Die Arbeitsbelastung und die Verantwortung sind hoch, häufig lassen sich Beruf und Familie nicht trennen: Das belastet oft die Psyche von Landwirten. Doch in Deutschland fehlen bisher zuverlässige Daten über das Problem.
Christa und Hansjoerg Henzler engagieren sich auf ihrem Biohof in Denkenberg, Baden-Württemberg, mit allem, was sie haben, für Hof und Tiere. Als sie den hoch verschuldeten Familienbetrieb vor über 25 Jahren von Hansjoerg Henzlers Vater übernahmen, erlebten sie das, was viele Landwirte kennen: massive Generationenkonflikte und wirtschaftliche Sorgen. Henzlers Vater war dement, es gab Streit und Probleme mit seinen Geschwistern über die Frage, wie mit dem Hof umzugehen ist.
Das Paar wollte den Hof auf Biobetrieb umstellen, eigene Ideale verwirklichen. Im Dorf und der Familie gab es dagegen viele Vorurteile. Die Wirtschaftlichkeit des Betriebs sei zum Zeitpunkt der Übergabe „katastrophal gewesen“, meint Christa Henzler. Dann kam der Burnout.
„Man kann halt einfach nicht mehr und schläft auch nicht mehr gut, und dann hat man tagsüber auch eine dünne Haut.“ Darunter habe die ganze Familie gelitten: „Die Kinder, der Partner und man fängt auch an sich zurückzuziehen.“
Der Weg zur Beratung
Christa Henzler wollte den Hof schon verlassen, da habe ihr Mann ein Beratungsangebot der Landwirtschaftlichen Familienberatung des Katholischen Landvolks in der Zeitung gefunden. Zwei Tage später gab es den ersten Termin. Gespräche auf Augenhöhe haben Hof und Ehe gerettet, sagt das Ehepaar heute.
„Die geben jetzt keine Tipps und sagen: ‚So musst du es machen, dann läuft es.‘ Die wollen, dass man das selbst aufarbeitet und selbst zu Lösungen kommt“, erklärt Hansjoerg Henzler.
Auch Christa Henzlers Bruder übernahm einst den Hof der eigenen Eltern. Er hielt dem Druck nicht stand, erzählt sie. Hilfsangebote habe ihr Bruder nicht annehmen wollen: „Das hat er nicht gemacht und dann hat er sich vor einigen Jahren das Leben genommen.“
Beratungsangebote für Landwirte
Die Sozialversicherung für Landwirtschaft, Forsten und Gartenbau (SVLFG) bietet unter der Nummer 0561 785 – 10101 eine Krisenhotline für Landwirtinnen und Landwirte an.
Eine Übersicht über Beratungs- und Hilfsangebote für Landwirte bietet außerdem das Bundesinformationszentrum Landwirtschaft an.
Deutschland fehlen die Daten
Studien aus Frankreich und Österreich zeigen: Landwirte haben ein größeres Risiko, psychische Krankheiten zu erleiden als die Allgemeinbevölkerung. Auch die Suizidrate liegt deutlich höher.
In der österreichischen Studie von 2025 wurden Landwirte befragt, was sie derzeit am meisten belastet. Am häufigsten nannten die Befragten die gegenwärtige Agrarpolitik, Bürokratie, Preisschwankungen, Arbeitsdruck, keine Erholung, Planungsunsicherheit und die zu geringe Wertschätzung gegenüber ihrem Beruf.
In Deutschland gibt es noch keine repräsentativen Studien, die das Dunkelfeld der psychischen Belastungen in der grünen Branche aufhellen könnten. Bundeslandwirtschaftsminister Alois Rainer nimmt das als Manko wahr. Gegenüber der ARD erklärt Rainer, er wolle sich in der Agrarministerkonferenz der Länder dafür einsetzen, dass sich daran etwas ändert.
Politik will Entlastung
Dass gerade bürokratische Auflagen dazu führen würden, dass Bauern sich teilweise „länger am Schreibtisch als im Stall aufhielten“, sei auch ein Problem, so Rainer. Ein Drittel der Landwirte arbeite über 70 Stunden in der Woche, erklärt der Minister. Auf Europäischer Ebene würde er sich daher gegen weitere Regularien einsetzen.
Weiter bekräftigt der Minister den Anspruch der Bundesregierung, noch vor der Sommerpause des Bundestages ein sogenanntes Bürokratieentlastungsgesetz vorlegen zu wollen.
Hof und Familie lassen sich nicht trennen
Zana Schmid-Mehic berät für den Beratungsdienst „Familie und Betrieb“ ehrenamtlich Landwirte in Not. Bei landwirtschaftlichen Betrieben käme erschwerend hinzu, dass Arbeit und Familie untrennbar miteinander verwoben sind, erklärt sie.
Die Angst der Landwirte mit einer oft jahrzehntelangen Tradition ihrer Familie zu brechen, wenn sich der Betrieb nicht mehr rechnet, sei eine der größten Ängste ihrer Klienten. Oft packe die ganze Familie am Hof mit an – soziale Konflikte seien da meist programmiert und die Scham, sich helfen zu lassen, sei häufig zu groß, so Schmid-Mehic.
Auch Christa Henzler berät heute neben ihrer Tätigkeit auf dem Hof ehrenamtlich andere Landwirtinnen und Landwirte, die Hilfe benötigen. Sie sagt, landwirtschaftliche Beratung könne Höfe und Leben retten.
Hilfe für Betroffene
Beim Verdacht auf eine Depression und als erste Anlaufstelle für Betroffene bieten die bundesweite Telefonseelsorge ( und die Stiftung Deutsche Depressionshilfe ( Unterstützung per E-Mail, Chat und Telefon.
Telefonnummern der Telefonseelsorge: 0800/111 0 111, 0800/111 0 222 oder 116 123.
In akuten Krisen, Notfällen und bei Suizidgedanken sollte umgehend eine psychiatrische Klinik oder der Notarzt telefonisch unter der 112 kontaktiert werden. Hier können psychiatrische Kliniken in der Umgebung gesucht werden.
Zusätzlich sollte in jedem Fall das Gespräch mit einem Arzt beziehungsweise mit einem Psychotherapeuten gesucht werden. Die hausärztliche Praxis sowie Online-Plattformen können bei der Suche und Vermittlung helfen.

