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Startseite»Nachrichten»Eine für alle: Wie Fritze Merz sich vorstellt, einen Sack Flöhe zu hüten
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Eine für alle: Wie Fritze Merz sich vorstellt, einen Sack Flöhe zu hüten

Dr. Heinrich KrämerVon Dr. Heinrich KrämerMai 31, 2026Keine Kommentare6 Minuten Lesezeit
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Eine für alleWie Fritze Merz sich vorstellt, einen Sack Flöhe zu hüten

31.05.2026, 07:35 Uhr Eine Kolumne von Sabine Oelmann
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Würden Sie Ihre Kinder diesem Mann anvertrauen? Nein? Es ist ja nicht alles schlecht, was Friedrich Merz sagt, macht oder will. Aber zu vieles eben doch. Unter anderem seine neuen Fritzchen-Witze. (Foto: picture alliance / Chris Emil Janßen)

Weiter weg von der Realität geht eigentlich nicht. Drei Kinder zu beaufsichtigen, die „nichts haben“, ist schon eine Herausforderung. Drei Kinder mit Behinderung, vielleicht noch unterschiedlichster Art, grenzt geradezu ans Übermenschliche. Und doch soll es in Zukunft so sein. Laut Bundekanzler.

Diese Haltung, dieser Blick auf Menschen und Kinder, der ist schon recht speziell. Wenn nicht gar menschenverachtend. Vielleicht sogar spielt diese Haltung mit dem Leben von Kindern. Und dem ihrer Angehörigen. Es geht darum, die Betreuung und Begleitung für Kinder und junge Menschen mit Behinderung auf eine minimalistische Größe zu schrumpfen. „Hier geht es ganz klar um eine Fragestellung, einen Vorschlag, der den Tod von Kindern mit Behinderung unter dem Deckmantel von „Sparen“ in Kauf nimmt“, sagt eine Pädagogin auf Instagram. Sie ist Grundschullehrerin und arbeitet jeden Tag mit Kindern mit Behinderung.

Darum geht’s: Merz stellte neulich fest, dass ja durchaus mehrere Kinder mit Beeinträchtigungen von einer einzigen Person zum Beispiel zur Schule gebracht und dort betreut werden könnten. Bisher war es ein Betreuer/ eine Betreuerin pro Kind. Dieser Betreuer oder diese Betreuerin kümmert sich um den Menschen mit Behinderung, hilft beim Tasche packen, Bus fahren, essen, Toilettengang, also bei den Dingen, die Menschen ohne Behinderung leicht von der Hand gehen und Menschen mit Behinderung eine Teilhabe am üblichen Tagesablauf manchmal unmöglich machen. Dann aber stellt sich der Bundeskanzler aller Deutschen die Frage, ob diese Tätigkeiten nicht auch für, sagen wir mal, drei Personen, von einer Person übernommen werden können. Also Tasche packen, Bus fahren, essen, Toilettengang mal drei. Mal abgesehen von der logistischen Herausforderung macht sich der Bundeskanzler aller Deutschen, also auch derer mit Behinderung, wohl nicht klar, wie intensiv eine solche Arbeit ist. Wie vertrauensvoll.

„Arbeit mit Kindern mit Behinderung ist nichts Abstraktes, sondern Lebensrealität“, stellt die Grundschullehrerin nüchtern fest, und zwar nicht nur ihre eigene, sondern auch und vor allem die der Kinder. Sie findet, diese Kinder haben Würde verdient: „Und ich erklär‘ euch jetzt mal, was mit dieser Würde geschieht, wenn ein Kind, das einer Einzelbehandlung bedarf, keine Einzelbehandlung mehr bekommt.“ Das Szenario ist grausam, aber sicher nicht zu hoch gegriffen, denn die Lehrerin erzählt, was passiert, wenn zum Beispiel ein Kind aus dem Autismus-Spektrum, überfordert oder reizüberflutet ist: „Dieses Kind rennt weg, vielleicht rennt es auf die Straße, ohne zu gucken, vielleicht schlägt dieses Kind um sich, vielleicht bekommt dieses Kind einen Nervenzusammenbruch. Nicht nur das betroffene Kind, auch alle anderen werden unter dieser Situation immens leiden, ein Lernen wird an einem solchen Tag kaum mehr möglich sein.“

Schluss mit Inklusion?

Wollen Sie das, Herr Bundeskanzler? Dass die anderen Kinder auch nicht mehr lernen können, weil ihr Schulkamerad mit Behinderung diesen Tag einfach nicht gepackt hat, und zwar, weil dieses Kind nicht die notwendige Betreuung bekommen hat? Ach, Sie wollen durchaus, dass die anderen Kinder in Ruhe lernen können. Ja, gut, und wie soll das gehen? Die mit Behinderungen sollen in eine andere Klasse? Ach so, man bleibt in Zukunft wieder unter sich, meinen Sie? Ist das nicht ungünstig gerade, jetzt, wo die AfD sowieso schon so im Aufwind ist? Wo Bedingungen für Inklusion nicht wirklich ideal sind – und da sollen sie noch schlechter werden? Verschwinden? Sollen die Kinder mit Behinderung denn auch verschwinden?

Hellipirelly malt noch weiter aus, wie es ist, wenn ein Kind dann beispielsweise auf die Straße läuft. Vor ein Auto. Sie nennt das „worst case“: „Dabei ist es doch schon der „worst case“, wenn ein Kind mit sich so überfordert ist, dass es sich nicht mehr selbst regulieren kann und niemand da ist, der dem Kind dabei hilft.“ Denn die Person, die dem reizüberfluteten, autistischen Kind, das am liebsten um sich schlagen würde oder aus der Klasse rennen möchte, helfen könnten, ist nicht da. Denn diese Person ist bei Kind zwei, vielleicht auf der Toilette oder beim Essen. Kind zwei hat außerdem eine ganz andere Behinderung als Kind eins und drei – wer soll das stemmen?

Jetzt mal ehrlich: Ist es nicht fantastisch, dass es Menschen gibt, die diese Arbeit mit den Kindern machen? Die ihre Arbeit und diese Kinder lieben? Die den Eltern dieser Kinder die Möglichkeit geben, ein an manchen Stellen und manchen Tagen weitgehend „normales“ Leben zu führen? Stunden, in denen sie sich um die Arbeit, den Haushalt, die anderen Kinder oder sich selbst kümmern können. Stunden, in denen sie wissen, ihr Kind ist trotz Behinderung optimal versorgt. Was für ein Gewinn, nicht nur für diese Kinder, diese Eltern, diese Betreuer. Auch für die Gesellschaft ist es ein riesengroßer Gewinn, wenn Kinder mit Behinderungen adäquat betreut werden!

Es geht um Würde

Wir leben in einem Land, das zu den reichsten der Welt gehört. Trotz allem, was gerade so los ist. Und trotzdem denken wir über Sparmaßnahmen nach, die denen, denen sowieso schon nicht den ganzen Tag die Sonne aus dem Arsch lacht, auch noch das weggenommen wird, was ihre Leben leichter, lebenswerter und manchmal einfach nur besser macht? Die Insta-affine Grundschullehrerin Hellipirelly beschreibt aus ihrer Erfahrung: „Es geht um die Würde des Kindes. Darum, dass ein Kind sich nicht im öffentlichen Raum entblößen muss, auf keine Art und Weise. Wenn ein Kind beispielsweise einen epileptischen Anfall hat, dann braucht es jemanden, der in Sekundenschnelle reagieren kann. Wenn diese Person aber gerade an einem anderen Ort, mit einem anderen Kind ist – keine Chance.“ Die Pädagogin erläutert: „Wir sprechen nicht von Sparmaßnahmen, wir sprechen von einem Mann, der über das Leben oder das Sterben von Kindern mit Behinderung entscheidet.“

Jetzt muss man nicht alles toll finden, was in den sozialen Medien so abgeht, oder was die Leute da sagen und schreiben und sich echauffieren, aber der Vorschlag der Lehrerin klingt plausibel: Ein Follower beispielsweise schlägt vor, dass Friedrich Merz sich mal eine Stunde um mehrere behinderte Kinder kümmern sollte. So weit würde sie aber gar nicht gehen wollen: „Ein Schritt davor würde reichen“, sagt sie, „die Meinung und Einschätzung von Fachpersonal anhören und ernst nehmen.“ Das wünscht man sich bei so vielen Gelegenheiten.

Bei nächster Gelegenheit würde ich mal genauer drauf schauen wollen, was passiert, wenn neunjährige Mädchen verheiratet werden. Nicht bei uns, in Afghanistan. Weit weg, aber auch sehr ätzend, wo bleibt der Protest? Neunjährige? Lassen Sie sich das bitte mal durch den Kopf gehen an diesem Sonntag. Oder Montag, wenn Sie heute mal Pause brauchen.

Quelle: ntv.de

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Dr. Heinrich Krämer
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