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Politik

Wie sich einige Jugendliche in Ostdeutschland schleichend radikalisieren

Dr. Heinrich KrämerVon Dr. Heinrich KrämerAugust 7, 2026Keine Kommentare5 Minuten Lesezeit
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Stand: 07.08.2026 • 10:47 Uhr

Ostalgie, soziale Medien und der Drang nach Rebellion – eine gefährliche Mischung, meint Lokaljournalistin Manuela Müller. Ihre Beobachtungen hat sie in einem Buch festgehalten: „Die Jugend malt wieder Hakenkreuze“.

„Lokalreporterinnen sitzen im Journalismus ganz hinten in der Hackordnung – und gleichzeitig steckt niemand tiefer in diesem seltsamen Gesellschaftsspiel als sie.“ Das sagt Manuela Müller, Journalistin bei der Chemnitzer Tageszeitung Freie Presse. Und ergänzt: „Wir sind unsichtbare Seismografen unserer Demokratie, wir schreiben in unseren Notizbüchern die kleinsten Ausschläge nieder.“

Seit 25 Jahren beobachtet die in Zwickau lebende Reporterin das, was sie aus ihrer Sicht als soziales Beben und Risse im ostdeutschen Alltag bezeichnet. Und sie notiert akribisch, was sich aktuell im sogenannten ländlichen Raum ändert. Ihr besonderes Augenmerk gilt den Heranwachsenden. Denn deren Verhalten sei besorgniserregend.

Schleichende Radikalisierung im Alltag

In ihrem Buch „Die Jugend malt wieder Hakenkreuze“ gehe es um die Radikalisierung im Alltag, erklärt die mehrfach mit dem „Deutschen Reporter:innen-Preis“ ausgezeichnete Journalistin im Gespräch mit dem Bayerischen Rundfunk: „Mir geht es nicht um gewalttätige Jugendliche, die Körperverletzungen begehen. Sondern um die, die mitschwimmen, die man im Stadtbild sieht.“

Zu erkennen seien sie an einem bestimmten Dresscode: rasierter Scheitel, Kleidung von Modemarken, die von der neuen Rechten vereinnahmt wurden. Treffpunkte dieser Jugendlichen sind unter anderem Marktplätze, auf denen oft – so nennt es Müller – „abgehitlert“ wird: „‚Abhitlern‘ heißt zum Beispiel, dass man Trinksprüche wie ‚Ex oder Jude‘ bringt.“ Und wie es der Buchtitel schon verrät, sind Hakenkreuze ebenfalls kein Tabu. Sie werden auf Straßenlaternen geschmiert, auf Garagentore, in Schultoiletten. Als „wildgewordene ‚Baby-Hitler‘ oder ‚Anfängernazis'“ bezeichnet Müller diese Jugendlichen in ihrem Buch.

Instrumentalisierung der Ostalgie

Manuela Müller war die erste, die darüber berichtet hat, dass rechte Organisationen die „Simson-Partys“ auf dem Flugplatz von Zwickau für ihre Zwecke ausnutzen. Und dass sie dort Jugendliche beobachtet hat, die den Hitlergruß zeigen oder sich Hakenkreuze aufgemalt haben – ohne dass jemand eingreift. Als „Nazi-Party“ würde sie den „Simson-Treff“ jedoch nicht bezeichnen. Eigentlich dreht sich dort alles um das früher in der DDR hergestellte Moped.

Seit 2024 allerdings wird die „Simme“ auch politisch instrumentalisiert, vor allem vom thüringischen AfD-Politiker Björn Höcke, der sich auf einer Simson sitzend plakatieren ließ mit dem Spruch: „Ja! Zur Jugend“.

Simson-Moped als Identitätsstifter

Momentan ruft der Spitzenkandidat der AfD in Sachsen-Anhalt, Ulrich Siegmund, zu „Simson-Ausfahrten“ auf. Entsprechend fragt sich Manuela Müller: „Hitlergruß und Ostkult, wie passt das zusammen?“ Auch ihr gibt das seltsame Amalgam aus Ostalgie und dem Verwenden von Kennzeichen verfassungswidriger Organisationen Rätsel auf.

Sie ist überzeugt, dass Veranstaltungen wie etwa die „Simson-Treffs“ nicht nur Hobby-Schrauber anziehen, sondern auch Rechte, die das dort vorherrschende Gemeinschaftsgefühl für ihre Belange umdeuten und junge Leute über Emotionen ködern. „So eine Simson ist identitätsstiftend für junge Leute. Die sagen: ‚Mein Vater hatte auch schon eine.‘ Das machen sich die rechten Kräfte sehr gern zu eigen.“

Doppeldeutige „Fahrten ins Blaue“ von Peter Hahne

Besonders aufschlussreich sind Müllers Beobachtungen zu den sogenannten Fahrten ins Blaue, die der einstige ZDF-Moderator und Bestseller-Autor Peter Hahne durch Ostdeutschland unternimmt: Der Diplom-Theologe trete ihrer Beobachtung nach erfolgreich als westdeutscher Wut- und Wanderprediger auf und bewirtschafte geschickt eine diffuse Ostwut, auch mit Buchtiteln wie „Ist das euer Ernst!?“ oder „Das Maß ist voll“.

„Es schien“, schreibt Manuela Müller in ihrem Buch, „als söge Peter Hahne den ganzen Ärger und Groll in sich auf. Er schrie ihn aufs Papier und unterfütterte ihn religiös, so gut es ging. Man konnte Peter Hahne als Menschen verstehen, der die Gabe besaß, aus schlechten Gefühlen eine Gemeinschaft zu bilden.“

Dabei gehe es einmal mehr um das im Osten weit verbreitete Gefühl, abgehängt worden zu sein. Nach dem Mauerfall konnten viele nicht mehr Fuß fassen im beruflichen Leben, mussten viele Rückschläge einstecken, so Müller im Gespräch: „Und daraus entstand eine Lebensenttäuschung, die sich aus soziologischer Sicht vererbt hat. Von einer Generation auf die nächste. Und aus Enttäuschung lässt sich sehr gut ein Gefühl machen. Oder eine Gemeinschaft. Enttäuschung schweißt zusammen. Das war schon vor über 80 Jahren so.“

„Das ist ein ‚Wir gegen Euch'“

Müller spricht von einer „Rebellion“: „Das ist ein ‚Wir gegen Euch‘: ‚Wir hier unten gegen Euch da oben.‘ Und dieser Aufstand der Schwächeren hat natürlich mit mangelnder Bildung zu tun.“ Speziell in Sachsen sei der Fehler gemacht worden, dass die politische Bildung bewusst aus dem Schulkanon herausgehalten wurde. Das habe auch der ehemalige Ministerpräsident Stanislaw Tillich eingeräumt. Die Sozialen Medien würden ihr Übriges tun als „Radikalisierungsmaschinen“, sagt Müller.

Dabei gehe es nicht nur um politische Botschaften, die über den Algorithmus in den Feed der Jugendlichen gespült würden. Auch hier funktioniere vieles über Emotionen, so Müller: „Mädels wollen den Jungs gefallen. Das war schon immer so, das ist auch heute noch so. Und die Jungs mögen möglicherweise irgendwelche rechten Bands, die möglicherweise auch verboten sind. Zu diesen Songs machen sie dann Insta- oder TikTok-Videos mit einer Deutschlandfahne im Hintergrund. Und für diese Videos gibt’s dann Likes.“

Ausgrenzungsdruck einer überforderten Gesellschaft

Ein stärkeres bürgerschaftliches Engagement, das Eintreten in Parteien der Mitte, kann ihrer Meinung nach der grassierenden Radikalisierung wirksam entgegentreten. „Damit meine ich jetzt nicht uns Journalisten“, sagt sie, „weil wir andere Aufgaben haben. Aber ich kenne in meinem Umfeld niemanden, der parteipolitisch engagiert ist. Ich kenne nur Menschen, die schimpfen und unzufrieden sind.“

Durchaus selbstkritisch blickt sie auf die eigene Zunft, den Journalismus. Sie findet, man habe in den Nuller-Jahren eine zu große Zurückhaltung walten lassen, als es darum hätte gehen müssen, die erstarkenden Neonazis beim Namen zu nennen: „Wir waren zu leise. Wir haben das selbst unterschätzt.“ Als Reporterin urteilt sie nicht, sondern beschreibt, was ist.

In einer überforderten Gesellschaft gerate man leicht unter Ausgrenzungsdruck. So ein Ausgrenzungsdruck zeige sich auch darin, dass der Westen den Osten oft pauschal als „Dunkeldeutschland“ brandmarkt. Womit man es sich zu einfach mache. Manuela Müller bemüht sich, genauer hinzuschauen.

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