Grundschulen schlagen Alarm: Vielen Erstklässlern fehlen grundlegende Fähigkeiten. Ein bundesweites Projekt setzt nun früher an. Mit der „Klasse 0“ sollen Kinder auf den Schulstart vorbereitet werden.
Jaiden konzentriert sich voll auf die Schere. Seine Aufgabe: Aus dem Pappteller soll eine Biene werden. Stolz zeigt er auf sein erstes ausgeschnittenes Papier: „Das ist die Spitze von der Biene. Weil dann kann die pieksen.“
Eigentlich geht Jaiden noch in den Kindergarten. Doch zweimal in der Woche kommt er für zwei Stunden schon mal in die Schule. Sechs Kita-Kinder sind an diesem Mittwochmorgen zum Unterricht an der Brocker Schule im Bielefelder Stadtteil Brackwede erschienen.
Grundschulen nehmen mehr Defizite wahr
Schulleiter Pascal Pooch hat die sechs Kinder ausgesucht. In der sogenannten Klasse 0 sollen sie auf die Grundschule vorbereitet werden – vom Stifte halten über die deutsche Sprache bis hin zur Sozialkompetenz.
Seit einiger Zeit beobachtet Pooch einen zunehmenden Leistungsverfall an seiner Schule. „Mein Eindruck ist schon, dass die Kinder mit immer weniger Vorläuferfähigkeiten zu uns kommen“, sagt er. Deshalb müsse man etwas tun, um die Kinder zu unterstützen.
Poochs Beobachtung deckt sich mit einer ARD-Umfrage aus dem vergangenen Jahr: Von knapp 7.000 Grundschullehrkräften gaben 87 Prozent an, dass Kinder in der 1. Klasse heute deutlich mehr Defizite aufweisen würden als noch vor zehn Jahren. Immer weniger Erstklässler seien beschulbar, heißt es.
Eltern haben weniger Zeit für ihre Kinder
Vor allem finanziell benachteiligte Familien würden darunter leiden, sagt Matthias Forell vom Institut für Erziehungswissenschaft der Ruhr-Universität Bochum. Ein großes Problem sei, dass Eltern heutzutage viel weniger Zeit für ihre Kinder hätten als früher – aus ganz unterschiedlichen Gründen.
„Fakt ist, dass beide Elternteile heute viel mehr arbeiten und dass gleichzeitig viel mehr Ressourcen benötigt werden, um den Lebensstandard zu halten oder auch den Lebensunterhalt zu finanzieren“, sagt Fornell. „Und dementsprechend haben sie auch weniger Zeit mit ihren Kindern, die sie gemeinsam verbringen.“
Zweimal in der Woche bringt Jaidens Mutter ihren Sohn für zwei Stunden in die Grundschule.
„Klasse 0“ soll Defizite erkennen und beheben
Die „Klasse 0“ an der Brocker Schule in Bielefeld soll das etwas auffangen. Sozialpädagogin Regina Goss hat zweimal pro Woche zwei Stunden Zeit, um Defizite zu erkennen und möglichst gut zu beheben: Wie melde ich mich? Wann bleibe ich sitzen? Wie drücke ich mich aus, ohne die Hände zu benutzen? „Das sind Dinge, die total ungewohnt sind für Kinder, bevor sie eingeschult werden“, erklärt Goss.
Und durch die kleine Gruppe sei das Setting ein ganz anderes: „Man ist nicht reizüberflutet, man hat die Chance, gesehen zu werden als Kind. Das fällt ja manchmal hinten über, wenn man mit vielen Kindern in einer Einrichtung ist“, sagt Goss. „Deswegen ist das richtig schön – und man sieht, dass das den Kindern guttut.“
100 Schulen in Deutschland machen mit
Die Idee, mit Kita-Kindern Grundschulen zu besuchen, ist nicht neu. Auch private Vorschulen gibt es schon länger. Außergewöhnlich ist die Größenordnung des „Klasse 0“-Projekts: 80 Stunden bis zum nächsten Sommer – und das kostenlos für die Eltern.
So systematisch wurden förderungsbedürftige Kinder in Deutschland noch nie auf den Schulstart vorbereitet. Das Motto heißt: Früher fördern statt später reparieren. Die Brocker Schule ist eine von 100 Grundschulen in ganz Deutschland, in denen seit Anfang März die „Klasse 0“ erprobt wird.
Das Geld dafür kommt von der Initiative #wirfürschule, die unter der Schirmherrschaft des Bundesministeriums für Bildung und Forschung steht und von privaten Geldgebern finanziell unterstützt wird, darunter Stiftungen und große Unternehmen. Bis zu 8.000 Euro erhält jede Schule für ihre Teilnahme.
Nordrhein-Westfalen plant flächendeckend „ABC-Klassen“
Nordrhein-Westfalen plant, flächendeckend sogenannte ABC-Klassen einzuführen. Sie sollen ähnlich funktionieren wie die „Klasse 0“. Schulforscher Matthias Forell fordert sogar, schon eineinhalb Jahre vor der Grundschule anzufangen. So habe man genug Zeit, Kinder mit absehbaren Schwierigkeiten lange genug zu fördern.
„Das bedeutet aber auch, dass man in der Kita einen kleinen Paradigmenwechsel einführt, dass es eben nicht nur überwiegend Betreuungsangebot ist, sondern auch Bildungsangebot sein muss“, sagt Forell. Die pädagogischen Fachkräfte in Kitas müssten dann allerdings auch dafür ausgebildet werden, „dass der Übergang zwischen Kita und Schule besser gelingt, als das heute vor allem an Kitas in herausfordernden Lagen der Fall ist.“
In der Grundschule schneiden, kleben und werkeln die Kinder gemeinsam.
Nach zwei Stunden ist Schulschluss für die „Klasse 0“. Jaidens Biene ist rechtzeitig fertig geworden. Stolz zeigt er sie seiner Mutter, die ihn abholt. Für heute war das schon mal ein toller Erfolg – und vielleicht ein erster Schritt in Richtung Schulstart.

