Porträt
Wolfgang Kubicki will seine FDP aus dem Umfragetief holen. Ende Mai stellt er sich als Vorsitzender zur Wahl. Sein Weg: Anecken und keine Angst vor der AfD. Was kommt da auf die Liberalen zu?
Der neue Messias der FDP wirkt etwas müde, als er zum Interview erscheint. Kein Wunder: Wolfgang Kubicki, 74 Jahre alt, hat keine Ruhe mehr seit dem Tag, an dem er verkündet hat, seine Partei wieder zum Leben erwecken zu wollen. Ausgerechnet an einem Ostersonntag. Oder war das Datum beabsichtigt? Schließlich sagte schon der frühere FDP-Chef Guido Westerwelle, es gebe zwei Institutionen, die Erfahrung mit der Auferstehung hätten: „Die christliche Kirche und die FDP.“
Kubicki jedenfalls glaubt an das Wunder und will es vollbringen: Als künftiger Parteichef will er die FDP herausführen aus dem Umfragetief, wo sie gerade bei rund vier Prozent dümpelt. „Ich übernehme deshalb, weil die Partei offensichtlich mit der Führungsspitze vollständig unzufrieden war“, sagt Kubicki im ARD-Interview der Woche.
Seine Worte sitzen. Direkt wie immer, trotz Müdigkeit. Es ist genau dieser Kubicki-typische Charakterzug, mit dem er die Partei retten will: mit klaren Worten, Sichtbarkeit, öffentlichen Auftritten. „Wie sollen die Leute sich denn für die FDP entscheiden, wenn sie uns gar nicht sehen oder gar nicht hören?“, fragt er. Kubicki kritisiert damit indirekt seine Vorgänger, Parteichef Christian Dürr und Generalsekretärin Nicole Büttner. Unter ihrer Führung war es nach dem Auszug aus dem Bundestag 2025 ruhig geworden um die FDP.
Die Rückkehr des „Quartalsirren aus dem Norden“?
Wie man Aufmerksamkeit zurückgewinnt, weiß Kubicki. Und scheut vor wenig zurück, greift zu Worten wie „Eierarsch“, um den Kanzler zu beschreiben. Nicht fein – aber wirksam. Auf die Frage, warum er häufig in Talkshows eingeladen werde, habe man ihm mal gesagt, dass dann die Einschaltquoten stiegen. „Und das liegt wahrscheinlich daran, dass ich entweder einen lustigen Eindruck vermittele oder das anspreche, was die Leute auch in ihrem Kopf haben, nur nicht so formulieren können wie ich.“
Nicht allen in der Partei gefällt das. Er gelte als „Quartalsirrer aus dem Norden“, sagte er selbst einmal. Weil er aneckt und rote Linien verbal austestet. Noch weniger gefällt manchen in der Partei, dass er jetzt der einzig verbleibende Kandidat für das Spitzenamt ist: Henning Höne, FDP-Landeschef in NRW, hat seine Kandidatur zurückgezogen. Auch wenn kaum einer Höne einen Sieg zugetraut hätte: Dass die Partei des Wettbewerbs auf den Wettbewerb verzichtet, kommt nicht gut an.
Maue Aussichten
Hört man sich in der Partei um, so heißt es, Kubicki könne sehr zufrieden sein, wenn er bei seinem Abstimmungsergebnis über 70 Prozent kommt. Es ist der späte Weg an die Spitze der Partei, für die sich Kubicki, Strafverteidiger aus Schleswig-Holstein, mehr als 50 Jahre lang engagiert hat: mal als Landeschef im Norden, mal als Landtags- und mal als Bundestagsabgeordneter und zuletzt als Bundestagsvizepräsident. Ein Amt, für das ihm noch heute ein Büro in Berlin zusteht.
Der Einzug in die Parteizentrale wird für Kubicki also keine Rückkehr in die Hauptstadt. Er ist sowieso häufig hier, führt Gespräche. Die Stimmung in Berlin sei bei allen schlecht, sagt er. „Weil alle mit großen Kinderaugen das Erstarken der AfD sehen und nicht mehr wissen, was man dagegen tun soll. Offensichtlich hat die Form der Ausgrenzung der AfD nicht geschadet, sondern ihr eher genützt.“
Gegen die Brandmauer zur AfD, aber für Abgrenzung
Kubicki lehnt die Brandmauer ab und sagt: „Ich rede auf Veranstaltungen auch dort, wo AfD-Vertreter sind. Ja, ich rede auch mit AfD-Vertretern.“ Er setze auf Ab- statt Ausgrenzung. Für den Landtagswahlkampf in Sachsen-Anhalt gelte das Motto: „Wenn ich nur die Alternative habe zwischen Volksfront oder völkischer Front, dann braucht man eine starke Kraft der Freiheit in der Mitte zwischen allen Beteiligten.“ Die soll die FDP sein.
An seiner Seite stehen soll als Generalsekretär Martin Hagen, 44 Jahre alt, Ex-Abgeordneter im bayerischen Landtag. Derzeit arbeitet er als Geschäftsführer der Denkfabrik „Republik 21“, die sich nach eigenen Angaben für bürgerliche Politik einsetzt und auf ihrer Webseite schreibt: „Woke Identitätspolitik, Cancel Culture, ein immer weiter ausufernder Sozialstaat und staatliche Regulierung der Wirtschaft gefährden die offene Gesellschaft und ihren Wohlstand von links.“
Ruck nach rechts?
Parteiinterne Kritiker fürchten, die FDP könnte mit diesem Duo nach rechts rücken. Das wundere ihn und ärgere ihn auch etwas, sagt Kubicki. „Weil meine Vita das genaue Gegenteil ausweist.“ Die Meinungsfreiheit ist Kubicki wichtig. Nicht nur in der Corona-Zeit hat er sich immer wieder eingesetzt gegen das, was er als staatliche Bevormundung bezeichnet.
Dass er mit seinen 74 Jahren nicht die Zukunft der Partei sei, wisse er selbst, sagt er. Ob er in drei Jahren noch dabei sein wird, wenn wieder gewählt wird? Kubicki will sich nicht festlegen. „Aber die Wahrscheinlichkeit, dass ich 2029 die FDP in den Bundestagswahlkampf führe, ist deutlich geringer als die Wahrscheinlichkeit, dass ich auf Mallorca bin.“

