Brasilien gilt als Vorreiter im Kampf gegen HIV: Die Behandlung dort ist kostenlos. Doch der Zugang zu modernen Medikamenten bleibt schwierig. Die Welt-AIDS-Konferenz rückt das Problem in den Fokus.
Für Cilene Guimarães war der Schock groß, als das Test-Ergebnis kam: HIV-positiv. Sie hatte ungeschützten Sex mit einem infizierten Mann gehabt. Das war 1998. Seitdem nimmt Cilene Medikamente, die dafür sorgen, dass die Viruslast in ihrem Körper niedrig bleibt. So kann die heute 62-Jährige ein weitgehend normales Leben führen. Das Besondere: Die Präparate erhält sie kostenlos über das staatliche brasilianische Gesundheitssystem SUS.
Dafür ist sie bis heute dankbar. „Lang lebe unser Gesundheitssystem“, sagt sie. Seit 28 Jahren bekomme sie ihre Medikamente, ohne dafür bezahlen zu müssen. „Brasilien hat etwas, das alle anderen Länder auch haben sollten.“
Cilene Guimarães ist dankbar dafür, dass sie seit 28 Jahren Medikamente über das staatliche Gesundheitssystem bekommt.
Brasilien setzte auf Zwangslizenzen
Mitte der 90er Jahre beschloss Brasilien, dass alle Menschen mit HIV über das öffentliche Gesundheitssystem freien Zugang zu sogenannten antiretroviralen Mitteln bekommen. Das Land war damit Vorreiter. Die Strategie sah so aus: Staatliche Labore begannen, HIV- Medikamente selbst herzustellen oder Generika, also Nachahmerprodukte, zu produzieren. Dadurch sanken die Kosten drastisch, sagt Veriano Terto von der brasilianischen AIDS-Organisation ABIA.
„Die Generika waren entscheidend“, sagt der HIV- und Menschenrechtsexperte. Sie hätten dazu beigetragen, die Sterblichkeitsrate bei HIV-Patienten innerhalb von vier Jahren um fast 50 Prozent zu senken. Damit sei Brasilien zu einer weltweiten Referenz in der HIV-Versorgung geworden.
Brasilien nutzte auch sogenannte Zwangslizenzen, ein Instrument des internationalen Patentrechts. Ein Staat kann einem Pharmahersteller erlauben, ein geschütztes Medikament zu produzieren, wenn beispielsweise ein Notstand für die öffentliche Gesundheit besteht oder das Original-Medikament für die Bevölkerung unerschwinglich ist.
Neue Präparate bleiben teuer
Brasilien brachte sich damit in Konflikte mit internationalen Pharmakonzernen. In einigen Fällen drohte das Land auch nur mit einer Zwangslizenz, um die Hersteller zu günstigeren Preisen zu drängen. Allein das zeigte schon Wirkung. Für Experte Veriano Terto muss nun ein weiterer Schritt folgen.
Der Zugang zu innovativen HIV-Medikamenten sei derzeit ein sehr großes Problem, sagt er. Ein Programm zur Bekämpfung einer Epidemie könne nicht dauerhaft auf älteren Präparaten aufbauen. Neue Medikamente seien jedoch sehr teuer, gleichzeitig liefen die Verhandlungen zwischen Regierung und Pharmaindustrie wenig transparent. Die Lage sei deshalb schwierig.
Große Preisunterschiede weltweit
Terto will auf der Welt-AIDS-Konferenz in Rio de Janeiro neue Studienergebnisse vorlegen, die belegen, dass die Preise für neuere Kombinationstherapien weltweit stark schwanken: Ein typischer moderner Medikamenten-Mix kostet demnach für einen brasilianischen Patienten etwa 350 US-Dollar pro Jahr, während in anderen Ländern Preise von jährlich nur 13 Dollar möglich sind. Die Konferenz müsse deshalb genutzt werden, um Wege zu finden, wie diese Medikamente günstiger nach Lateinamerika gelangen können, fordert Terto.
Die Lage Brasiliens beim Thema HIV ist paradox: Einerseits ist das Land sehr erfolgreich darin, Menschen mit HIV zu behandeln, weil Diagnose und Therapie gut funktionieren. Gleichzeitig gelingt es bisher nicht, die Zahl der neuen Infektionen niedrig zu halten. Sie liegen weiterhin bei mehreren Zehntausend pro Jahr.
Fehlende Aufklärung in ländlichen Regionen
HIV-Patientin Cilene Guimarães aus Rio de Janeiro zählt darauf, dass der Forschung irgendwann ein echter Durchbruch gelingt und HIV eines Tages heilbar wird. Bis dahin setzt sie auf bessere Präventionskampagnen. Sie selbst engagiert sich dafür, dass vor allem junge Menschen mehr über die Krankheit erfahren.
Nach ihrer Ansicht fehlen in Brasilien Aufklärungskampagnen an Schulen und in ländlichen Regionen. Dort müsse offener über den Schutz vor HIV gesprochen und die Bedeutung von Kondomen für Frauen und Männer stärker vermittelt werden. Einen großen Schritt nennt es Cilene, dass die Welt-AIDS-Konferenz zum ersten Mal nach Südamerika kommt. Das sorge schon mal für die größtmögliche Aufmerksamkeit, sagt sie.
