Während der Fußball-Weltmeisterschaft reißt Julian Nagelsmann einen Meilenstein. Seit 1000 Tagen ist er Bundestrainer. Seither zeigte er ungefähr genauso viele Seiten von sich.
Als Professor Rudi Völler das Presse-Audimax in Winston-Salem einweihte, philosophierte der DFB-Sportdirektor für einen Augenblick über eine Frage: Ist man als Fußballtrainer mit 38 Jahren eigentlich noch jung? Oder verliert man, kurz bevor die vier beim Alter vorn steht, dieses Adjektiv? Wo ist da die Grenze? Der 66-Jährige dribbelte sich um eine klare Aussage herum und nuschelte stattdessen ein: „Wobei, er ist gar nicht mehr so jung.“
Die Frage, ob Julian Nagelsmann nun noch jung ist oder nicht, müssen also andere beantworten. Dafür gibt es Fakten, die weitaus weniger mehrdeutig sind: Nagelsmann war bei Amtsantritt der jüngste Cheftrainer der deutschen Fußball-Nationalmannschaft in der Nachkriegszeit (nur Otto Nerz war jünger) und er ist auch der jüngste bei diesem Turnier. Nach den Quellen des DFB trat er das Amt, das eigentlich keines ist, offiziell am 22. September 2023 an. Das ist nun 1000 Tage her.
Bundestrainer Julian Nagelsmann setzt Meilenstein
Was Nagelsmann ziemlich sicher nicht mehr ist, das ist der Bundestrainer, der er bei der Heim-Europameisterschaft war. Sein DFB-Mentor Völler sagte über ihn, dass er nicht mehr so unbedarft wie vor zwei Jahren sei. Damals hatte er noch im emotionalen Rausch den WM-Titel als Ziel für das Turnier in den USA, Mexiko und Kanada ausgerufen. Rhetorisch hat Nagelsmann an dieser Stelle abgerüstet, auf Pressekonferenzen nimmt man ihn vor dem Turnier etwas angespannter als noch während der Heim-EM wahr.
Ein Vereinstrainer
Nagelsmann steuert bei dieser WM eine Mannschaft, die sich nur schwer einschätzen lässt. Sind sie Titelkandidaten? Oder sollte man schon über das Achtelfinale froh sein? Öffentlich hat der DFB es bis jetzt vermieden, ein klares Ziel auszugeben. Auch das ist ein Indiz für die Unberechenbarkeit. Selbst Kapitän Joshua Kimmich sagte unter der Woche, wo die Nationalelf steht, wisse man erst am Ende der Gruppenphase. Das fulminante 7:1 gegen Curacao habe da keine neuen Erkenntnisse geliefert.
Viel hängt davon ab, welcher Nagelsmann dieses Team lenken wird. Mittlerweile, das sagte sein Kapitän, habe der Bundestrainer seinen Weg gefunden. Diese Strecke, die Kimmich erwähnt, hat recht viele Wendungen genommen. Und auch wenn man den Weg mitgegangen ist, weiß man manchmal nicht so recht, an welcher Gabelung man nun eigentlich steht. Nagelsmann stammt nicht aus der DFB-Logik, einfach der Co-Trainer seines Vorgängers zu sein. Er musste sich das alles erst autodidaktisch beibringen.
Denn was Nagelsmann vor allem war, bevor er den Posten angenommen hatte, war ein Vereinstrainer. Er fremdelte zu Beginn noch arg damit, dass der Job als Nationalcoach reine Saisonarbeit ist. Nagelsmann kam von seinen Stationen beim FC Bayern, bei RB Leipzig und der TSG Hoffenheim. Allesamt Klubs, die mit dem europäischen Wettbewerb im Drei-Tages-Rhythmus gespielt haben. An Fehlern konnte er millimetergenau arbeiten, schließlich verbrachte er jeden Tag mit seinen Spielern.
Relativ schnell merkte Nagelsmann, dass beim DFB-Team andere zeitliche Gesetzmäßigkeiten herrschen. Selbst Bundestrainer Joachim Löw haderte einst damit, dass die Nationalteams zwischen November und März für vier Monate in den Winterschlaf verschwinden. Wie muss es da Nagelsmann ergangen sein? „Bei Julian dachte ich: Er muss jeden Tag auf dem Platz stehen“, sagte selbst Kimmich. Über die Zeit hat Nagelsmann einen Weg gefunden, damit umzugehen. Er hält den Kontakt mit den Spielern, führt regelmäßige Gespräche. Im Stadion sieht man ihn seltener.
Es folgte der Bruch
So wie er seine Amtsführung anpasste, veränderte sich der Bundestrainer selbst auch. In den vergangenen 2,7 Jahren zeigte Nagelsmann einige Seiten von sich. Also wie ein Chamäleon, das seine Farbe zur Kommunikation ändert. Dabei bewegt er sich auch langsam und schaukelnd. Mit dem Prinzip „zwei Schritte vor, ein Schritt zurück“.
Es ging los mit dem experimentierenden Bundestrainer im November 2023, der etwa Kai Havertz plötzlich in einer Jokerrolle als Linksverteidiger einsetzte. Es folgten Testspielniederlagen gegen die Türkei (2:3) und das 0:2 in Wien. Nagelsmann merkte schnell, dass er seine Ideen aus dem Vereinsfußball nicht einfach auf das DFB-Team übertragen kann.
Daraus entwickelte er den EM-Bundestrainer 2024: Nagelsmann vereinfachte seine Spielidee radikal (und blieb dabei mehr oder weniger bis heute). Er holte Toni Kroos aus dem DFB-Ruhestand zurück und verpasste seinem Kader klare Rollen. Es braucht Arbeiter und Zauberer. Und so fand er, anders als seine Vorgänger, endlich passende Plätze für Florian Wirtz und Jamal Musiala.
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Auch rhetorisch brach er mit seinen Amtsvorläufern. Nagelsmann begriff sich nicht nur als Fußballlehrer, sondern tatsächlich als Bundestrainer. Während der Heim-Europameisterschaft sprach er gerne von den Emotionen, die das DFB-Team auslösen kann. Nach dem Aus verdrückte er mehrfach Tränen, appellierte an den Zusammenhalt und ermutigte die Deutschen dazu, ihre Hecken doch gemeinsam zu schneiden und wieder in Vereine einzutreten.
Doch es ging nicht so weiter. Nach dem Nations-League-Bundestrainer in der ersten Hälfte von 2025, der vor allem mit Mangelverwaltung beschäftigt war, kam ein Bruch. Nagelsmann wurde zum WM-Quali-Bundestrainer. Die DFB-Elf verlor ihren Auftakt im September 2025 in Bratislava gegen die Slowakei mit 0:2. Die Gruppe mit Nordirland und Luxemburg wurde eine überraschend ruckelige Angelegenheit, die Qualifikation gelang erst auf den letzten Metern.
Seltsame Kommunikation
Das gelöste WM-Ticket brachte jedoch keine Leichtigkeit. Nagelsmanns Kommunikation wurde plötzlich verwundernd sprunghaft. Anders als bei einem Vereinstrainer hört die Öffentlichkeit genauer bei den Worten eines Kurz-vor-der-WM-Bundestrainers hin. Erst sagte er Leon Goretzka etwas überraschend eine WM-Rolle zu, was er danach einkassierte. Leroy Sané setzte er öffentlich unter Druck, ließ aber keine Konsequenzen folgen, als er seine Vorgaben nicht erreichte.
Dann ließ er bei Deniz Undav den Eindruck entstehen, dass er gar nicht wolle, dass der Angreifer auch Tore schießt. Und schließlich ist da die Rückkehr von Manuel Neuer, das in dem Kommunikationsdesaster im ZDF-„Sportstudio“ endete. Nagelsmann war dort zu Gast und musste mit ansehen, wie Oliver Baumann, die eigentliche Nummer eins, erklärte, dass er den WM-Stammplatz sicher habe, obwohl die Fußballöffentlichkeit wusste, dass das nicht so ist.
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All das gehört zur Außenwahrnehmung. Welche Bundestrainer-Version in den Fußball-Geschichtsbüchern landet, darüber wird auch dieses Turnier entscheiden. Intern, so berichteten es die DFB-Protagonisten unter der Woche, herrsche ein anderes Bild. Undav lobte die „klare Spielidee“ des Bundestrainers. Auch Kimmich hob hervor, dass Nagelsmann „sehr klar in der Kommunikation sei“, man merke ihm die Entwicklung an. Nagelsmann habe keine Angst, intern Spieler zu kritisieren. Es sei eine große Qualität.
Ein besonderes Lob
Der DFB-Kapitän merkte noch eine andere Sache an, die Nagelsmann geschaffen hat. Der Bundestrainer hat der Nationalelf den Umbruch verpasst, den sie nach 2018 nötig hatte. Er hatte die DFB-Elf alles andere als besenrein übernommen. „Bei uns hatte ich in den vergangenen Jahren nicht das Gefühl, dass da irgendetwas zusammengewachsen ist. Sondern man hatte nach jedem Turnier einen Neustart“, sagte Kimmich.
Das habe sich geändert. „Jetzt seit ein paar Monaten habe ich das Gefühl, dass da wieder eine Mannschaft zusammenwachsen kann, die sich auch über die nächsten Jahre vielleicht entwickelt“, sagte Kimmich. Bei den jungen Spielern im Kader habe er das Vertrauen, dass sie auch in zwei, drei Jahren noch in der Startelf stehen. Anders als es in den Jahren zuvor war. Ob der 31-Jährige aber noch viele Weltmeisterschaften erlebt?
Übrigens ist für einen die Frage, ob Nagelsmann nun noch jung ist oder nicht, schon geklärt. In Houston sprach auch der Trainer von Curacao, Dick Advocaat, über sein deutsches Pendant. Nagelsmann sei ein fantastischer Trainer, sagte er. Um in so einem jungen Alter eine Nationalmannschaft zu trainieren, muss man ungeheuerlich begabt sein. „Und er ist besonders begabt“, sagte der Niederländer.
Advocaat ist aber auch mit 78 Jahren der älteste Übungsleiter des Turniers. Es ist alles Ansichtssache.
Verwendete Quelle: ntv.de
