Der Shangri-La-Dialog ist die wichtigste Sicherheitskonferenz Asiens. US-Verteidigungsminister Hegseth forderte dort mehr Eigenverantwortung der indopazifischen Länder – und sendet eine Spitze an Westeuropa.
Gespannt warten Hunderte Delegierte im großen Saal des Shangri-La-Hotels in Singapur auf den Verteidigungsminister der USA, Pete Hegseth. Der hat eine klare Botschaft an die Minister, Sicherheitsexperten und Militärs im Raum: „Viel zu lange hat die Sicherheit dieser Region überproportional auf amerikanischer Militärmacht beruht, während viele unserer Verbündeten und Partner ihre eigenen Verteidigungsfähigkeiten verkümmern ließen.“
Er fordert die asiatischen Länder auf, ihre Militärausgaben zu erhöhen, um der wachsenden Macht Chinas etwas entgegenzusetzen. „Die Zeit, in der die Vereinigten Staaten die Verteidigung wohlhabender Nationen subventioniert haben, ist vorbei“, so Hegseth. Man brauche Partner, keine Schützlinge.
„Mehr Krisenherde im Indopazifik“
Die USA gelten traditionell als Sicherheitsgarant für die Region, sollte der Konflikt mit China mal eskalieren. Dabei geht es um Taiwan, aber auch um Gebietsansprüche im Südchinesischen Meer. China rüstet seit Jahren massiv auf und tritt im Indopazifikraum immer aggressiver auf.
„Ich denke, man kann sagen, dass es heute deutlich mehr Krisenherde im Indopazifik gibt als noch vor zehn Jahren“, sagt Sicherheitsexpertin Darshana Baruah vom Internationalen Institut für Strategische Studien (IISS), das den Shangri-La-Dialog organisiert.
China fliegt immer wieder gefährliche Manöver, es kommt zu Zusammenstößen von Küstenwachen der Anrainerstaaten, Inseln werden zu Militärbasen aufgerüstet. Vor wenigen Tagen hat die chinesische Marine nach eigenen Angaben eine niederländische Fregatte aus dem Gebiet rund um die umstrittenen Paracel-Inseln vertrieben. Die Niederländer seien angeblich in ihr Gebiet eingedrungen.
Skepsis gegenüber dem Engagement der USA
In seiner Rede betont Hegseth, welche große Bedeutung der Indopazifik für die USA habe. An der Verlässlichkeit der USA gibt es allerdings zunehmend Zweifel, sagt der Politikwissenschaftler Ja Ian Chong von der Nationaluniversität von Singapur: „Es gibt deutlich mehr Skepsis gegenüber dem Engagement der USA in der Region – wenn nicht hinsichtlich des Willens, dann ganz sicher hinsichtlich ihrer Fähigkeit dazu.“ Außerdem gebe es viel mehr Zweifel an der Berechenbarkeit beziehungsweise Stabilität der US-Politik.
Diese Einschätzung teilt auch Michael Vatikiotis vom Zentrum für humanitären Dialog. Die überparteiliche Organisation vermittelt seit mehr als zwei Jahrzehnten in Konflikten in Südostasien. „Zuletzt haben wir bei Präsident Trumps Besuch in China gesehen, dass die Betonung des engen Schulterschlusses mit Taiwan nicht mehr so deutlich war“, sagt Vatikiotis. Das sende Schockwellen durch die Region hinsichtlich des Ausmaßes des Engagements der USA.
Haben die USA ein Ressourcen-Problem?
Sicherheitsexpertin Baruah beobachtet keinen mangelnden Willen der USA, sieht aber ebenfalls ein Ressourcen-Problem: „Durch die Angriffe auf Iran stellt sich die Frage, welche militärischen Mittel wurden aus dem Indopazifik abgezogen. Und: Haben die USA noch die Kapazität, beide Regionen gleichzeitig zu bedienen?“ Es gehe also weniger um mangelndes Interesse. „Die Region weiß natürlich, dass die USA eigene Interessen haben und nicht morgen einfach verschwinden werden“, meint die Expertin. „Die Frage ist eher, ob es aufgrund anderer Verpflichtungen oder Krisen zu Verschiebungen bei Ressourcen und Prioritäten kommt.“
Das Gleiche gelte für Europa, angesichts der Bedrohung durch Russland und den Krieg in der Ukraine, sagt Diplomat Vatikiotis: „Deshalb sehe ich Europa als etwas abgelenkt und stark mit Russland beschäftigt, was zu einer gewissen Herabstufung des Engagements in Asien geführt hat. Die sicherheitspolitische Aufmerksamkeit Europas richtet sich stärker auf die unmittelbare Nachbarschaft.“
Viele Länder suchen neue Partnerschaften
Die Unsicherheit über die Verlässlichkeit alter Partner wie der USA und die wirtschaftlichen Auswirkungen des Iran-Kriegs haben den Wunsch vieler Länder der Region verstärkt, neue Partner zu suchen. Die Regierungschefs und Minister der Asien-Pazifik-Region sitzen daher derzeit häufiger im Flieger als sonst. Sie vertiefen Sicherheitspartnerschaften oder schließen neue.
Sicherheitsexpertin Baruah sieht darin auch eine Chance. „Ich nenne den Indopazifik oft einen Raum der Möglichkeiten, weil man je nach Thema unterschiedliche Partner wählen kann. Wir beobachten daher derzeit eine starke Zunahme minilateraler Koalitionen, die oft themenbezogen sind.“ So gehe es aktuell besonders um Fragen der Energiesicherheit, Lieferketten, Seltene Erden, aber auch allgemein um Sicherheits- und Verteidigungskooperationen.
„Ich denke, wir werden mehr solcher Partnerschaften sehen, die einen Grad an Ernsthaftigkeit und Komplexität erreichen, der früher vielleicht nur Verbündeten vorbehalten war, nun aber auch strategischen Partnern offensteht, weil sich die Natur von Partnerschaften verändert“, so Baruah.
Hegseth greift europäische Verbündete an
US-Verteidigungsminister Hegseth lobt diesen von Interessen geleiteten, pragmatischen Ansatz. Die europäischen Verbündeten greift er hingegen ungewöhnlich scharf an. „Unsere Partner in Asien haben schon lange verstanden, dass das Fundament einer dauerhaften Partnerschaft nicht auf idealistischen Werten beruht, sondern auf der konkreten Übereinstimmung nationaler Interessen.“ Sollten diese übereinstimmen, würde man „gemeinsam mit entschlossener Zielstrebigkeit“ handeln. „Wenn unsere Interessen auseinandergehen, passen wir uns pragmatisch an – ohne Drama und ohne Moralisieren“, so Hegseth. Westeuropa könne sich daran „ein Beispiel nehmen“.
Mit Blick auf die Anwesenden im Saal fügt der US-Verteidigungsminister hinzu, es brauche weniger Konferenzen wie den Shangri-La-Dialog in Singapur, sondern „mehr Schiffe und mehr U-Boote“.

