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Startseite»Nachrichten»Alt wird neu im Industriemaßstab: Fiat Mirafiori – hier hat die Vergangenheit eine Zukunft
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Alt wird neu im Industriemaßstab: Fiat Mirafiori – hier hat die Vergangenheit eine Zukunft

Dr. Heinrich KrämerVon Dr. Heinrich KrämerJuni 6, 2026Keine Kommentare5 Minuten Lesezeit
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Alt wird neu im IndustriemaßstabFiat Mirafiori – hier hat die Vergangenheit eine Zukunft

Vor dem Ausschlachten werden alle Airbags zum kontrollierten Platzen gebracht. (Foto: Peter Weißenberg/sp-x)

Im Turiner Stadtteil Mirafiori bekommt eine zweite Chance, was anderswo längst abgeschrieben ist: Fiat eröffnet dort einen Reparatur- und Recycling-Standort und feiert zugleich das Revival für einen schon eingemotteten Antrieb.

Tot. Aus. Ende. Einmal zu heftig den zwölf Jahre alten Opel Corsa auf Hochtouren gebracht – dann ein brutaler Ruck und dieses grausige Geräusch: quiekend wie ein angeschossenes Wildschwein, gefolgt von weißem Rauch und Ölgestank aus der Motorhaube. Ein Kolbenfresser hat der Maschine den Rest gegeben. Ein neuer Motor für das geliebte alte Schätzchen würde 6000 Euro kosten; das bedeutet also Totalschaden.

Oder nicht? Für das Fahrzeug aus dem Stellantis-Konzern bietet der Hersteller nämlich auch ein Aggregat für weniger als 1500 Euro an. Mit voller Garantie. So fährt der Kleinwagen noch ein paar Jahre länger am Schrottplatz vorbei.

Willkommen in der Kreislaufwirtschaft. Bei der Aufbereitung gebrauchter Teile nach Hersteller-Richtlinien hat der französisch-italienische Konzern Großes vor. Im fast 90 Jahre alten Werk Mirafiori – zu Deutsch: „Schau die Blumen an“ -, da blüht die Zukunft von Wiederaufbereitung, Reparatur oder Recycling bereits im Industriemaßstab. Und die Teile aus Turin kann der Kunde im Internet oder über seine Werkstatt kaufen.

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Vom Kotflügel bis zum Motor werden in Mirafiori gebrauchte Teile wieder zu Neuwagenqualität mit voller Garantie aufbereitet. (Foto: Peter Weißenberg/sp-x)

Altteile aus Modellen des eigenen Konzerns

An der Geburtsstätte italienischer Ikonen wie Fiat Topolino, 500 oder Panda zerlegt, reinigt und verwertet Stellantis jetzt Altteile aus den Modellen des eigenen Konzerns. In Spitzenzeiten rollten einst 700.000 Fahrzeuge pro Jahr aus dem Werk. Heute sind es nur noch 100.000 Cinquecento in guten zwölf Monaten. Entsprechend viel Platz ist auf den über zwei Millionen Quadratmetern für den SUSTAINera Circular Economy Hub.

Standort-Chef Stanislao Monfreda beschreibt das Ziel: „Teile und Fahrzeuge so lange wie möglich im Einsatz halten – und wenn das nicht mehr geht, die Materialien zurück in den Produktionskreislauf führen.“

Der Hub startete mit vier Hauptaktivitäten: Wiederaufbereitung von Motoren, Getrieben und Hochvoltbatterien, Fahrzeugaufbereitung, Fahrzeugverwertung sowie ein Sortiercenter für Altteile. Beim Remanufacturing werden verschlissene oder defekte Bauteile vollständig zerlegt, gereinigt und nach Originalspezifikationen wieder aufgebaut. Mit allen Garantien eines Neuteils, nur meist 30 bis 50 Prozent billiger.

Zerlegen im Fließbandtakt

Dazu zerlegen die Mitarbeitenden die alten Opel, Fiat, Citroen oder Lancia wie im Takt eines Fließbandes. Erst kommen alle Flüssigkeiten raus, dann Teile mit elektrischer Spannung. In einer Extra-Kammer bringen Experten alle Airbags kontrolliert zur Sprengung. Danach schlabbern sie wie Vorhänge überall im Auto herum. Anschließend wird zerlegt: vom Kotflügel bis zur Heckleuchte, vom Panoramadach bis zum Katalysator.

Auch-der-Motor-wird-runderneuert
Auch der Motor wird runderneuert. (Foto: Peter Weißenberg/sp-x)

Sind Motor und Getriebe intakt und weiter nutzbar? Dann gehen sie nach Funktionscheck und Reinigung wieder an die Werkstätten. Müssen Pleuel, Kolben, Blöcke oder Zahnräder getauscht werden? Dann geht’s in das Remanufacturing. Bis zu 80.000 Motoren erhalten so pro Jahr ihr zweites Leben als neuwertiges Ersatzteil mit neuer Produktionsnummer und Garantie. Wiederverwendbare alte Teile ohne Reparaturaufwand wie Kotflügel, Rückspiegel, Klimaanlagen oder Motorhauben sind sogar bis zu 70 Prozent billiger als Neuware. Mit zwei Jahren Garantie wollen sich die Stellantis-Strategen aber von Schrottplatz-Ware aus dem Web abheben.

Europäische Regeln zwingen zur Wiederverwertung

Auch Wettbewerber wie Renault oder Toyota verfolgen ähnliche Ansätze, Tendenz stark steigend. Denn europäische Regularien zwingen die Hersteller ohnehin, Altfahrzeuge wiederzuverwerten. Und überdies kommen die Autofirmen so auch wieder mit Kunden und Geschäft, die sonst schon lange keinen Verkaufstempel der Marken mehr aufgesucht haben. Die Werkstatt ums Eck ist für betagte Autos halt die günstigere Adresse.

Die 600 Mitarbeiter in Mirafiori sollen bis 2030 schon mehr als acht Millionen Teile aus dem Sortiercenter bekommen. Derzeit sind es 2,5 Millionen. Die aufbereiteten Bauteile verkauft Stellantis unter der Marke SUSTAINera.

Seit März vertreibt der Konzern Gebrauchtteile aus dem Mirafiori-Verwertungszentrum sogar über Ebay-Shops, aber auch über die eigene Plattform b-parts.com. Die aufbereiteten Teile werden dazu schon im Werk vor einer weißen Wand wie Models bei der Fashion Week fotografiert und direkt auf die Verkaufsplattform eingestellt. Auch mit Amazon steht der Konzern schon in Kontakt, um Teile zu verkaufen. Insgesamt sind in Europa schon zwölf Millionen Gebrauchtteile zu kaufen.

Fotoshow-fuer-eBay-und-Co-die-aufbereiteten-Teile-werden-einzeln-augenommen-und-in-Verkaufsplattformen-gestellt
Fotoshow für Ebay und Co: Die aufbereiteten Teile werden einzeln aufgenommen und in Verkaufsplattformen gestellt. (Foto: Peter Weißenberg/sp-x)

Der Hub belegt eine Gesamtfläche von 73.000 Quadratmetern, davon wurden 55.000 Quadratmeter aus einem teilweise ungenutzten Gebäude zurückgewonnen. Kreislaufwirtschaft beginnt übrigens schon beim Bau des Kreislaufzentrums selbst. Dazu recycelte das Unternehmen mehr als 5000 Tonnen Metall aus veralteten Anlagen. „Der Einsatz von wiederverwendeten Maschinen sparte 55 Prozent der Kosten für neue Ausrüstung“, erklärt Monfreda. Die Investitionssumme betrug 40 Millionen Euro. In Brasilien und Marokko hat der Konzern bereits zwei weitere derartige Zentren aufgebaut – und plant in den USA, Indien und Frankreich schon die nächsten.

Wiederverwertung von Elektrobatterien im Fokus

Besonders im Fokus steht in Italien die Wiederverwertung von Elektrobatterien. Stellantis kooperiert dabei mit einem spezialisierten Partner für die Vorbehandlung beim Recyclingprozess von EV-Batterien, um Kobalt, Nickel und Lithium aus Altfahrzeugen und Fabrikationsabfällen zurückzugewinnen. Kobalt und Lithium sind teuer und strategisch knapp – wer sie zurückgewinnen kann, sichert sich einen erheblichen Vorteil in der Lieferkette.

Und Remanufacturing von Batterien aus beschädigten Altautos könnte eines Tages sogar einem 15 Jahre alten Stromer mit schlappen Akkus ungeahnte neue Kräfte verleihen; mit der deutlich stärkeren Batterie aus einem verunglückten Modell jüngeren Baujahres bekäme das betagte Elektroauto mehr Reichweite, kürzere Ladezeiten und eine PS-Spritze. Mirafiori macht’s möglich.

Quelle: ntv.de, Peter Weißenberg, sp-x

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