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Politik

Wie viel Zufall steckt im Fußball?

Dr. Heinrich KrämerVon Dr. Heinrich KrämerJuni 10, 2026Keine Kommentare4 Minuten Lesezeit
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Stand: 10.06.2026 • 12:36 Uhr

Bei fast der Hälfte der Tore im Fußball kombiniert der Zufallsfaktor mit: Abpraller, abgefälschter Schuss oder Eigentor. Die Teams versuchen, den Zufall gezielt zu provozieren.

Spanien gilt als Topfavorit bei der Fußball-WM 2026. Dahinter die üblichen Verdächtigen: England, Frankreich, Argentinien, Deutschland. Wer aber am Ende des langen Turniers tatsächlich den Weltpokal in die Höhe stemmen will, braucht mehr als Können. Alles muss perfekt laufen. Dazu gehört auch Glück. Und der Zufall als Komplize.

Der heimliche Torjäger

Wäre Zufall ein Spieler, würde er vermutlich der Topscorer der WM – denn mehr als 40 Prozent aller Treffer fallen begleitet von Zufallseffekten.

Die bekannteste und größte Studie dazu stammt von der Deutschen Sporthochschule Köln. Daniel Memmert und sein Team am Institut für Trainingswissenschaft und Sportinformatik haben mehr als 7.000 Tore aus mehreren Spielzeiten der englischen Premier League untersucht. Das Ergebnis: Knapp die Hälfte aller Tore wurden durch Zufälle begünstigt. Im Laufe der Jahre nahm der Trend leicht ab auf 42 Prozent.

Als Grund für den Rückgang vermutet Daniel Memmert gezieltere Spielkontrolle, auch durch die zunehmend von Datenanalysten geprägte Vorbereitung auf die Spiele.

„Zufall ist alles, was nicht plan- und trainierbar ist“, erklärt Daniel Memmert. Dazu zählen beispielsweise abgefälschte Schüsse, Bälle, die vom Pfosten abprallen und dann eingenetzt werden oder Tore, für die ein Abwehrspieler unfreiwillig den Assist serviert. Und natürlich auch Eigentore.

Der Triumph der Unschärfe

Die Macht des Zufalls liegt in der DNA des Fußballs. Und sie ist Teil der Attraktivität dieser weltweit boomenden Sportart. Fußball ist der Triumph der Unschärfe. Auch die genialsten Techniker des Planeten – ob sie Messi heißen, Mbappé oder Pedri – können den Ball nicht wirklich hundertprozentig kontrollieren.

Physikprofessor Metin Tolan von der TU Dortmund rechnet vor: Ändert sich bei einem Torschuss aus 16 Metern die Fußstellung um ein Grad und die Schussgeschwindigkeit um ein km/h, weicht der Ball einen halben Meter ab. Winzige Ungenauigkeiten haben also große Effekte. Mit der Hand lässt sich ein Ball wesentlich genauer kontrollieren, beim Handball oder Basketball etwa. Dazu kommt der natürliche Untergrund beim Fußball. Auf Rasen springt das Spielgerät nicht so kontrolliert wie auf künstlichen Feldern.

Und weil ein Fußballplatz so viel Raum bietet, ist das Spiel äußerst komplex. In den allermeisten Fällen lassen sich Ballbesitz, Spielkontrolle, Kreativität und auch Torchancen nicht adäquat in Treffer hochrechnen. Während im Basketball mit über 100 Treffern pro Spiel der Zufall fast verdunstet, gewinnt er im Fußball mit seinen durchschnittlich 2,7 Toren pro Spiel überproportionales Gewicht.

„Fußball ist damit die einzige Sportart, bei der beispielsweise ein Team mit 70 Prozent Ballbesitz trotzdem verlieren kann“, sagt Memmert.

Die Matrix des Zufalls

Daniel Memmerts Forschungsteam hat sich bestimmte Tore mehrmals genauer angeschaut: Eigentore und Treffer nach Abprallern, sogenannte Rebounds. Dazu sind zwei neue Studien auf dem Markt. Sie legen nahe, dass ein Großteil dieser Treffer aus bestimmten Räumen im und vor dem Strafraum entstehen. Wissen, das sich die Analyse-Abteilungen der Topmannschaften zu Nutze zu machen versuchen.

Längst trainieren die Teams Strategien, um den Zufall zum Mitspieler zu machen, ihn zu provozieren, Chaos im gegnerischen Strafraum zu erzeugen. Denn dort fühlt sich der Zufall am wohlsten.

Auf der Jagd: Den Zufall provozieren

Eine der gängigeren Varianten: Den Ball gezielt aus dem tiefen Mittelfeld heraus in Höhe des gegnerischen Strafraums ins Aus zu schlagen. Beim darauf folgenden Einwurf überlädt das angreifende Team den Raum, um Chaos zu erzeugen und womöglich eine Torchance.

Auch auf Varianten bei Eckbällen, die extremes Zufallspotential bieten, wird immer mehr Wert gelegt. Längst haben die Datenanalysten der Teams verstanden, dass Metriken wie Ballbesitz oder Laufleistung nur bedingt aussagekräftig sind. An ihre Stelle tritt immer häufiger die „Raumkontrolle“. Ein ebenso komplexes wie abstraktes Konstrukt. Wer die Kontrolle in den entscheidenden Zufallsräumen hat, so hoffen sie, kann den Zufall auf seine Seite ziehen. Vielleicht.

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