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Zwischen Mythos und Kino: Nolans „Die Odyssee“ ist gewaltig – aber nicht makellos

Dr. Heinrich KrämerVon Dr. Heinrich KrämerJuli 16, 2026Keine Kommentare7 Minuten Lesezeit
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Zwischen Mythos und KinoNolans „Die Odyssee“ ist gewaltig – aber nicht makellos

16.07.2026, 13:05 Uhr

Von Linn Penkert
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Kämpft gegen den Zorn der Götter: Matt Damon als Odysseus. (Foto: IMAGO/Landmark Media)

Nach monatelangem Hype läuft Christopher Nolans „Die Odyssee“ endlich im Kino. Das Epos beeindruckt mit atemberaubenden Bildern und einer überwältigenden Klangwelt – verliert auf seiner langen Reise aber auch etwas den Fokus.

Kaum ein Film der vergangenen Jahre wurde so sehnsüchtig erwartet wie Christopher Nolans „Die Odyssee“. Gleichzeitig sorgte wohl selten schon ein erster Trailer für so hitzige Diskussionen. Noch bevor überhaupt jemand den Film gesehen hatte, wurde besonders in den USA über angebliche „Wokeness“, die Besetzung einzelner Figuren und moderne Sprache gestritten. Nach fast drei Stunden im Kino zeigt sich allerdings: Vieles davon ist Nebensache. Denn Nolans Verfilmung von Homers berühmtem Epos ist vor allem eines – ein überwältigendes Kinoerlebnis. Perfekt ist es deshalb aber noch lange nicht.

Wer Homers Geschichte kennt, weiß: In Ithaka herrscht Ausnahmezustand. König Odysseus (Matt Damon) ist nach dem Trojanischen Krieg nie nach Hause zurückgekehrt, 20 Jahre sind inzwischen vergangen. Während seine Frau Penelope (Anne Hathaway) und Sohn Telemachos (Tom Holland) die Hoffnung nicht aufgeben wollen, belagern viele Freier den Palast. Sie drängen Penelope, ihren Mann endlich für tot zu erklären und einen neuen König zu wählen. Vor allem Antinoos (Robert Pattinson) macht Druck und plant einen Mord am möglichen Thronfolger Telemachos.

Dieser macht sich schließlich selbst auf die Suche nach seinem Vater und reist für Antworten zum König von Sparta, Menelaos (Jon Bernthal), und dessen Frau Helena (Lupita Nyong’o). Parallel wird in Rückblenden gezeigt, was Odysseus in den vergangenen Jahren erlebt hat. Der König von Ithaka begegnet Zyklopen, Sirenen und der Zauberin Kirke (Samantha Morton), erlebt den Zorn der Götter ebenso wie ihre Hilfe und verliert zeitweise sogar zwischen Raum und Zeit seine Erinnerung, als er von der Nymphe Kalypso (Charlize Theron) auf einer einsamen Insel festgehalten wird.

Dass Nolan mit Zeitebenen spielt, überrascht natürlich nicht. Seit seinem Durchbruchfilm „Memento“ (2000) sind sie sein Markenzeichen. Anders als bei „Dunkirk“, „Tenet“ oder teilweise auch „Oppenheimer“ dienen die Rückblenden diesmal jedoch nicht dazu, das Publikum permanent herauszufordern. Im Gegenteil: „Die Odyssee“ erzählt überraschend geradlinig. Die Zeitsprünge sind leicht nachvollziehbar und dienen vor allem dazu, Odysseus‘ innere und tatsächliche Reise verständlich zu machen. Das Ergebnis ist einer der zugänglichsten und gleichzeitig emotionalsten Filme, die Nolan je gedreht hat.

Bilder, die man nicht mehr vergisst

Vor allem audiovisuell setzt „Die Odyssee“ neue Maßstäbe. Nolan drehte den gesamten Film mit eigens für ihn entwickelten 70-Millimeter-IMAX-Kameras. Fast alle Spezialeffekte entstanden direkt während des Drehs („in camera“), statt später am Computer ergänzt zu werden. Das sieht man. Vor allem die Schlacht um Troja gehört zu den eindrucksvollsten Sequenzen, die Nolan bislang inszeniert hat. Doch nicht nur die Bilder beeindrucken.

Fast noch stärker ist das Zusammenspiel aus Ludwig Göranssons Soundtrack, für den der Oscarpreisträger eigens historische Instrumente und Klangwelten erforschte, und dem herausragenden Sounddesign. Ob das bedrohliche Atmen des Zyklopen oder das Grollen der See – die Klangwelt trägt den Film oft ebenso sehr wie die Kameraarbeit. Nolan macht in der Sirenen-Szene etwas Überraschendes: Er verweigert dem Publikum genau das, was Odysseus hört. Der Gesang bleibt gedämpft, fast unerreichbar. Stattdessen dominieren die angespannten Männer, der aufgebrachte, an einen Mast gefesselte Odysseus, das Chaos an Deck. Man hört die Stimmen der Sirenen kaum – und fühlt ihre Macht umso stärker. Selten hat sich eine mythologische Welt akustisch so lebendig angefühlt.

Schauspielerisch bewegt sich das gesamte Ensemble auf hohem Niveau. Matt Damon verleiht Odysseus die nötige Mischung aus Held, Stratege und gebrochenem Mann, Anne Hathaway spielt Penelope angenehm zurückhaltend. Überraschend bleibt aber ausgerechnet John Leguizamo als Schweinehirte und loyaler Diener Odysseus‘, Eumaios, am stärksten in Erinnerung. Zwischen all den Hollywood-Superstars sorgt er immer wieder für die menschlichsten Momente des Films.

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Es fällt schwer, in Telemachos (gespielt von Tom Holland) nicht ab und zu Peter Parker zu sehen. (Foto: IMAGO/Landmark Media)

Der Titel ist Programm

So beeindruckend „Die Odyssee“ aussieht und klingt – ausgerechnet der Titel beschreibt auch das größte Problem des Films. Denn stellenweise fühlt sich die Reise tatsächlich wie eine Odyssee an. Fast drei Stunden lang reiht Nolan Station an Station: Zyklop, Sirenen, Kirke, göttliche Prüfungen, weitere Inseln, weitere Prüfungen. Jede einzelne Episode funktioniert für sich hervorragend. Zusammengenommen verlieren sie jedoch irgendwann an Wucht. Dem Film hätte es gutgetan, die eine oder andere Begegnung zu straffen und stattdessen stärker den eigentlichen Kern der Geschichte herauszuarbeiten: Odysseus‘ Hybris.

Immer wieder deutet Nolan an, dass der Held letztlich selbst für sein Schicksal verantwortlich ist. Wirklich greifbar wird dieser Gedanke jedoch erst ganz am Ende. In einer herausragenden Rückblende auf das brennende Troja gesteht Odysseus – als Bettler getarnt – Penelope schließlich ein, dass seine größte List, das Trojanische Pferd, zwar den Krieg beendete, ihn aber bis heute verfolgt. Erst hier zeigt Nolan die Reue seines Helden wirklich. Dieser Moment gehört zu den stärksten des gesamten Films, kommt aber leider sehr spät.

Peter Parker reist durch die Antike

Eine deutlich subjektivere Beobachtung betrifft Tom Holland. Der Schauspieler macht seine Sache als Telemachos gut. Trotzdem fällt es schwer, in ihm nicht immer wieder Peter Parker zu sehen. Vielleicht liegt es daran, dass Holland die Rolle des „Spider-Man“ noch immer spielt und sie seine öffentliche Wahrnehmung dominiert. Robert Pattinson hat den Sprung vom glitzernden „Twilight“-Vampir zum Charakterdarsteller längst geschafft. Bei Holland ist diese Entwicklung noch nicht ganz abgeschlossen.

Und die Aufregung um den Trailer? Sie wirkt nach dem Film größtenteils überzogen. Besonders die Besetzung von Helena – dem Mythos zufolge die schönste Frau der Welt – sowie ihrer Schwester Klytaimnestra und der Göttin Athena (Zendaya) löste in sozialen Netzwerken teils offen rassistische Kommentare aus. Christopher Nolan wurde vorgeworfen, ein „Feigling“ zu sein und aus politischen Gründen bewusst keine weiße Schauspielerin für Helena besetzt zu haben. Elon Musk kommentierte entsprechende Behauptungen auf X sogar mit einem knappen „Wahr“ – ohne irgendwelche Beweise zu liefern. Auch war seine eine der lautesten Stimmen, die sich darüber echauffierte, dass mit Elliot Page ein Transmann den griechischen Kämpfer Sinon spielt.

Nolan sah sich sogar gezwungen, gegenüber dem Magazin „Elle“ zu erklären, warum er sich für Lupita Nyong’o entschieden habe: „Die Stärke und die Gelassenheit waren für die Figur der Helena so wichtig. Und bei Lupita sieht das ganz mühelos aus. Ich bin mir sicher, dass es einer enormen Disziplin und viel Training bedarf, um diese Art von Gelassenheit auszustrahlen und die Emotionen zu spüren, die unter der Oberfläche der Figur brodeln – die verschiedenen Schichten der Figur, die direkt darunter liegen. Es ist einfach unglaublich, mit ihr zusammenzuarbeiten, und ich wollte unbedingt, dass sie diese Rolle übernimmt.“

Etwas weniger Mythologie

Etwas verständlicher ist dagegen die Kritik an der Sprache. Wenn Telemachos seine Eltern „Mom“ und „Dad“ nennt, durchbricht das die Illusion der Antike. Dass manche Zuschauer sich daran stören, ist nachvollziehbar. Genauso legitim ist allerdings die Gegenposition: Der Regisseur verzichtet bewusst auf künstlich altertümelnde Dialoge und lässt seine Figuren modern sprechen. Das ist weniger ein Fehler als eine künstlerische Entscheidung – und letztlich Geschmackssache.

Christopher Nolan ist mit „Die Odyssee“ ein Monumentalkino gelungen, wie es heute nur noch selten entsteht. Atemberaubende Bilder, ein überwältigendes Sounddesign und eine überraschend emotionale Geschichte machen den Film zu einem Erlebnis, das unbedingt auf der größtmöglichen Leinwand gesehen werden sollte. Dass der Regisseur sich diesmal stärker für seine Figuren als für komplizierte Konstruktionen interessiert, tut dem Film gut. Gleichzeitig hätten etwas weniger Mythologie und etwas mehr Mensch dem Epos noch besser gestanden. Es ist vielleicht nicht Nolans bester Film. Aber ganz sicher einer seiner schönsten.

„Die Odyssee“ läuft ab sofort im Kino.

Quelle: ntv.de

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