Ob im Weltraum oder in der Antarktis – bei Langzeitmissionen leiden die Menschen unter der extremen Isolation. Studien zeigen: Der Teamgeist in Forschungsteams kann sinken, die Konflikte nehmen zu.
Vor Kurzem sind eine Frau und drei Männer von einem neuntägigen Flug zum Mond zurückgekehrt. Und auf der Internationalen Raumstation leben Menschen einige Monate lang zusammen. Dass es da größere zwischenmenschliche Probleme gegeben hätte, ist nicht bekannt.
Ob das aber auch bei einer möglichen bemannten Marsmission so wäre, ist offen. Da geht es immerhin um eineinhalb Jahre auf engstem Raum – und das ist nur die Flugzeit.
„Mars 500“ – das erste Experiment
Wie sich eine so lange Isolation auf eine Mannschaft auswirkt, das haben Forschende schon vor längerer Zeit in der Nähe von Moskau erprobt. Sechs Freiwillige wurden von Juni 2010 bis November 2011 eingeschlossen – mit Kosmonautennahrung und täglichen Aufgaben, die auch auf einem Weltraumflug zu erledigen sind.
Anfangs war die Crew enthusiastisch dabei, aber nach einigen Monaten zeigten sich Probleme: Die Einsatzbereitschaft ließ nach, Langeweile und Niedergeschlagenheit machten sich breit. Zunehmend zogen sich die Einzelnen zurück und die Stimmung wurde schlechter, berichteten chinesische Forscher 2014.
Weitere Isolationsexperimente unter weltraumähnlichen Bedingungen gibt es immer wieder, jedoch bleiben die Versuchspersonen in der Regel nur einige Wochen eingeschlossen. Auch sonst gibt es entscheidende Unterschiede zu einem Langzeitaufenthalt im All: Wenn etwa einer der Teilnehmenden erkrankt oder sich verletzt, kann er notfalls herausgeholt werden. Das kann für das Verhalten einen entscheidenden Unterschied bedeuten.
Zehn Monate Isolation in der Antarktis
Die Europäische Raumfahrtbehörde ESA fördert daher bereits seit 20 Jahren die Untersuchung von Menschen in einem Szenario, das einem realen Aufenthalt im All so nahe wie möglich kommt: Auf der französisch-italienischen Concordia-Forschungsstation mitten in der Antarktis, einem der lebensfeindlichsten Punkte der Erde, überwintern jedes Jahr Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler auf engem Raum zehn Monate lang. Draußen ist es völlig dunkel, bis zu minus 80 Grad Celsius wird es kalt. Rettungsflüge sind daher nicht möglich, das Team ist völlig auf sich gestellt. Auch auf dem Landweg ist keine Hilfe zu erwarten – die nächsten Menschen sind 560 Kilometer weit weg.
Bei der letzten derartigen Studie trugen die Überwinternden der Concordia-Station erstmals Kontaktsensoren bei sich. Sie sollten die subjektive Schilderung des Befindens in Fragebögen durch objektive Messwerte ergänzen. Die Sensoren wurden nur begrenzte Zeit und nur tagsüber getragen, um die Privatsphäre der Menschen so gut wie möglich zu gewährleisten. Sie zeigen an, wer wie viel Kontakt mit welchen anderen Personen hat.
Während die Teilnehmenden angaben, sich subjektiv zunehmend einsam zu fühlen, zeigten die Sensoren ein anderes Bild: Die Menschen interagierten über den gesamten Zeitraum etwa gleich viel miteinander. „Häufiger Kontakt bedeutet also nicht gleichzeitig soziale Unterstützung“, schlussfolgert der Psychologe Jan Schmutz-Henestrosa von der Universität Zürich, einer der Studienautoren. Jedenfalls nicht unter diesen extremen Bedingungen. Und noch etwas haben die Sensordaten gezeigt: Das Team auf der Forschungsstation zerfiel immer mehr in zwei Gruppen, die sich zunehmend aus dem Weg gingen – hier die Franzosen, da die Italiener.
Konflikte und Paranoia
Dazu kam: Je mehr Kontakte ein Teilnehmer hatte, desto mehr zwischenmenschliche Konflikte traten auf. Die Autoren weisen allerdings darauf hin, dass dies nichts über einen ursächlichen Zusammenhang aussagt. Die Menschen können sich in der Isolation der Antarktis nicht aus dem Weg gehen – das kann die Spannungen erhöhen.
Jessica Studer, die als Ärztin selbst einmal auf der Concordia-Station überwintert hat, schildert das in einem Interview so: „Man lernt jedes einzelne Mitglied der Crew sehr gut kennen. Sie fangen an, fast wie Familienmitglieder zu werden, wie Brüder und Schwestern. Und Sie wissen ja, wie das mit Geschwistern ist – man liebt sie, aber manchmal nerven sie einen auch.“
Den Psychiater Sebastian Walther von der Universität Würzburg, ebenfalls Autor der Studie, haben zudem Persönlichkeitsveränderungen der Menschen interessiert, die auf der Forschungsstation überwintert haben. „Wir haben gesehen, dass die Häufigkeit, mit der Menschen sich beobachtet fühlten oder das Gefühl hatten, es wird hinter ihrem Rücken schlecht über sie geredet, über die Zeit zugenommen hat“, sagt er. Bei einzelnen habe das sogar den Schwellenwert überschritten, der in der Psychiatrie für paranoides Verhalten angesehen werde.
Folgen für Langzeitmissionen
Insgesamt zeigen die Daten: Lange Isolation auf engem Raum ist eine große Herausforderung – für den Einzelnen und für die Gruppendynamik. Für Raumfahrtmissionen wie einen möglichen Flug zum Mars bedeutet das vor allem zwei Dinge. Zum einen ist eine noch bessere Vorbereitung wichtig, als sie jetzt schon üblich ist. „Je mehr Charakteristiken in einem Team dafür sprechen, dass die Leute sich in Untergruppen begeben, umso größer die Gefahr, dass die Crew auseinanderfällt“, sagt Jan Schmutz-Henestrosa. Um Gruppierungen zu vermeiden, komme es also darauf an, Menschen mit möglichst unterschiedlichen Hintergründen für die Mannschaft auszuwählen und diese ausreichend zu sensibilisieren.
Zum anderen ist nach Meinung von Sebastian Walther bessere psychologische Unterstützung wichtig, etwa durch Videocalls. „Wir haben ja praktische Erfahrungen, wie man Resilienz stärken und Menschen in schwierigen Situationen unterstützen kann mit Methoden aus der Psychotherapie oder aus dem Coachingbereich“, sagt er. So soll die psychische Gesundheit der Einzelnen so gut wie möglich gewahrt und der Zusammenhalt im Team gestärkt werden. Von der Bodenstation aus sind die Möglichkeiten in einer derart extremen Ausnahmesituation naturgemäß begrenzt.
