„Weißer Rausch“ in Lappland Wenn der Opioid-Krieg an die Haustür klopft

An der finnisch-schwedischen Grenze treibt ein Mörder sein Unwesen. Brutal. Ohne Gnade. Egal ob mit Nagelpistole oder Schusswaffe. Er sucht etwas – und an seine Fersen heftet sich Ermittlerin Ronja. Sie muss schnell handeln, sonst droht ein Massensterben in der Region.
Das Leben in Lappland ist hart. Wer hier lebt, hat sich bewusst dafür entschieden. Temperaturen, die gern mal unter 30 Grad minus fallen, führen dazu, dass schon kleinste Fehler lebensbedrohlich werden können. Handschuhe oder Mütze vergessen? Die Jacke schließt nicht mehr? Ein Loch im Schuh? Die Folgen sind unansehnlich. Und dennoch lieben Menschen wie Kriminalkommissarin Ronja das Leben in Lappland, genauer an der finnisch-schwedischen Grenze, in der sogenannten Twin City Tornio-Haparanda.
Im Normalfall muss sich die Polizei mit im Schnee stecken gebliebenen Autos herumschlagen, kleineren Diebstählen, Schlägereien. Das Übliche also. Aber die Grenzregion lädt natürlich auch zu Schmuggel ein. Kautabak ist da noch das Harmloseste. Neuerdings scheinen Drogen des Öfteren unbemerkt den Weg über die Grenze zu finden. Sie fallen bei den Süchtigen der Stadt auf fruchtbaren Boden. Erst kommt das Glücksgefühl, dann die Gewalt – und dann der Tod.
Alter Schwede!
Ronja wird mit ihrem Partner zu einem Einsatz gerufen. Doch was die beiden Polizisten vorfinden, raubt selbst ihnen die Sprache: ein Toter, mit einer Nagelpistole ins Jenseits befördert; die Eltern des Getöteten mit Nägeln an den Tisch getackert.
Und weiter geht’s. Ein anderer Tatort. Verdacht auf häusliche Gewalt. Die Probanden sind – wie es so schön heißt – polizeibekannt. Doch vor Ort gerät die Sache schnell außer Kontrolle. Drogen sind im Spiel, darunter Fentanyl. Dazu misshandelte Kinder, ein bis aufs Blut gereizter Hund. Als wäre das noch nicht genug – Ronjas Partner ist bereits außer Gefecht -, taucht noch ein Schießwütiger auf. Aus dem Nichts. Schwede, wie Ronja an ein paar Wortbrocken erkennt.
Wenig später taucht eine weitere Leiche im Parkhaus des örtlichen Einkaufszentrums auf. Eine Frau. Die Kniescheibe zerschossen. Das Gesicht zertreten. Gefoltert, um an irgendeine Information zu kommen, wie Ronja vermutet. Es scheint um Fentanyl und eine unvorstellbar große Menge Geld zu gehen. Beides ist verschwunden – oder jemandem abhandengekommen. Die Zeit läuft gegen Ronja und ihr grenzübergreifendes Ermittlerteam, denn zu allem Überfluss mischt nun auch noch der Staatsschutz mit.
Eiskalter Sucker-Punch-Thriller
Diese Gemengelage führt der finnische Autor Anu Ojala in „Weißer Rausch“ ins Feld, dem fulminanten Start seiner „Lappland“-Trilogie. Als Leser oder Hörer des bei Droemer Knaur und Argon erschienenen Werks gerät man schon nach den ersten Minuten in Atemnot, so schnell nimmt die Geschichte Fahrt auf. Durchatmen ist nicht. Stattdessen direkt auf die Zwölf. „Weißer Rausch“ ist ein Sucker Punch, ein Schlag, der sämtliche Sauerstoffreserven auf einmal frisst.
Die Sprache, gelesen wird „Weißer Rausch“ eindrucksvoll von Lina Syren, ist direkt, ungekünstelt. Wie das Leben in Lappland. Small Talk? Es gibt Wichtigeres. Schlafen? Nicht, solange der Fall nicht geklärt ist, denn es droht eine Fentanyl-Schwemme ungekannten Ausmaßes und damit auch ein Bodycount, den es unbedingt zu verhindern gilt.
Aber wer steckt hinter alldem? Welche Rolle spielt ein Zollbeamter namens Kristian? Und wie passt eine junge Influencerin in das Gesamtbild? Fragen, die Ojala nach und nach beantwortet und so zu einem Showdown-Ende führen, das sich gewaschen hat. Das Ganze ist so realitätsnah in der heutigen Zeit – und deshalb so erschreckend. Die Geschichte fährt einem in die Knochen, wie die klirrende, unmenschliche Kälte Lapplands. „Weißer Rausch“ ist eine bewusste Entscheidung. Trauen Sie sich!
