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WM-Experte irritiert: „Ich hatte schon ein bisschen Angst ums DFB-Team“

Dr. Heinrich KrämerVon Dr. Heinrich KrämerJuni 6, 2026Keine Kommentare7 Minuten Lesezeit
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WM-Experte irritiert„Ich hatte schon ein bisschen Angst ums DFB-Team“

Jamal Musiala ist weiterhin nicht bei 100 Prozent. (Foto: IMAGN IMAGES via Reuters)

Die deutsche Fußball-Nationalmannschaft holt sich noch ein Erfolgserlebnis vor dem WM-Start. Gegen Co-Gastgeber USA gelingt ein knapper Sieg, der allerdings Fragen aufwirft. Auf einen Blitzstart folgt lange nichts. Unser WM-Experte Arie van Lent ist alarmiert.

Die deutsche Fußball-Nationalmannschaft holt sich noch ein Erfolgserlebnis vor dem WM-Start. Gegen Co-Gastgeber USA gelingt ein knapper Sieg (2:1), der allerdings viele Fragen aufwirft. Auf einen Blitzstart von Kai Havertz (2.) folgt lange nichts. Erst das ewige Sorgenkind Leroy Sané sorgt in der zweiten Halbzeit für Jubel. Unser WM-Experte Arie van Lent ist alarmiert. Was ihn vor allem irritiert, ist die Art wie das DFB-Team die Kontrolle über das Spiel verliert. Van Lent sieht gleich zwei Chancen vertan.

Hallo Herr van Lent! Ihre alte Heimat Niederlande blamiert sich im WM-Test gegen Algerien, Ihre nicht mehr ganz so neue Heimat Deutschland rumpelt sich gegen die USA zum Turnier: Um wen steht es schlechter?

Arie van Lent: Ah, die Niederlande treten nicht mit der Aufgabe an, Weltmeister zu werden. Die sind schon froh, wenn sie das Halbfinale erreichen. Die Deutschen fahren aber schon dorthin, um den Titel zu holen.

Aber sind wir mal ehrlich: Ein Heißmacher auf das Turnier war das nun nicht vom DFB-Team …

Nein, so richtig große Lust auf die Nationalmannschaft und die WM hat man nach diesem Spiel sicher nicht. Rudi Völler (Anm. d. Red.: DFB-Sportdirektor) hat vor dem Anpfiff gesagt, dass die Spieler brennen sollen. Aber das einzige, was da gebrannt hat, war die Sonne. Sonst ist uns nicht sehr viel gelungen.

Das Wetter wurde in der TV-Übertragung direkt zum Thema gemacht. Wäre es aber nicht ein bisschen dünn, sich auf die Schwüle als Grund für die Leistung zurückzuziehen?

Das kann nicht der Grund sein. Auch nicht, dass du erst drei Tage vor Ort bist. Das wäre mir als Entschuldigung auch ein wenig zu einfach. Dafür haben mir zu viele andere Dinge nicht gefallen.

Sie haben das Wort, Herr van Lent!

Nach dem Blitzstart durch den sehr guten Havertz nach zwei Minuten hatte ich bis zur Halbzeit schon ein bisschen Angst um die deutsche Nationalmannschaft. Von dem von Nagelsmann gewünschten Mut und dem gewünschten Ballbesitz habe ich heute nichts gesehen. Mir hat gar nicht gefallen, wie sie das Spiel so einfach aus der Hand gegeben haben. Die USA haben da mit Leidenschaft dagegengehalten. Sie haben es nach zehn Minuten geschafft, dass die Deutschen fast gar kein eigenes Spiel mehr zustande bekommen haben. Sie haben mir nicht das Gefühl vermittelt, dass sie das heute schaffen können. Da braucht man mir auch nicht mit dem Thema Frische zu kommen. Das ist manchmal auch nur Blablabla.

Bei den Amerikanern war es vor allem Christian Pulisic, der das DFB-Team vor große Probleme gestellt hat.

Ja, aber nicht nur er. Die Amerikaner sind einfach sehr gut angelaufen und waren auch technisch wirklich gut, lauffreudig und haben das deutsche Mittelfeld gedoppelt. Sie haben nach zehn Minuten irgendwie gesagt: Das können wir uns nicht bieten lassen und hatten plötzlich eine sehr hohe Intensität, die Deutschen dagegen waren sofort in einer Lethargie. Sie haben keine schnellen Lösungen gefunden und sich dem Spiel so ergeben. Die Abstände zwischen den Spielern waren viel zu groß, es gab viel zu viele Passfehler im Aufbau und keine große Laufbereitschaft, was kaum gute Anspielstationen zur Folge hatte. Havertz hat sich zwischendurch auf die Flügel fallen lassen, um Bälle zu bekommen. Das 1:1 durch das Traumtor von Antonee Robinson war hochverdient und ich hatte auch das Gefühl, dass ein oder zwei Tore mehr für die Amerikaner möglich gewesen wären. Und wissen Sie, was mich wirklich irritiert hat?

Noch nicht, aber gleich!

Wie locker die Deutschen das Spiel nach der Führung gespielt haben. Vor allem das Mittelfeld hat mir heute gar nicht gefallen. Gegen Finnland hatte ich ja noch das Tiki-Taka gelobt. Davon habe ich nun nichts gesehen. Florian Wirtz, Jamal Musiala und Leroy Sané waren sehr schwach. Sie waren nicht in den Zweikämpfen, haben gegen das starke Anlaufen der USA keine Lösung gefunden. Musiala wirkte auch nicht zu 100 Prozent bei der Sache. Aber so ist das manchmal bei ihm. Wenn man ihm und Wirtz die Spielfreude nimmt, dann wird es schwer. Dann kommen sie nicht so richtig in die Pötte. Das Gegenpressing und das Hinterherlaufen, das mögen sie nicht. Und wissen Sie, Herr Nordmann, was mir bei Wirtz nicht gefallen hat? Seine Körpersprache. Er hat gerade erst gesagt, dass er Verantwortung übernehmen will. Klar, das geht nicht auf Knopfdruck. Aber so kann man es nicht machen.

Wie haben Sie seine Körpersprache denn gesehen?

Oh, das was ich denke, das kann man so nicht aufschreiben. Ich drücke es mal vorsichtiger aus: Es wirkte ein bisschen so wie: Ich kaufe dir den Schneid ab, tue dir ein bisschen weh und du wehrst dich nicht.

Müssen wir nun wirklich Angst vor dem ersten Gruppengegner Curacao haben?

Nein, das denke ich nicht. Der Spielplan ist gut für die Deutschen. Es wird immer etwas schwieriger. Aber du musst schon aufpassen, dass du nicht zu locker in die WM reingehst und das wie ein Pfingst-Turnier im Vorbeilaufen bestreitest. Curacao hat nicht die Qualität der USA. Und trotzdem hast du dir mit diesem Spiel selbst geschadet.

Wie meinen Sie das?

Überall läuft jetzt die Werbung für das Turnier. Überall wird versucht, Euphorie zu erzeugen. Und mit so einem Spiel lässt du zwei Chancen liegen. Einmal für die eigene Stimmung und dann für die bei den Fans. Ich kann mir nicht vorstellen, dass viele nun sagen: Boah, habe ich eine große Lust, das Spiel zu gucken. Bei den ersten Anstoßzeiten der WM geht das vielleicht noch. Aber ob die Leute wirklich mitten in der Nacht aufstehen würden für so ein Spiel?

Was muss Nagelsmann denn nun machen, damit die Stimmung nochmal kippt? Zum Guten natürlich!

Erstmal muss ich unseren Bundescoach heute verteidigen! Er hat keine Experimente gewagt. Er hat schon seine WM-Stammelf aufs Feld geschickt, das denke ich schon. Aber er muss schon schauen, dass sich die Stimmung auf dem Platz ändert. Dass seine Spieler dagegen anklotzen, wenn sie unter Druck geraten. Dass sie nicht einfach annimmt, wie das Spiel läuft. So wie es uns die USA in der ersten Halbzeit gezeigt haben.

Gibt es denn etwas, das Ihnen gegen die USA gefallen hat?

Ja, Jonathan Tah hat mir sehr gefallen. Vor allem in der ersten Halbzeit, als die USA plötzlich Druck gemacht haben, war er richtig gut und hat in mehreren Situationen verhindert, dass es noch gefährlicher wird. Sein Nebenmann Nico Schlotterbeck hatte anfänglich deutlich mehr Probleme und wurde erst besser, als die Stammspieler der USA nach und nach ausgewechselt wurden.

Das war kurz. Gibt es sonst gar nichts, was Sie loben können?

Doch, dass die Deutschen gewonnen haben! Obwohl man das zwischendurch gar nicht erwartet hat. Aber das ist schon auch eine Qualität, dass man solche Spiele für sich entscheidet. Das kann im Turnier ein großer Vorteil sein.

Der Spielentscheider heute war Leroy Sané. Sie haben sich in unserem vergangenen Gespräch ja mehrfach für ihn stark gemacht!

Ach ja, Sané wäre nicht Sané, wenn er nicht Sané wäre. Es war ein typisches Spiel von ihm. Seine beste Aktion hat er nach gut 50 Minuten auf der rechten Seite und kurz danach macht er das Tor. Es wird bis zum Ende des Turniers so bleiben, dass wir uns viel über ärgern werden und manchmal sagen: Boah, war das überragend.

Also Stammplatz jetzt?

Sind wir ehrlich: Über 72 Minuten bis zu seiner Auswechslung war das zu wenig.

Nach dem Ausfall von Lennart Karl, Sanés größtem Konkurrenten, hat Nagelsmann Assan Ouédraogo nachnominiert. Ein Mann für den Flügel ist das eher nicht …

Das hat mich, wie die meisten von euch, auch sehr überrascht. Aber Nagelsmann hat offenbar was anderes vor, deswegen hat er Chris Führich und Said El Mala nicht geholt. Ich bin gespannt. Aber an der Stammelf hätte das eh nichts verändert. Ich denke, zehn von elf Positionen sind gesetzt.

Welche Position ist noch offen? Der Torwart?

Ja, genau. Die Verletzung von Neuer war offenbar doch ein bisschen schlimmer, als man vielleicht sagen wollte. Aber es wird so kommen, dass Neuer spielen wird, wenn er noch irgendwie fit wird. Nagelsmann kann da gar nicht mehr anders entscheiden. Wie würde er das sonst begründen? Für mich hat aber heute die eigentliche Nummer eins gespielt.

Quelle: ntv.de

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