Eine Nachricht wirkt wie eine Paketankündigung, ein Anruf wie der Kontakt zur Bank, eine Werbung wie eine seriöse Geldanlage. Onlinebetrug beginnt meist in vertrauten digitalen Situationen. Erst später wird sichtbar, dass hinter dem Kontakt kein einzelner Täter, sondern ein professionell organisiertes System stehen kann.
Der europäische „State of Scams Report 2026“ der Global Anti-Scam Alliance, kurz GASA, verdeutlicht die Größenordnung. Für die Untersuchung wurden 22.260 Erwachsene in 15 europäischen Ländern befragt.
Drei von vier Befragten begegneten demnach innerhalb eines Jahres mindestens einem Betrugsversuch. E-Mail, Telefon und SMS waren die häufigsten Kontaktwege. Zugleich gaben 16 Prozent der befragten Eltern an, auch ihr Kind habe bereits einen Betrugsversuch erlebt.
Mimikama Warnradar
Aktuelle Betrugsmaschen verändern sich schnell und tauchen oft in leicht abgewandelter Form wieder auf. In unserem Mimikama-Warnradar erscheinen deshalb täglich neue Hinweise zu Phishing, Paketbetrug, gefälschten Behördennachrichten und weiteren digitalen Täuschungen. Die Einträge zeigen, wie die jeweilige Masche aufgebaut ist, woran sie erkennbar wird und welche Reaktion sinnvoll ist.
Selbstvertrauen schützt nur begrenzt
Die meisten Menschen halten sich nicht für leichtgläubig. 71 Prozent der Befragten in Europa sagten, sie könnten Betrugsversuche erkennen. Trotzdem reagiert ein beträchtlicher Teil auf verdächtige Kontakte, oft nicht aus Leichtsinn, sondern weil die Nachricht zunächst plausibel wirkt.
Ein Klick auf eine Paketbenachrichtigung, ein angenommenes Gespräch mit einer vermeintlichen Bankmitarbeiterin oder ein kurzer Blick auf eine angebliche Investmentseite genügt bereits als Interaktion. Genau das geschah bei 44 Prozent jener Befragten, die zuvor einem Betrugsversuch begegnet waren. Bei rund jeder fünften dieser Interaktionen kam es anschließend zu einem finanziellen Schaden.
Damit geht es nicht um eine kleine Gruppe, die Warnzeichen grundsätzlich übersieht. Die Masse macht das Geschäft. Wenn Millionen Menschen täglich E-Mails, SMS, Anrufe und Anzeigen erhalten, müssen nur wenige Kontakte erfolgreich sein, damit hohe Summen zusammenkommen.
Oft schützt auch keine aufwendige Prüfung, sondern eine Gewohnheit. Viele reagieren grundsätzlich nicht auf unerwartete Nachrichten. Andere brechen ab, weil Sprache, Absender oder Forderung nicht stimmig wirken. Solche Routinen helfen, solange der Betrugsversuch erkennbar aus dem Rahmen fällt. Je besser eine Nachricht jedoch an reale Abläufe angepasst ist, desto weniger greifen diese Warnsignale. Moderne Phishing-Nachrichten wirken nicht mehr zwingend fehlerhaft oder überzogen. Sie sehen oft genau so aus, wie eine echte Mitteilung aussehen könnte.
Die Milliardensumme ist eine Schätzung
Knapp 49 Milliarden Euro Schaden in Europa sind eine Zahl, die kaum greifbar ist. Sie entspricht nicht einer einzigen großen Betrugsserie, sondern vielen einzelnen Verlusten. Einer Überweisung an einen falschen Händler, einem angeblichen Investment, gestohlenen Zugangsdaten oder mehreren kleineren Zahlungen, die sich über Monate summieren.
Der europäische GASA-Bericht beziffert den durchschnittlichen Verlust unter den finanziell Geschädigten auf 2.735 US-Dollar. Für Deutschland kommt die Untersuchung auf einen durchschnittlichen Schaden von 2.619 Euro und schätzt den gesamten Verlust innerhalb eines Jahres auf knapp zwölf Milliarden Euro.
Diese Werte stammen nicht aus einer vollständigen Liste aller angezeigten Fälle. GASA befragte Menschen zu ihren Erfahrungen und übertrug die ermittelten Durchschnittswerte auf die erwachsene Bevölkerung. Hohe Verlustangaben wurden zusätzlich geprüft. Für Deutschland beruht die Berechnung auf 167 Befragten, die angaben, tatsächlich Geld verloren zu haben.
Die Zahl ist deshalb keine exakte Schadensabrechnung, sondern eine Hochrechnung. Sie macht dennoch sichtbar, wie groß das Problem sein kann. Onlinebetrug besteht nicht nur aus spektakulären Einzelfällen mit sehr hohen Summen. Die Belastung entsteht auch durch viele kleinere Schäden, die sich über Millionen Betroffene hinweg zu Milliardenbeträgen addieren.
Betrug funktioniert als Lieferkette
Viele Betrugsmaschen werden nicht von einer Person vollständig gesteuert. Ein Netzwerk kann gestohlene Daten beschaffen, gefälschte Profile betreiben, Anzeigen schalten, Gespräche führen und Zahlungen verschleiern. Für jeden Teil existieren eigene Dienste und spezialisierte Gruppen.
In Südostasien haben sich nach Erkenntnissen internationaler Organisationen große Betrugszentren entwickelt. Berichte beschreiben Anlagen in Kambodscha, Myanmar und Laos, in denen zahlreiche Menschen unter Zwang arbeiten sollen. Sie werden angeworben, verschleppt oder mit falschen Jobversprechen in die Region gebracht.
Der Begriff „Betrugsfabrik“ beschreibt diese arbeitsteilige Struktur. Kontakte werden nach Skripten aufgebaut, Gespräche dokumentiert und aussichtsreiche Zielpersonen weitergereicht. Besonders bei Anlagebetrug und sogenanntem Pig Butchering entsteht über Wochen oder Monate Vertrauen. Erst danach folgt die Forderung nach Geld.
Dabei sind nicht alle Personen in solchen Zentren freiwillige Täter. Ein Teil gilt als Opfer von Menschenhandel und Zwangsarbeit. Diese Doppelrolle erschwert Razzien und Strafverfolgung. Eine Schließung kann Beschäftigte befreien, die kriminelle Infrastruktur aber zugleich an einen anderen Ort verdrängen.

Mehr zu diesem langfristigen Vertrauensaufbau erklärt der Mimikama-Beitrag über Pig Butchering und Investmentbetrug.
Europas Problem beginnt vor der Zahlung
Die Diskussion über Südostasien darf nicht den Eindruck erzeugen, Europas Rolle beginne erst beim fertigen Betrugsanruf. Die Netzwerke benötigen Plattformen, Werbekonten, Telefonnummern, Zahlungswege, Kryptowährungsdienste und Konten für den Geldtransfer.
Damit liegt ein Teil der Infrastruktur auch in den Ländern, in denen die Opfer leben. Eine gefälschte Investitionsplattform braucht Hosting. Eine betrügerische Anzeige braucht Reichweite. Eine Überweisung braucht einen Zahlungsweg. Genau an diesen Stellen können Banken, Plattformen, Telekommunikationsanbieter und Behörden eingreifen.
Die GASA-Befragung zeigt zugleich eine fragmentierte Meldelandschaft. Menschen wenden sich an Banken, Polizei, Plattformen, Telekommunikationsunternehmen oder ihr privates Umfeld. Die Informationen landen dadurch an verschiedenen Stellen und ergeben selten ein gemeinsames Lagebild.
Auch die Rückholung des Geldes bleibt begrenzt. Im europäischen Bericht erklärten 35 Prozent derjenigen, die ihren Verlust gemeldet hatten, dass Geld vollständig oder teilweise erstattet worden sei. Für Deutschland lag dieser Anteil bei 39 Prozent.
Sanktionen treffen die Infrastruktur
Nach der vorliegenden Darstellung haben die USA und Großbritannien zuletzt stärker auf Finanzsanktionen und Beschlagnahmen gesetzt. Solche Maßnahmen richten sich nicht nur gegen einzelne Chatkontakte. Sie sollen Unternehmen, Vermögenswerte und Zahlungsnetzwerke treffen, die groß angelegten Betrug ermöglichen.
Die EU reagiert bisher stärker über Zusammenarbeit, Regulierung und nationale Strafverfolgung. Das führt nicht zwingend zu Untätigkeit, wirkt aber weniger gebündelt. Zuständigkeiten verteilen sich auf Mitgliedstaaten, EU-Behörden, Verbraucherschutz, Finanzaufsicht und Plattformregulierung.
Öffentliche Aufklärung bleibt notwendig. Sie kann jedoch keine organisierte Industrie ersetzen, die täglich neue Varianten testet. Schutz entsteht erst, wenn verdächtige Werbung schneller verschwindet, Zahlungen wirksamer geprüft und Daten grenzüberschreitend ausgewertet werden.
Die Studie liefert dafür ein wichtiges Signal: Onlinebetrug ist nicht nur eine Folge individueller Fehlentscheidungen. Er ist ein internationales Infrastrukturproblem.
FAQ
Sind alle Betrugsversuche in Europa mit Südostasien verbunden?
Nein. Der GASA-Bericht weist nicht aus, aus welchen Regionen die einzelnen Kontakte stammen. Betrug wird auch innerhalb Europas und aus anderen Weltregionen organisiert.
Warum erkennen Menschen den Betrug oft erst nach einer Zahlung?
Moderne Maschen imitieren vertraute Abläufe und bauen gezielt Zeitdruck oder Vertrauen auf. In vielen Fällen weist erst eine Bank, eine Plattform oder eine nahestehende Person auf den Betrug hin.
Was sollte nach einer Überweisung geschehen?
Die Bank oder der Zahlungsdienst sollte sofort informiert werden. Zusätzlich sollten Chats, Rufnummern, Kontodaten und Zahlungsbelege gesichert sowie der Vorfall bei Plattform und Polizei gemeldet werden.
Global Anti-Scam Alliance
2026
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Deutsche Welle
14. Juni 2026
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