Chance seines LebensIn Paris hat Alexander Zverev jetzt keine Ausreden mehr

Alexander Zverev ist zwei Siege von seinem ersten Grand-Slam-Titel entfernt. Während sich seine Konkurrenz verabschiedet hat oder in kräftezehrenden Matches aufreibt, ist der Hamburger souverän durch das Turnier gegangen. Die Chance auf die Erfüllung des großen Traums scheint so groß wie noch nie.
Am Ende gab es doch noch Widerstand. Alexander Zverev hatte soeben mit einem fantastischen Vorhand-Gewinnschlag aus vollem Lauf seinen Matchball im Viertelfinale gegen Rafael Jodar verwandelt, da zeigte sich der Wettergott von seiner wütenden Seite. Entspannt führte Zverev sein Interview auf dem Court mit dem ehemaligen französischen Profi Julien Benneteau, als für wenige Minuten ein Hagelsturm über die Anlage tobte. Die Geräuschkulisse wurde so laut, dass Benneteau und Zverev das Interview abkürzten. Es war die einzige Störung während des Arbeitstages für den 29-Jährigen, der zum fünften Mal im Halbfinale der French Open steht. Nur acht Spieler haben es geschafft, auch mindestens fünfmal das Halbfinale des größten Sandplatzturniers der Welt zu erreichen.
Zverev konnte sich in der ersten Woche anschauen, wie die Auslosung des Turniers zerbröselte. Jannik Sinner wurde von der Hitze der ersten Tage weichgekocht, Novak Djokovic unterlag Joao Fonseca, einer der großen Hoffnungsträger im Herrentennis. Carlos Alcaraz, Lorenzo Musetti und Arthur Fils konnten zum Turnier nicht antreten.
Während sich die Konkurrenz zum größten Teil mit langen Fünfsatzmatches aufrieb, hielt sich Zverev nicht länger als nötig mit seinen Gegnern auf. Anders als in frühen Tagen seiner Karriere spielt er die Matches in der diesjährigen Ausgabe von Roland Garros mit bemerkenswerter Sachlichkeit.
Fataler Aussetzer bei US Open 2020
Auch gegen Jodar war dies zu spüren. Von einem frühen Rückstand ließ sich Zverev nicht aus der Ruhe bringen, als es in den Tiebreak ging, konnte er sich fast sicher sein, den zu gewinnen. 28 Tiebreaks hat er in seiner Karriere bei den French Open gespielt, nur zwei davon verloren. Eine selten gesehene Statistik.
Ein Faktor, der in den nächsten Tagen noch von enormer Bedeutung werden kann, ist Zverevs Erfahrung. Er ist neben Matteo Berrettini der letzte verbliebene Spieler, der schon mal ein Grand-Slam-Finale bestritten hat. Er hat im Gegensatz zu Cobolli, Auger-Aliassime oder auch Mensik diese Matches schon häufiger gespielt. Das Halbfinale am Freitag ist das elfte für den Hamburger, Berrettini hat drei gespielt, Felix Auger-Aliassime zwei. Keine Frage, Zverev ist der Favorit auf den Titel am Sonntag.
Ein vergleichbares Turnier, bei dem die zweite Woche überwiegend von Spielern bestritten wurde, die neu in dieser Situation sind, gab es in Zverevs Karriere nur bei den US Open 2020. Ein Turnier, in dem Rafael Nadal nicht antrat und Novak Djokovic im Achtelfinale disqualifiziert wurde. Zverev kam ins Finale, traf auf Dominic Thiem und war nur einen Satz vom Grand Slam entfernt. Damals setzten seine Nerven aus, Zverev verlor. So nahe kam er der Erfüllung seines größten Traums seitdem nie wieder.
Einen Rekord will Zverev vermeiden
Die Zeit spielt gegen den Hamburger. Im April nächsten Jahres wird er 30 Jahre alt, die Konkurrenz wird nicht kleiner. Sinner und Alcaraz werden, das haben die letzten zwei Jahre gezeigt, wenig Turniere haben, in denen sie gemeinsam ausfallen werden. Jodar, Fonseca, Mensik werden in den kommenden Jahren noch stärker werden. Spieler wie Jack Draper und Arthur Fils, die in Paris verletzt fehlten, dürfen auch nicht vergessen werden. Die letzten 20 Jahre in der Ära Djokovic, Nadal und Federer haben gezeigt, dass es nur wenige Chancen auf Grand Slams gibt.
Ist ihm der erste Titel bei einem der Majors wichtig? Sicher. Schon bei den Australian Open Anfang des Jahres hatte er betont, nicht als einer der besten Spieler, die nie eins der vier Majors gewonnen haben, in die Geschichte eingehen zu wollen. Ist er ihm so wichtig, dass er ihn gegen die Goldmedaille bei den Olympischen Spielen eintauschen würde? „Niemals. Ich glaube, eine Goldmedaille ist das Schwierigste, was man erreichen kann. Es wird nur alle vier Jahre gespielt und nur ganz wenige hatten die Möglichkeit dazu, diese Medaille zu gewinnen.“ Er habe aber, fügte er in der Pressekonferenz mit einem Lächeln hinzu, kein Problem damit, einen Grand Slam hinzuzufügen.
Gute Nachrichten auch für Mensik
Jetzt also das Duell gegen Jakub Mensik. Zverev und der Tscheche trafen erst vor wenigen Wochen beim Masters in Madrid aufeinander. Zverev gewann in drei Sätzen. Mensik hatte sich am Dienstagabend in einem zähen, wieder mal kräfteraubenden Match gegen den Brasilianer Joao Fonseca durchgesetzt. Er stand im Verlaufe des Turniers deutlich länger auf dem Platz als Zverev. Die Bilder, wie er nach seinem Zweitrundensieg gegen Mariano Navone mit einem Ganzkörperkrampf minutenlang auf dem Boden liegen blieb, gingen um die Welt. Zverev geht als Favorit in das Match. Nicht nur spielerisch, sondern auch von der körperlichen Verfassung. Die beste Nachricht für Mensik: Er hat jetzt zwei volle Tage Zeit für die Regeneration.
Im On-Court-Interview nach seinem Sieg gegen Jodar wurde er von Interviewer Julien Benneteau darauf angesprochen, ob er sich das Match anschauen würde. „Ja sicher, mit einem kühlen Getränk!“ war die Antwort Zverevs. Das, was er sah, wird ihn nicht verunsichert haben.