermarktregale – all das ist bisher nicht in großem Umfang eingetreten.

Doch diese Ruhe ist trügerisch. Die Welt ist bislang an einem Horrorszenario vorbeigeschrammt, weil sich die Energiemärkte schneller als erwartet an den kriegsbedingten Lieferinfarkt am Persischen Golf angepasst haben. Doch diese Entlastung steht auf wackligen Füßen. Das Kriegsgeschehen ist zuletzt wieder eskaliert, ein Ende nicht absehbar. Alle Faktoren, die den historischen Öl-Schock bislang verhindert haben, schwächen sich immer weiter ab. Die Atempause am Ölmarkt wird nicht ewig halten.

Das Schlimmste dürfte noch kommen

Der Chef der Internationalen Energie-Agentur (IEA), Fatih Birol, warnte kürzlich, dass es bald brenzlig werden könnte. „Angesichts der Eskalation der Feindseligkeiten können wir uns bei der Ölversorgung nicht in Sicherheit wiegen“, sagte Birol. „Die vollständige und bedingungslose Öffnung der Straße von Hormus ist notwendig, um eine weitere Verschärfung der globalen Energiesicherheitslage zu verhindern.“

Die Gründe einer solchen Verschärfung liegen auf der Hand: Da sind als allererstes die Kampfhandlungen selbst: Nach einem kurzen Waffenstillstand ist der Iran-Krieg wieder voll entflammt. Trump hat die Waffenruhe für tot erklärt, die Iraner haben die bisherigen Verhandlungen als „nutzlos“ bezeichnet und die Straße von Hormuz erneut geschlossen. Beide Seiten stehen wieder am Anfang. Sie erneut an den Verhandlungstisch zu bekommen, ist deutlich schwieriger als beim ersten Mal. Denn das Vertrauen zwischen Teheran und Washington ist völlig dahin. Beide haben das geschlossene Abkommen gebrochen und rücken nicht von ihren Maximalforderungen ab.

Birol nennt zudem einige „Dämpfungsfaktoren“, die bisher das Schlimmste verhindert haben. Unter anderem konnten die Ölproduzenten am Golf einen Teil ihrer Lieferungen über alternative Routen wie die saudische Ost-West-Pipeline nach Yanbu am Roten Meer oder die Abu-Dhabi-Rohölpipeline in den Vereinigten Arabischen Emiraten nach Fujairah am Golf von Oman umleiten. Andere Länder, vor allem die USA selbst, Brasilien, Venezuela, Kasachstan und Russland haben ihre Exporte hochgefahren. Zugleich konnte China dank großer Reserven seine Öl-Importe um fast die Hälfte gedrosselt und so den Weltmarkt stabilisiert.

Die Märkte leben auf Pump

Vor allem aber haben die IEA-Mitgliedsländer den Markt mit ihren Notfallreserven geflutet: fast 290 Millionen Barrel seit dem entsprechenden Beschluss am 11. März. Und diese Reserven gehen nun zur Neige. Der Internationale Währungsfonds (IWF) schätzt, dass trotz alternativer Routen während des Krieges im März, April und Mai nur etwa sieben Millionen Barrel Rohöl vom Gold auf den Weltmarkt gelangen – statt rund 20 Millionen Barrel täglich wie vor dem Krieg. Die Differenz wurde nur zu einem geringen Teil von anderen Produzenten aufgefangen (1,7 Millionen Barrel). Viel entscheidender waren demnach die Senkung des Ölverbrauchs (5,8 Millionen Barrel) und die Reserven (4,1 Millionen Barrel).

In der Ölversorgung der Welt klafft also eine Lücke von mehreren Millionen Barrel täglich, die nur mithilfe der strategischen Ölreserven der IEA-Länder und Chinas geschlossen werden kann. Falls der Iran-Krieg unvermindert weitergeht, dürfte es daher nur eine Frage der Zeit sein, bis der befürchtete Öl-Schock doch noch kommt. Der Ölmarkt „lebt auf Pump“, bringt es das US-Portal CNBC auf den Punkt.

Auch der IWF warnt, dass die derzeitigen Ölpreise die „historische Disruption“ der Ölversorgung nicht vollständig abbilden. Beim Beginn des Iran-Krieges hätten die Märkte Zeit und Spielraum gehabt, den Schlag zu verdauen. Der sei nun „kleiner und schrumpft weiter, da Reservekapazitäten aktiviert worden seien, die Nachfrage sinke und Lagerbestände abgebaut worden seien. Aber: Falls sie nicht wieder aufgefüllt werden, startet die Welt beim nächsten Schock aus einer schwächeren Position.“ Bei der Wiederaufnahme der Kampfhandlungen war der Sicherheitspuffer schon viel geringer als bei Beginn des Konflikts Ende Februar.

Selbst in Ägypten brennen jetzt die Tanker

Gemessen am Umfang des Lieferausfalls ist der Iran-Krieg laut IWF schon jetzt verheerender als es der Iran-Irak-Krieg in den 80er Jahren oder die Ölkrisen der 70er Jahre je waren, obwohl die noch deutlich länger dauerten. Und der Ausblick ist düster: Alternative Produzenten können die Lücke nicht dauerhaft füllen, wie die Zahlen des IWF zeigen, dafür ist der Ausfall zu groß. Und die alternativen Lieferrouten im Nahen Osten geraten inzwischen ebenfalls in Gefahr.

Die mit dem Iran verbündeten Huthi-Milizen im Jemen haben begonnen, Tanker an der Einmündung ins Rote Meer zu beschießen, und drohen damit, die strategische Meerenge ebenso abzuriegeln wie die Straße von Hormus. Damit sind nicht nur die wenigen Öllieferungen in Gefahr, die Saudi-Arabien bisher überhaupt noch über das Rote Meer verlassen. Auch der weltweite Containerhandel durch den Suez-Kanal könnte damit nun bald noch viel empfindlicher getroffen werden als bisher. Drohnen haben zudem inzwischen sogar Gastanker im Mittelmeerhafen Damietta in Ägypten in Brand gesetzt, wie die Behörden dort bestätigten.

Die Ölmärkte lässt all das bislang erstaunlich kalt. Sie setzen immer noch darauf, dass der US-Präsident zwar mit dem Säbel rasselt, aber am Ende einlenkt, weil er sich keine dauerhaft höheren Ölpreise vor den US-Kongresswahlen im Herbst leisten kann. Doch der sogenannte TACO-Trade („Trump always chickens out“), die Wette darauf, dass Trump nach großspurigen Drohungen in Konflikten am Ende stets einknickt, ist diesmal deutlich riskanter. Trump macht bisher keine Anstalten, einzuknicken.

Womöglich könnten sich die Erwartungen bald verschieben. Spätestens Anfang 2027 würden die Ölpreise aus ihrem bisherigen Korridor von 80 bis 100 Dollar ausbrechen, falls der Iran-Krieg weitergeht, warnte vor wenigen Wochen bereits der Chef des staatlichen italienischen Ölkonzerns ENI. Der einzige Weg das zu verhindern, ist ein dauerhafter Frieden am Persischen Golf.

Quelle: ntv.de

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