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Politik

Toten Hosen in Rente? Der Punk braucht keine Fackelträger

Dr. Heinrich KrämerVon Dr. Heinrich KrämerMai 29, 2026Keine Kommentare7 Minuten Lesezeit
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Stand: 29.05.2026 • 15:33 Uhr

Die Toten Hosen veröffentlichen nach neun Jahren ein neues Studioalbum. Es soll ihr letztes sein. Damit gehen die Punkrocker, die mit der Zeit poppiger, sogar EM-tauglich geworden sind, nach fast 45 Jahren Bandgeschichte auf Abschiedstour. Was bleibt vom Punk in Deutschland?

„Trink aus, wir müssen gehen!“ Schon dem Titel nach ist das neue Album der Toten Hosen gleichzeitig auch ihr Abschied. Auf dem Cover steht die Band vor einem alten Opel – eine Hommage an ihr Debut „Opel Gang“. Diesmal allerdings inszeniert von Starfotograf Andreas Gursky und sehr viel aufgeräumter als das Albumcover von 1983. Damals war es auch chaotischer.

Erste Platte entstand in zehn Tagen

In weniger als zehn Tagen entstand sie, die erste Platte: in Eigenregie. Die meisten Bandmitglieder waren damals noch Schüler. Die Band hatte kein Geld. Das Tonstudio in Bochum Langendreer konnten sie nur stundenweise und am Wochenende mieten.

Nach gut 45 Jahren Bandgeschichte zitieren die Toten Hosen auf dem neuen Albumcover ihr erstes Plattencover „Opel Gang“ von 1983.

Zwei Jahre Arbeit am musikalischen Vermächtnis

Gut 40 Jahre später fällt so eine Album-Produktion bei den Hosen deutlich pompöser aus: Rund zwei Jahre auf einem umfunktionierten Bauernhof im Münsterland hat die Band sich diesmal Zeit genommen. Es sollte schließlich nicht irgendeine Platte werden, sondern ihr musikalisches Vermächtnis.

Da wolle man aus allen Rohren schießen, sagt Sänger Campino in der neuen ARD-Doku „Die Toten Hosen – das letzte Album“. Nach Hosen-Art hat er mit Andi, Breiti, Kuddel und Schlagzeuger Vom Ritchie – der sich nach knapp 30 Jahren immer noch als „Der Neue“ fühlt – die Songs im Studio geschrieben und entwickelt. Nach einem reichlich aufreibenden Prozess inklusive Zeitdruck, Streitigkeiten, Schreibblockaden und zahlreichen Korrekturen sind am Ende tatsächlich alle zufrieden.

„Ich empfinde das als totale Punktlandung auf den letzten Drücker und extrem gelungen“, sagt Gitarrist Kuddel. Das gönnt man der Band, die sich in ihren über 40 Jahren auch musikalisch immer wieder neu erfunden hat.

„Hier kommt Alex“ – von der Kneipe in die Arenen

Nachdem die Toten Hosen in den ersten Jahren zwar frischen deutschsprachigen Punkrock lieferten, aber ständig pleite waren, hatten sie 1988 ihren kommerziellen Durchbruch mit dem Album „Ein kleines bisschen Horrorschau“. Es wurde die erste Goldene Schallplatte, die Single „Hier kommt Alex“ dürften die meisten noch im Ohr haben.

In den 1990ern folgten zahlreiche Chart-Platzierungen, teure Musikvideos, große Konzerte und schließlich dieser eine Riesenhit: „Tage wie diese“ vom Album „Ballast der Republik“ erreichte nicht nur Platz 1 der Charts, sondern schaffte es sogar zur EM 2012. Dort untermalte er etliche Fernseh-Clips und wurde von der Nationalmannschaft selbst auf Platz 1 der beliebtesten Songs zum Einstimmen auf die Spiele gewählt.

Genre Deutschpunk in Clubs und Stadien

Punk geht anders? Vielleicht. Für Björn Sonnenberg-Schrank von der Heinrich-Heine-Universität Düsseldorf, Heimatstadt der Hosen, ist der Band etwas gelungen, was viele andere so nicht geschafft haben: „Die Toten Hosen waren von Anfang an eine sehr wahrnehmbare und sehr große Band“, sagt der Kultur- und Medienwissenschaftler im WDR-Interview. „Sie haben als eine der wenigen das Genre Deutschpunk, Funpunk, wie auch immer man dazu sagen will, in die Clubs, in die großen Hallen und später in die Stadien reingebracht. Sie haben den Punk in die Kinderzimmer gebracht.“ Dort haben sie eine ganze Generation beeinflusst.

Die Toten Hosen (Campino, Andi, Breiti, Kuddel und Schlagzeuger Vom Ritchie) haben ihr letztes Studioalbum veröffentlicht. Frontmann Campino dazu: „Die Toten Hosen bleiben die Toten Hosen, bis wir in die Kiste gelegt werden. Aber wir müssen nicht unbedingt Musik machen. Wir sind einfach eine Gang.“

Ein Weg raus aus dem vorgeschriebenen Pfad

„Als ich in den frühen 2000ern 14, 15 Jahre alt war, waren die Toten Hosen die erste deutsche Musik, mit der ich mich identifizieren konnte“, erzählt Jannis Riemann, Sänger und Gitarrist der Berliner Indie-Punk-Band Deine Nachbarn im WDR-Interview. „Wo ich zu Hause saß, die CD gehört habe und mir dachte, das ist ja voll geil, die erzählen was, das verstehe ich, das passt zu meinem Weltbild und gibt mir das Gefühl, dass es einen Weg gibt raus aus einem vorgeschriebenen Pfad.“

Riemann, der in seinen eigenen Liedern ziemlich sprachwitzig gesellschaftliche Ungerechtigkeiten, persönliche Krisen und scheinbar unscheinbare Heldinnen an den Supermarktkassen besingt, macht sich um den Punk in Deutschland jedenfalls keine Sorgen: „Genauso wie die Toten Hosen den Punk nicht erfunden haben, wird der Punk auch nicht mit den Toten Hosen in Rente gehen. Punk braucht keine Fackelträger.“

Punk steht für künstlerische Freiheit und Teilhabe

Aber unsere Gesellschaft braucht offensichtlich den Punk. Es geht um mehr, als schnelle, rotzige Musik. Das Genre steht für künstlerische Freiheit, Spielraum und Teilhabe – auch ohne elitäres Musikstudium. Einfach mal machen, heißt das Motto. So war das schon bei den Hosen. An ihren Instrumenten waren zu Beginn fast alle völlige Dilettanten. Aber sie waren Freunde, und das war Campino wichtiger. Klingt kitschig? Sei’s drum.

Es ist dieser Geist des gemeinsamen Drauflos-Experimentierens, der so viele Menschen angesprochen und nachfolgende Bands geprägt hat: „Ich fand das faszinierend, dass das so einen bestimmten Spirit vermittelt hat von ‚hey, sei so, wie du bist‘. Es geht nicht um Perfektion, sondern um den Mut, sich auszudrücken“, erinnert sich Don L. Gaspár Ali im WDR-Interview.

Heute ist er Sänger der aufsteigenden und ziemlich frischen, nennen wir es: Neue-Deutsche-Welle-Singer-Songwriter-Punk-Band Grenzkontrolle. Zuerst war da die Lyrik, sagt Gaspár. Dann kam die Musik: „Ich habe nur eine größere Bühne für meine Gedichte gesucht. Und gedacht, ich mach eine Punkband und gucke, dass ich meine eigene Stimme finde.“

Mehr als Musik – Punk ist Haltung

Für die Schlagzeugerin Mika von der jungen Kölner Grunge-Punk-Band The Red Flags zählt im Punk vor allem eines: eine klare Haltung. „Gegen das Business, gegen alles von oben und auch gegen jegliche Form der Diskriminierung.“ Klar, es geht auch um Musik und es gibt im Punk eine gewisse Bandszene, meint Mika im WDR-Interview. Aber die finde eher in kleinen Clubs, auf alternativen Festivals oder linken Demos statt und nicht im Mainstream. „Das ist aber richtig, da gehört der Punk auch hin.“

Das haben die Hosen, zugegeben, wohl weniger eng gesehen. Die hatten schließlich auch mit den großen Arenen kein Problem, auch wenn ihre Wurzeln definitiv in der Subkultur des Punk liegen.

Tote Hosen genießen bis heute Respekt bei Fans

Sie haben damit einfach viele erreicht, meint Kulturwissenschaftler Sonnenberg-Schrank: „Nur, weil dann auf einmal Frau Merkel ihren Sieg bei der Bundestagswahl feiert, indem sie mit ihren Buddies zusammen „Tage wie diese“ von den Toten Hosen singt, delegitimiert das nicht die Toten Hosen.“

Bis heute genießt die Band großen Respekt bei ihren Fans. Geerdet, ehrlich, authentisch sind Begriffe, die oft im Zusammenhang mit Campi, Kuddel und Co. fallen. Da dürfte es viele freuen, wenn Campino nach Fertigstellung von „Trink aus, wir müssen gehen!„ verspricht: „Die Toten Hosen bleiben die Toten Hosen, bis wir in die Kiste gelegt werden. Aber wir müssen nicht unbedingt Musik machen. Wir sind einfach eine Gang.“

„Die Zukunft des Punks ist großartig“

Also: Hose bleibt Hose. Punk bleibt Punk. Wenn auch bald ohne Hosen. Und nein, Punk ist nicht weg, im Gegenteil: Er ist origineller und vielfältiger als je zuvor. Vielleicht nicht in der gigantischen Größenordnung der Toten Hosen. Aber das ist dem Punk schließlich egal.

Man darf bei aller Nostalgie Ausschau halten nach den vielen hochspannenden jungen, neuen Bands in Deutschland, die das Genre nutzen, um auszudrücken, was ihnen wichtig ist – und dabei einfach Spaß haben. Um es mit den Worten von Deine Nachbarn-Sänger Jannis Riemann zu sagen: „Die Zukunft des Punks ist großartig. Der Rest der Welt muss sich Sorgen machen.“

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