Rund zehn Millionen Pakete werden in Deutschland pro Tag zugestellt. Die meisten kommen mittlerweile über private Dienstleister in die Haushalte. Doch deren Arbeitsbedingungen verstoßen häufig gegen deutsche Gesetze.
Zahlreiche Paketfahrer werden noch immer unterhalb des Mindestlohnes bezahlt – trotz jahrelanger Kritik an den Beschäftigungsverhältnissen. Und viele Subunternehmer stehen unter großem wirtschaftlichem Druck. Das zeigen Recherchen des ARD-Wirtschaftsmagazins Plusminus.
Ein Paketbote schildert seinen Arbeitstag
Plusminus hat den 22-jährigen Paketboten Georgu aus Rumänien begleitet. Der Name wurde von der Redaktion geändert. Er beginnt seinen Job an jedem Werktag um sieben Uhr. Um diese Uhrzeit ist er schon am DPD-Depot, um die Pakete zu sortieren und in seinen Sprinter einzuladen.
Drei, manchmal vier Stunden ist er damit beschäftigt. Erst dann beginnt er seine Tour in einer Kleinstadt und deren Umland in Rheinland-Pfalz. Die Route ist festgelegt – ein Routenplaner zeigt ihm, wann und wo er anhalten und die Pakete abgeben muss. Wenn er seine Pakete austrägt, rennt er, sonst kann er die 100 Pakete an diesem Tag nicht pünktlich zustellen.
Weniger als neun Euro Durchschnittslohn
Unterwegs erzählt er, dass seine Arbeitstage meist sehr lange gehen: Dass seine Schicht erst nach 17, 18 und manchmal sogar nach 19 Uhr endet, sei keine Seltenheit.
Bezahlt bekomme er allerdings nur die Stunden, die er unterwegs sei. Die Zeit, die er für das Einladen der Pakete benötigt, werde nicht vergütet – sodass er am Tag regelmäßig auf bis zu 14 Arbeitsstunden komme. Sein Durchschnittslohn liege noch nicht einmal bei neun Euro. Angestellt ist er nicht bei DPD, sondern bei einem Subunternehmer.
Auch ein weiterer Fahrer in einem anderen Zustellgebiet von DPD berichtet von langen Arbeitstagen und vielen Stunden, die er nicht bezahlt bekomme. An manchen Tagen sei er sogar erst abends um 22 Uhr wieder zu Hause.
Arbeitszeiten werden überschritten
Solche Arbeitszeiten seien ein klarer Verstoß gegen das Arbeitszeitgesetz, erklärt Gewerkschafter Tiny Hobbs von der Dienstleistungsgewerkschaft ver.di. Dies gelte für alle Arbeitszeiten von mehr als zehn Stunden. Dies steht so auch im Arbeitsvertrag, den die beiden Fahrer unterschrieben haben.
Dort ist von einer Wochenarbeitszeit von 37,5 Stunden und von einem Stundenlohn von 13,90 Euro die Rede. Das entspricht dem gesetzlichen Mindestlohn. Doch der Subunternehmer hält sich nicht daran.
Subunternehmer verweigert Stellungnahme
Plusminus bittet den Subunternehmer um eine Stellungnahme zu den Vorwürfen. Doch eine Interview-Zusage zieht er plötzlich wieder zurück. Seine Anwältin teilt der Redaktion schließlich mit, dass er sich zu den Vorwürfen nicht äußern werde.
Beobachter der Paketdienstbranche wie der Sozialwissenschaftler und Volkswirtschafts-Professor Stefan Sell von der Hochschule Koblenz kommt dieses Verhalten bekannt vor. Er bezeichnet diesen Arbeitsmarkt in der Paketdienstbranche als den „Wilden Westen“ Deutschlands. Es zähle vor allem das Recht des Stärkeren, sodass viele Schwächere auf der Strecke blieben.
„Der Mindestlohn ist ja ein Stundenlohn und den können Sie nur eindampfen, in dem Sie Arbeitszeitbetrug machen, also unbezahlte Mehrarbeit, und das ist gang und gäbe in dieser Branche“, sagt Sell. Nur DHL sei besser, da der Konzern noch stärker auf Fahrer setze, die direkt bei dem Unternehmen angestellt seien.
Vierbettzimmer für 450 Euro im Monat
Doch in der Kritik steht nicht nur die Bezahlung der Paketboten. Auch die Unterbringung der Fahrer ist zumindest schwierig. Ein Fahrer zeigt seine Wohnung in einer Wohngemeinschaft, in der ihn der Subunternehmer untergebracht habe. Wir sehen ein Zimmer mit vier Betten. Fahrer Roberto – auch dieser Name ist geändert – erzählt, dass er dafür 450 Euro im Monat bezahlen müsse.
Er sei über eine Agentur in Rumänien an den Subunternehmer in Deutschland vermittelt worden. Die habe ihm erzählt, er müsse sein Zimmer nur mit einem Kollegen teilen. Er finde 450 Euro zu viel nur für ein Bett, sagt Roberto – er könne da nicht einmal seine Sachen unterstellen. Das Geld werde ihm vom Gehalt abgezogen.
Angelockt durch falsche Versprechen
Auch Stefan Sell hält diese Form der Unterbringung für menschenunwürdig. „Es sind ausschließlich ausländische Arbeitskräfte“, sagt er. Mittlerweile gebe es eine eigene Branche von höchst dubiosen Vermittlungsagenturen. Menschen würden unter Vortäuschung falscher Versprechen nach Deutschland gelockt, was Verdienste und Arbeitsbedingungen angeht.
„Und dann kommen die hierher, sind einem Subunternehmer ausgeliefert, sprechen in der Regel kein Wort deutsch, haben größte Schwierigkeiten, sind in einer prekären Situation“, so Sell.
Teil des Lohns wird in bar gezahlt – also schwarz
Doch damit nicht genug. Andere Fahrer, mit denen Plusminus sprechen kann, erzählen, dass sie zudem ihren Lohn nicht vollständig auf ihr Konto überwiesen bekämen. Die Hälfte werde bar ausgezahlt. Sie erhielten das Geld in einem Briefkuvert. Das sei schwarz und damit nicht rechtens, sagt Sozialwissenschaftler Sell. Die Fahrer würden so zu Mittätern gemacht.
In dem Moment, wo sie – auch aus der Not heraus, sie brauchen ja jeden Euro – sagen, okay, ich kriege einen Teil des Geldes formal korrekt überwiesen und den Rest bekomme ich schwarz, brutto für netto, sind sie selber Teil der Rechtsverstöße. Und sie sind per se erpressbar durch ihre prekäre Situation.
DPD verweist auf Rahmenbedingungen
Mindestlohn- und Arbeitszeitverstöße sind ebenso wie Schwarzarbeit in der Branche offenbar keine Seltenheit. Vom Paketdienst DPD heißt es dazu: „Sämtliche vertraglichen Partnerunternehmen von DPD müssen sich zur Einhaltung aller gesetzlichen Vorgaben, insbesondere zum Mindestlohn, zur Einhaltung der gesetzlichen Vorgaben zur Arbeitszeit und zu fairen Arbeitsbedingungen verpflichten. Wir treten für eine faire Entlohnung und sichere Arbeitsbedingungen ein.“
Bundesweit agieren für den Konzern nach Angaben von DPD rund 770 sogenannte Systempartner, also Subunternehmer. Teilweise arbeiten sie ihrerseits mit weiteren Subunternehmern zusammen. Die tatsächliche Zahl der beteiligen Firmen liegt bei mehr als 1.000, die rund 11.000 Fahrer beschäftigen.
Was DPD den Subunternehmern zahlt
Wie werden diese Subunternehmer von DPD vergütet? Plusminus ist der Frage nachgegangen. Ein Subunternehmer aus Bayern war bereit, seine Bilanzen offenzulegen. Demnach erhält er von DPD pro angefahrener Adresse 2,15 Euro – und pro Paket, das er ausliefert, 0,30 Euro. Im Monat mache er so einen Gewinn von rund 300 Euro. Da er mehrere Sprinter besitze, komme er auf etwa 3.000 Euro. Da dürfe aber an den Fahrzeugen nichts kaputtgehen, erklärt er.
Auch vor diesem Hintergrund fordert der Experte Stefan Sell radikale Einschnitte. Die Bundesregierung müsse Dienstleister wie DPD dazu zwingen, die Fahrer direkt zu beschäftigen und das Subunternehmertum zu beenden.
Tatsächlich hat genau dies bereits der Bundesrat 2023 in einer Entschließung gefordert. Das Bundesarbeitsministerium hat dies allerdings bis heute nicht umgesetzt. Für die Fahrer geht der ausbeuterische Alltag daher erst einmal so weiter.
