Mich macht dieser Gedanke wütend. Du kannst etwas belegen. Du kannst die Originalquelle vorlegen. Die Aussage ist nachhörbar, der angebliche Beweis wurde geprüft und hält nicht stand. Und trotzdem ist die Sache für dein Gegenüber keinen Millimeter klarer. Die Geschichte wird weiter verteidigt, als hätte es diese Prüfung nie gegeben. Irgendwann sitzt du davor und fragst dich: Was soll ich dir denn noch zeigen, wenn du längst beschlossen hast, dass es für dich nicht zählen darf?
Genau darin liegt für mich das Erschreckende unserer Zeit: Die überprüfbare Wahrheit verliert ihre Macht. Nicht, weil es keine Fakten mehr gäbe. Die gibt es. Sie liegen offen da, sie sind dokumentiert, archiviert und oft mit wenigen Klicks zu finden. Aber mein Eindruck ist, dass sie immer seltener darüber entscheiden, was Menschen glauben. Es ist ja nicht so, dass die Fakten verschwunden wären. Es scheint nur, als wäre die Zeit vorbei, in der sie wirklich zählten.
Was tatsächlich passiert ist, wird zweitrangig.Ob du es glaubst, hängt davon ab, auf wessen Seite du stehst.
Wem willst du glauben?
Zuerst wird heute geklärt, ob eine Information den eigenen Reihen nützt. Wer hat es gesagt, und auf welcher Seite steht er? Wem vertraust du? Wem willst du glauben? Erst danach – wenn überhaupt – kommt das, worum es eigentlich gehen müsste. Und während wir damit beschäftigt sind, die eigene Seite zu verteidigen, geht die wichtigste Frage verloren: Ist es überhaupt wahr?
Mit „Seite“ meine ich nicht nur Parteien. Es kann eine Weltanschauung sein, eine Haltung zu Corona, zum Klima, zur Migration oder zum Krieg in der Ukraine – überall dort, wo aus einer Meinung ein Teil der eigenen Identität geworden ist. Und keine dieser Seiten ist davor gefeit. Die Grenze verläuft nicht zwischen denen, die auf Fakes hereinfallen, und dem Rest von uns. Sie verläuft durch jeden Einzelnen: zwischen dem Moment, in dem wir nachprüfen, und dem Moment, in dem wir einfach glauben wollen.
Gelogen wurde immer schon, das ist nicht neu. Aber eine Lüge aufzudecken müsste doch etwas verändern! Eine widerlegte Behauptung müsste an Glaubwürdigkeit verlieren. Wer Menschen getäuscht hat, müsste sich erklären. Wenn selbst das nicht mehr notwendig ist, weil die eigenen Anhänger jede Ausrede bereitwillig schlucken, dann haben wir ein Problem, das weit über eine einzelne Falschmeldung hinausgeht. Dann haben wir ein Problem mit unserem Verhältnis zur Wirklichkeit.
Wir können nachschauen. Warum reicht das nicht?
Und das Absurde daran: Keine Generation vor uns hatte so viele Informationen zur Verfügung wie wir. Wir tragen Geräte in der Hosentasche, mit denen wir auf Archive zugreifen, Originaldokumente lesen und vollständige Reden nachhören können. Bei vielen Fragen müssen wir dafür nicht einmal vom Sofa aufstehen. Was für eine Möglichkeit zur Aufklärung! Und wie bitter, wenn wir dieselben Geräte bloß dazu verwenden, uns die nächste Bestätigung zu holen. Viel zu oft entscheidet nicht der Zugang zu Fakten darüber, was wir glauben, sondern die Zugehörigkeit.
Wie begrenzt die Folgen einer Richtigstellung bleiben können, zeigen zwei Untersuchungen aus den USA, eine zu Faktenchecks von Aussagen Donald Trumps, eine zu Politikern beider großen US-Parteien. Faktenchecks verbesserten darin die sachlichen Einschätzungen der Teilnehmenden. Ihre Haltung zu den betreffenden Politikern blieb jedoch unverändert oder verschlechterte sich unter bestimmten Bedingungen nur sehr geringfügig. Die falsche Aussage wurde also korrigiert, ohne dass die Unterstützung entsprechend nachließ. Genau dieser Abstand macht mich wütend: Was muss eine nachgewiesene Falschbehauptung eigentlich noch anrichten, damit die Verantwortlichen dafür Vertrauen verlieren? Die Aufklärung erreicht den Kopf – und politisch bleibt womöglich fast alles beim Alten.
„Aber zutrauen würde ich es denen“
Am deutlichsten sehe ich das im Moment nach einer eindeutigen Überprüfung. Das empörende Foto stammt aus einem anderen Land und hat mit dem behaupteten Ereignis nichts zu tun. Die Sache ist geklärt, schwarz auf weiß. Und dann schreibt jemand darunter: „Aber zutrauen würde ich es denen.“
Was für ein Eingeständnis! Der konkrete Vorwurf ist in sich zusammengefallen – aber die Verachtung soll bleiben. Dafür reicht jetzt die eigene Vorstellung davon, wozu „die anderen“ fähig wären. Die falsche Geschichte hat ihren Zweck erfüllt. Sie hat einen Verdacht bestätigt, und der soll durch so eine lästige Richtigstellung bitte nicht beschädigt werden. Die Wahrheit? Die soll sich gefälligst hinten anstellen.
Merkt eigentlich noch jemand, worum es dabei geht? Es geht um Menschen. Über sie wurde etwas Falsches behauptet, und sie müssen den Hass aushalten, während andere großzügig darüber hinwegsehen, dass die Grundlage dafür falsch war. Diese Gleichgültigkeit macht mich fassungslos.

Misstrauen nur in eine Richtung
Und dann diese selbstzufriedene Berufung auf das eigene Denken. Gegenüber jeder unliebsamen Quelle wird grenzenloses Misstrauen als Tugend vorgeführt. Bei der nächsten Behauptung aus dem eigenen Umfeld reicht dann plötzlich ein unscharfer Screenshot. Ausgerechnet dort, wo Zustimmung leichtfällt, endet jeder Anspruch auf Belege. Das ist kein kritisches Denken. Das ist Rückendeckung für die eigenen Reihen – mit gutem Gewissen. So billig möchte ich mein Vertrauen niemandem überlassen.
„Ich will ihnen glauben“ sagt etwas über meine Wünsche.„Ich kann ihnen glauben“ verlangt, dass sie die Überprüfung aushalten.
Wer jede Ausrede akzeptiert, lässt denjenigen, denen er vertraut, praktisch alles durchgehen. Sie dürfen falschliegen und anschließend anderen die Schuld geben, ihr Publikum übernimmt die Verteidigung gleich mit. Warum sollten sie sich beim nächsten Mal mehr Mühe geben? Dass jemand meine Sprache spricht oder meine Wut teilt, schützt mich nicht davor, von ihm getäuscht zu werden. Wer uns informieren oder vertreten will, schuldet uns nachvollziehbare Antworten. Und wenn uns jemand nachweislich etwas Falsches erzählt hat, dürfen wir wütend sein – auch dann, wenn wir ihm gestern noch zugestimmt haben.
Das gilt auch für mich
Dieser Anspruch gilt genauso für mich und für diejenigen, mit denen ich mich verbunden fühle. Eine Falschbehauptung gegen einen politischen Gegner bleibt eine Falschbehauptung. Ich kann nicht Ehrlichkeit verlangen und gleichzeitig großzügig werden, sobald eine Täuschung meinen eigenen Ärger bedient. Gerade dann kostet Genauigkeit etwas: Man muss auf eine Geschichte verzichten, die man vielleicht liebend gerne geteilt hätte.
Und wer sich geirrt hat, kann das sagen. Dazu braucht es keine Demütigung und auch keinen öffentlichen Zusammenbruch. Es braucht den schlichten Anstand, eine falsche Behauptung zurückzunehmen, statt andere für ihre Richtigstellung anzugreifen. Ist das wirklich zu viel verlangt?
Worüber reden wir dann noch?
Die Fakten sind noch vollständig vorhanden, aber ihre Bedeutung steht längst zur Verhandlung. Jeder sucht sich aus, welche gelten sollen. Eine Korrektur wird behandelt wie ein politischer Angriff, dem man aus Loyalität widersprechen muss. Was ist das für eine Öffentlichkeit, in der man sich dafür rechtfertigen soll, dass man auf etwas Nachprüfbarem besteht? Wir können doch nicht ernsthaft wollen, dass am Ende die hartnäckigste Gefolgschaft darüber entscheidet, was als wahr durchgeht!
Wir brauchen Tatsachen, auf die wir uns auch dann beziehen können, wenn wir einander politisch nicht ausstehen. Über Konsequenzen lässt sich streiten. Aber wenn schon das Geschehene beliebig wird – worüber reden wir dann noch miteinander? Aufklärung prallt dort ab, wo gar keine offene Frage mehr existiert, weil die Antwort vorher feststand und jeder widersprechende Beleg automatisch verdächtig ist. Ich will mich daran nicht gewöhnen. Ich werde mich daran nicht gewöhnen. Eine nachgewiesene Täuschung muss mehr wiegen als das gute Gefühl, den eigenen Leuten treu geblieben zu sein.
Die Wahrheit schuldet uns keinen Gefallen. Sie muss uns nicht gefallen und unsere Wut nicht bestätigen. Wenn wir sie nur noch akzeptieren, solange sie auf unserer Seite steht, haben wir unseren Anspruch auf Aufklärung selbst aufgegeben. Dann wollten wir ihnen glauben. Ob wir ihnen glauben konnten, war uns offenbar nicht wichtig genug.
