Während er mit seinem Elektroroller Essenslieferungen an die Haustüren brachte, verfasste Wang Jibing Gedichte. Dafür hat er nun eine der höchsten literarischen Auszeichnungen Chinas erhalten.
Mit seinem Handy am Ohr läuft Wang Jibing eine Straße entlang, dort, wo er sonst oft mit seinem Elektromotorroller unterwegs ist. Seine Lieferdienstuniform hat er in diesen Tagen getauscht gegen ein blaues Hemd mit Kragen, dazu trägt er eine schwarze feine Hose.
Wang Jibing gibt ein Interview nach dem anderen, auch ein Treffen mit Politikern der Kommunistischen Partei steht auf dem Programm. Viel Aufmerksamkeit für den 56-Jährigen, seitdem bekannt ist, dass er einen der wichtigsten Literaturpreise in China gewonnen hat. „Diese Auszeichnung zu gewinnen, ist eine wunderbare Sache, aber zunächst einmal müssen wir ruhig bleiben“, sagt er. Dieser Preis werde jetzt nicht plötzlich ändern, wer sie seien.
Seit fast 40 Jahren schreibt er Prosa und Gedichte
Es ist bereits spät am Abend, als Wang Jibing uns in seine Wohnung einlädt, in einer chinesischen Hochhaus-Wohnsiedlung in Kunshan, einer kleinen Stadt etwa eine Stunde von Shanghai entfernt. Er nimmt auf dem Sofa im Wohnzimmer Platz. Ein Eckregal mit Büchern verrät seine Liebe zur Literatur. Seit fast 40 Jahren schreibt er Prosa und Gedichte – immer zwischendurch, wenn er gerade Zeit hat. Neben den vielen Jobs, die er in seinem Leben hatte.
Körperlich am anstrengendsten sei das Ausbaggern von Sand aus einem Fluss gewesen, erinnert sich Wang Jibing. Mit bloßen Händen habe er den Sand aus dem Wasser geschaufelt. „Vor allem im Sommer mussten wir dabei über zehn Stunden lang im Wasser stehen.“
Gedichte über die Herausforderungen als Essenslieferant
Seit etwa sieben Jahren fährt Wang Jibing mit seinem Elektroroller Essen aus. Zwischen den Lieferungen verfasste er Gedichte. In chinesischen sozialen Medien haben seine Texte bei den Menschen großen Anklang gefunden.
Besonders systemkritisch sind seine Gedichte nicht, doch sie beschreiben literarisch die Herausforderungen eines Lieferdienstfahrer, der unter großem Druck steht, schnell zu liefern bei Wind und Wetter, sicher durch den Straßenverkehr zu kommen, genug zu verdienen und dabei noch gute Bewertungen und mehr Aufträge zu bekommen.
In einem Ausschnitt aus einem seiner Gedichte heißt es zum Beispiel: „Ein Zeitfresser schnappt sich einundsechzig Minuten aus einer Stunde. Und liefert Zärtlichkeit im Wettlauf gegen die Zeit.“
Lu-Xun Preis ist eine der höchsten literarischen Auszeichnungen
Wang Jibing hat zunächst zwischen den Essenslieferungen auf kleine Zettel geschrieben. Aber dann habe er gemerkt, dass das Leben als Lieferdienstfahrer es nicht erlaube, Stift und Papier rauszuholen. „Das braucht zu viel Zeit. Wir leben nach Sekunden“, sagt Wang. Seine Lösung: Sprachnachrichten. Er sprach seine Ideen unterwegs ins Handy ein.
Seine in einem Buch veröffentlichte Gedichtsammlung „Niedrigflug“ über das Leben als Lieferdienstfahrer wird nun mit dem Lu-Xun-Preis geehrt. Das ist eine der höchsten literarischen Auszeichnungen des Landes, benannt nach einem der wichtigsten Schriftsteller Chinas, der als Wegbereiter der modernen chinesischen Literatur gilt.
Mit seiner Frau betreibt er einen Gemischtwarenladen
Einige hätten es großartig gefunden, dass der Preis an einen ganz normalen Menschen gegangen sei, so Wang. „Dadurch wurden die Grenzen der Literatur erweitert und das Leben erscheint vielschichtiger.“ Aber es gab auch Kritik. Manche hätten in Frage gestellt, warum ein Preis an einen Lieferdienstfahrer oder eine Internet-Berühmtheit vergeben werden sollte.
Online hat sich Wang Jibing mit seinen Texten einen Namen gemacht. Im Alltag ist er bescheiden. In seinem Umfeld ist er einfach Herr Wang, der Essen ausliefert und gemeinsam mit seiner Frau einen kleinen Gemischtwarenladen betreibt mit Lebensmitteln, Getränken und ein paar Schreibwaren.
Liu Jia, eine Nachbarin, die hier öfter einkauft, hat jetzt erst von dem Literaturpreis erfahren: „Ich wusste gar nicht, dass er Gedichte schreibt. Davon wusste ich wirklich nichts. Er macht so einen Eindruck, dass er sehr genügsam ist. Er lässt seine Frau auch mal ausruhen und hilft selbst im Laden aus.“
Wang will weiterhin als Kurier arbeiten
Es ist 23 Uhr abends. Seine Frau sitzt immer noch an der Kasse. Sie macht die Spätschicht, während Wang Jibing statt Interviews normalerweise neun Stunden am Tag Lieferungen ausfährt. Sobald sich der Trubel um ihn gelegt hat, will er wieder in seine Lieferdienstfahrer-Uniform schlüpfen.
Trotz des Literaturpreises will er weiter das tun, was er immer macht: arbeiten und schreiben. Literatur erlaube ihm wie ein ruhiger Fluss zu sein, der nun weiter fließe, nachdem der Literaturpreis einen schönen Wasserfall geformt habe.

