Während Deutschland händeringend nach Pflegekräften sucht, ist der Beruf in Australien gefragt wie selten zuvor – dank guter Bezahlung, sicherer Karriereperspektiven und gesellschaftlicher Anerkennung.
Patienten duschen, Betten beziehen, Blut abnehmen: So sieht ein typischer Vormittag für Nishaud Kuti im Krankenhaus in Melbourne aus. Die 23-Jährige steckt noch mitten im Studium – in Australien gehört es dazu, schon währenddessen verschiedene Praktika zu absolvieren.
Für Nishaud ist Pflegerin schon lange ihr Traumjob. „Weil ich mich um Menschen kümmern möchte. Das ist zwar die Standardantwort, aber ich glaube, sie stimmt wirklich.“ Wenn man als Patient im Krankenhaus eine tolle Pflegekraft habe, werde man sich immer an sie erinnern, ist sie überzeugt.
Ansturm auf Pflegestudiengänge
In Australien ist das dreijährige Studium zur Pflegefachkraft seit Jahren im Trend. Laut aktuellen Zahlen des Berufsverbands für Pflegekräfte aus dem Jahr 2024 haben sich mehr als 28.000 junge Menschen für das Pflegestudium entschieden – fast 30 Prozent mehr als zehn Jahre zuvor. An den meisten Universitäten gibt es inzwischen weit mehr Bewerber als Studienplätze.
Pflege erfährt besondere Wertschätzung
Besonders die große Wertschätzung, die der Pflegeberuf in Australien erfährt, mache ihn für junge Menschen attraktiv, sagt Tania Beament, stellvertretende Dekanin an der Pflegehochschule der Edith Cowan University in Perth. Seit der Corona-Pandemie sei diese Anerkennung noch einmal deutlich gewachsen.
„In Australien ist die Pflege der Beruf, dem die Menschen am meisten vertrauen. Von der Geburt bis zum letzten Atemzug – eine Pflegekraft darf einen Menschen auf diesem ganzen Lebensweg begleiten. Das ist etwas ganz Besonderes“, sagt Beament. Ganz anders die Situation in Deutschland: Umfragen von Berufsverbänden zeigen immer wieder, dass sich Pflegekräfte hierzulande deutlich mehr Anerkennung wünschen.
Pflegefachkraft unter Topverdienern
Auch finanziell lohnt sich der Beruf in Australien. Das durchschnittliche Jahresgehalt liegt laut Annie Butler vom Berufsverband bei umgerechnet etwa 60.000 Euro. Damit gehören Pflegefachkräfte zum oberen Drittel der Einkommen im Land.
Nur rund 30 Prozent der Australier verdienen genauso viel oder mehr. Hinzu kommen Zulagen für Zusatzqualifikationen: Wer etwa einen Master-Abschluss hat, erhält eine entsprechende Zulage.
Weniger Patienten pro Pflegekraft
Ein weiterer deutlicher Unterschied zeigt sich in der alltäglichen Arbeitsbelastung. Während in Deutschland laut Bundesministerium für Gesundheit je nach Fachbereich zwischen zehn und 20 Patienten auf eine Pflegekraft kommen, sind es in Australien laut Butler lediglich vier. Das spürt auch Nishaud Kuti in ihren Praktika: „Wenn man Hilfe braucht, sind gleich zwölf Leute da und sagen: ‚Klar, ich helfe dir‘. Das ist wirklich schön“, schwärmt sie.
Trotzdem werden die Studierenden in Australien auf hohe Belastung in ihrem Berufsalltag vorbereitet, meint Kara Bella Obbietivo, die an der University of Adelaide studiert. „Mein Jahrgang macht bald seinen Bachelorabschluss. Uns wurde gesagt: Wir sollen uns bewusst machen, dass man als Pflegekraft zwar für andere da ist, aber auch auf sich selbst achten muss“, sagt sie.
Mangel auf dem Land
Trotz des Andrangs auf die Pflegestudiengänge gibt es auch in Australien Engpässe, vor allem abseits der Großstädte. Das bestätigt Olivia Gallagher, Leiterin des Department of Nursing an der University of Western Australia.
Um genau dieses Problem anzugehen, hat ihre Universität seit diesem Jahr einen neuen Bachelor of Nursing eingerichtet, der gezielt auf ländliche Gebiete ausgerichtet ist. Studierenden wird ermöglicht, im Fernstudium zu lernen und Praxisstationen vor Ort zu durchlaufen.
Auch für internationale Studierende attraktiv
Australiens Pflegestudium wird auch für internationale Studierende immer beliebter. Laut Bildungsministerium hat sich die Zahl ausländischer Studienanfänger in Pflegestudiengängen in den vergangenen zehn Jahren mehr als verdoppelt. Ein Grund dafür seien bessere Chancen auf eine Aufenthaltsgenehmigung.
Nishaud Kuti aus Melbourne hat noch ein Jahr Studium vor sich. Danach will sie sich mit einem Masterstudium auf Intensiv- und Notfallpflege spezialisieren – um dann in ihrem Traumjob als Pflegerin durchzustarten.
