Diese Japaner sollte man kennenMit Nissan Ariya Nismo, Micra und Lexus LM unterwegs

Wer fernab jeglichen automobilen Mainstreams unterwegs sein möchte, hat etliche Möglichkeiten. Von wegen alles Einheitsbrei. ntv.de hat drei Kuriositäten aufgetan, deren Wert sich erst auf den zweiten Blick erschließt. Und das ist schade.
Wie ist das eigentlich genau mit der Vielfalt auf dem deutschen Automarkt? Gibt es sie noch, die Exoten, die sich in keine Schublade packen lassen, aber von einer kleinen Personengruppe total begehrt werden? Das Problem ist natürlich: Kein Autohersteller legt seine Modelle so an, dass er denkt, eine kritische Masse würde sie nicht kaufen. Doch manchmal liegen die Marketingleute einfach daneben. Obwohl das oft keinen sachlichen Grund hat.
Ein Geheimtipp beispielsweise ist der Nissan Ariya – gerade einmal 125 Exemplare zählt das Kraftfahrtbundesamt hierzulande von Januar bis April dieses Jahres. Dabei hätte das 4,60 Meter lange Mittelklasse-SUV deutlich mehr verdient. Allein die ultrabequemen Sitze mit ihren Nubuk-Elementen machen einen Ausflug mit diesem Japaner interessant. Von den Platzverhältnissen ganz abgesehen, denn in dieser Disziplin ist er nun wirklich über alle Zweifel erhaben.
Eine besondere Perle ist ganz sicher der Nismo mit fast überwältigenden 435 PS. Schicke, aber im Ergebnis dezente Akzentteile inklusive Nismo-Schriftzügen zeigen Kennern, welch ein Exot hier auf Rädern steht. Wer hinter dem Steuer sitzt, freut sich über den ungeheuren Punch gleich vom Start weg. Binnen fünf Sekunden wuchten die beiden Motoren den 2,3-Tonner auf Tempo. Und er schafft für Elektroverhältnisse zügige 200 km/h.
Nicht mehr ganz zeitgemäß sind 130 kW maximale Ladeleistung bei einem 87 kWh großen Akku. Zumal sich 417 Kilometer WLTP-Reichweite rasant halbieren, wenn man von den 600 Newtonmetern fleißig Gebrauch macht. Das Powerpaket hat mit 63.990 Euro allerdings auch ein imposantes Preisschild. Aber wer weiß, mit viel Verhandlungsgeschick wird es monetär vielleicht irgendwie machbar. Und wer mit der schwächeren Basis zufrieden ist, wird schon ab knapp über 40.000 Euro fündig. Es muss ja nicht der Nismo sein.
Micra bleibt liebenswerte Knutschkugel
Definitiv ein anderes Kaliber bezüglich des Exotenfaktors (und des Preises) ist der Nissan Micra. Er läuft in Deutschland gut an – erst kurz auf dem Markt, aber schon über 1000 Exemplare auf der Straße liefern Nissan einen Grund zur Freude. Das Konzept ist witzig und bedarf eines Blickes. Die Japaner haben es geschafft, die Leihgabe aus Frankreich (Renault 5) so anzupassen, dass man sie lediglich bei genauem Hinsehen identifiziert. Vor allem mit den knuffigen Scheinwerfern bleibt der Micra eine liebenswerte Knutschkugel. Eine Kuriosität ist der Fronttriebler aber irgendwie schon.
Seine Platzverhältnisse sind eher wie bei einem Cityflitzer, aber auch ein Wochenendausflug lässt die Passagiere nicht leiden. Wer länger unterwegs ist, muss sich eben überlegen, ob er die Fondbank besetzt – hinten geht es schon enger zu. Wer aber nicht gerade 1,95 Meter misst, sollte klarkommen. Die Stühle selbst passen sowieso.
Ein richtiges Schnäppchen ist der Lifestyle-Kleinwagen nicht gerade mit 27.990 Euro im Einstieg. Und für die stärkere Version (150 statt 122 PS) werden dann schon mindestens 30.000 Euro fällig. An den Fahrleistungen scheitert es nicht, der Fronttriebler setzt sich quirlig in Bewegung. Und die 52-kWh-Batterie sorgt für einen auskömmlichen Stromvorrat. Mit 416 Kilometern (WLTP) kommt der Micra ziemlich exakt so weit wie der familientaugliche Ariya. Und er triggert den Fahrer immerhin nicht so zum rasanten Fahrstil. Laden dauert in beiden Fällen rund eine halbe Stunde.
Im Trio der Kuriositäten schießt allerdings der Lexus LM den Vogel ab. Von Januar bis April wurden gerade mal 24 Exemplare in Deutschland zugelassen. Woran liegt das? Nicht daran, dass der Lexus schlecht wäre – nein, er ist einfach überhaupt nicht für den hiesigen Markt konzipiert. Das erkennt man schon an der leicht konservativen Gestaltung – kaum ein anderer für Europa vorgesehener Lexus sieht so asiatisch aus wie der 5,13 Meter lange Brummer aus Fernost.
Und dann der Preis – bitte hinsetzen: 128.000 Euro für das Grundmodell. Wie bitte? Ja, richtig gelesen. Aber lassen Sie sich mal im Fond kutschieren, Filme schauend auf dem riesigen Bildschirm, fast vergleichbar mit einer Kinoleinwand. Dazu sitzt man auf nahezu unbeschreiblich luxuriösen Lederfauteuils mit Massagefunktion, Klimatisierung sowie elektrischer Verstellung. Außerdem weilt man abgeschottet mit Trennwand im hinteren Abteil – übrigens auch akustisch isoliert. Was man hier alles veranstalten kann, der Fantasie sind wenig Grenzen gesetzt. Das ist, man kann es nicht anders sagen, abgedreht.
Lexus LM fährt profan
Der nüchterne Teil findet hinter dem Steuer Platz. Ja, der leistungsverzweigte Antrieb aus dem Toyota-Konzern ist ja bekannt. Er funktioniert geschmeidig und ohne Schaltrucke. Aber ein per se nicht sonderlich kultiviert laufender Vierzylinder als Verbrennerpart ist dem Kaufpreis dieses Fahrzeugs einfach so gar nicht angemessen. Auch wenn 206 PS Systemleistung freilich völlig ausreichen, um das 2,4-Tonnen-Ungetüm halbwegs dynamisch in Bewegung zu setzen. Immerhin benötigt es nicht einmal neun Sekunden für den Sprit auf 100 km/h. Dann wird der 2,5-Liter-Sauger (147 PS) aber auch schon kernig, und die beiden Elektromotoren (180 PS vorn und 54 PS hinten) müssen mithelfen. Bei 180 Sachen ist Schluss – für diese Kategorie geht das in Ordnung.
Fazit: Nissan Ariya und Micra sowie der Luxus LM mögen nicht zu den kuriosesten Japanern überhaupt zählen, aber sie gehören derzeit definitiv zu den unterschätzten Skurrilitäten auf dem deutschen Markt, die einen genaueren Blick verdienen. Der Ariya, weil er in seinen Eigenschaften massiv unterschätzt wird, vor allem bezüglich seines Komforts. Und als Nismo ist er außerdem herrlich kauzig. Der Micra, weil er für ein Kooperationsprodukt einfach ziemlich cool ist, was durchaus nicht immer gelingt bei Badge-Produkten. Das macht ihn anders. Und der Lexus LM, weil er einfach unbeschreiblich schräg ist und ziemlich viel kann – abgesehen vom Antrieb. Und genauso schräg wie er selbst ist auch sein abgedrehter Preis. Dennoch schön, dass es auch verrückte Autos zu kaufen gibt.
