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Startseite»Politik»Kanonenschuss am Mittag: Wenn Kapstadt zusammenzuckt
Politik

Kanonenschuss am Mittag: Wenn Kapstadt zusammenzuckt

Dr. Heinrich KrämerVon Dr. Heinrich KrämerJuni 13, 2026Keine Kommentare5 Minuten Lesezeit
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Stand: 13.06.2026 • 13:10 Uhr

Jeden Tag um zwölf Uhr mittags erschallt über Kapstadt ein gewaltiger Knall. Er stammt von der „Noon Gun“, einer der ältesten noch betriebenen Kanonen der Welt. Was steckt dahinter?

Stephan Ueberbach

Kurz vor zwölf auf dem Signal Hill oberhalb von Kapstadt: Die Aussicht von dem Hügel, der früher für Signalflaggen zur Kommunikation mit vorbeifahrenden Schiffen genutzt wurde, ist spektakulär. Unter einer dünnen Nebeldecke liegt die Innenstadt, dahinter das Meer mit dem Hafen und der berüchtigten Gefängnisinsel Robben Island.

Im Rücken erhebt sich der majestätische Tafelberg. Ein paar Touristen sind auf einem schmalen Wanderweg den Hügel hochmarschiert, warten mit gezückten Fotoapparaten und Handys auf den großen Moment, ein mehr als 200 Jahre altes Ritual. Und dann ist es soweit: Ein Kanonenschuss ertönt.

Etwa 200 Meter Luftlinie entfernt steigt eine weiße Rauchwolke auf, von den umliegenden Bergen kommt das Echo des Knalls deutlich hörbar zurück.

Vladi aus Oklahoma in den USA ist mit seinem Sohn Alexej auf den Signal Hill geklettert, um so nah wie möglich an die „Noon Gun“ heranzukommen. „Der Ausflug hat sich mehr als gelohnt“, sagt er. „Der Tafelberg bildet eine perfekte Kulisse. Auch das Echo des Schusses, das von den umliegenden Hügeln widerhallt – damit habe ich nicht gerechnet.“

Die „Noon Gun“ gehört zu den ältesten noch betriebenen Kanonen der Welt. Seit über 200 Jahren wird sie fast täglich abgefeuert. Nur an Sonn- und Feiertagen bleibt es still.

Schuss als Orientierung für Seeleute

Die „Noon Gun“ hat die britische Kolonialherrschaft erlebt, den Burenkrieg, die Apartheid und Südafrikas Übergang zur Demokratie. Regierungen, Flaggen und politische Systeme haben sich verändert. Der tägliche Schuss aber ist geblieben, als lebendige Tradition. „Die Noon Gun wurde von den Briten eingerichtet, als sie Kapstadt übernahmen“, berichtet Touristenführer Cameron Peters. „Ihre erste Funktion war, den in der Bucht ankommenden Schiffen die lokale Zeit mitzuteilen, damit sie weltweit eine genaue Navigation beibehalten konnten.“

Und das war damals für die Seeleute lebenswichtig. Schließlich heißt das Kap der Guten Hoffnung nicht umsonst auch Kap der Stürme. Wegen der gewaltigen Wellen, der starken Winde und des plötzlich wechselnden Wetters gelten die Gewässer vor Kapstadt bis heute als eine der gefährlichsten Schifffahrtsrouten der Welt.

Als es noch keine Satelliten-Navigation per GPS gab, haben die Schiffskapitäne ihre Position mithilfe der Sonne und der Sterne bestimmt. Dabei waren sie auf präzise Zeitangaben angewiesen. Vladi, der Tourist aus den USA, kennt sich damit gut aus.

Sehr wichtig für die Navigation ist es, die genaue Zeit zu kennen, wenn man die Sonne und nachts die Sterne beobachtet. Und wenn man seine Berechnungen für den eigenen Standort durchführt, muss man die exakte Uhrzeit kennen. Deshalb ist es sehr wichtig, dass die Schiffsuhr die richtige Zeit anzeigt.

Analoge Version eines GPS-Satelliten

Genau dafür gab es die „Noon Gun“. Sie war im 19. Jahrhundert sozusagen die analoge Version eines GPS-Satelliten und eines der genauesten Zeitsignale auf der südlichen Erdhalbkugel. Auch viele Menschen an Land stellten ihre Uhren danach.

„Die präzise Zeitangabe bedeutet, dass man seine Position exakt kennt – und somit Schiffbrüche vermeidet. Kapstadt gilt als die Schiffbruchhauptstadt der Welt, und die ‚Noon Gun‘ hat mehr Schiffbrüche verhindert als jeder Leuchtturm“, berichtet Tourguide Peters.

Schuss ohne Kanonenkugel

Dabei hatten sich die Seeleute ursprünglich gar nicht am Knall der „Noon Gun“ orientiert, sondern am weißen Rauch des verbrannten Pulvers. Denn der Schall der Kilometer entfernten Kanone wäre zu lange unterwegs gewesen, um eine präzise Zeitangabe zu ermöglichen.

Zwei Kanonen stehen für den Schuss um 12 Uhr bereit. Jede einzelne wiegt mehr als zwei Tonnen. Die Kanoniere bereiten jeden Tag beide Geschütze vor. Abgefeuert wird allerdings nur eine. Die zweite steht als Reserve bereit. Lange Zeit wurde der Schuss per Knopfdruck ausgelöst. Später wurde der Schuss jahrzehntelang automatisch ausgelöst, per Fernzündung über eine Leitung. „Heute wird die ‚Noon Gun‘ von einem der Kanoniere wieder per Hand abgefeuert, einfach mit Hilfe einer sehr genauen Uhr“, sagt Peters.

Und mit Hilfe eines Holzhammers, den der Kanonier pünktlich um 12 auf den Auslöseknopf schlägt. Scharf geschossen wird mit der „Noon Gun“ nicht. „Es werden keine Kanonenkugeln abgefeuert. Manche fragen mich, wohin die Kugel fliegt, und ich sage dann: Die britische Marine ist nicht so dumm – und unsere auch nicht.“

Touristen erschrecken sich, Einheimische nicht mehr

Ihre ursprüngliche Funktion hat die „Noon Gun“ schon längst verloren. Die Schifffahrt ist am Kap der Guten Hoffnung nicht mehr darauf angewiesen. „Im Grunde ist es pure Nostalgie“ sagt Peters. „Sie dient vor allem dazu, Touristen zu erschrecken.“

Gemeint sind Menschen wie Michael Schulze. Der Berliner hat ein paar Monate in Kapstadt verbracht. „Ich habe mich einmal erschrocken, tatsächlich. Es hat richtig gescheppert und ich dachte, es ist ein Autounfall oder so etwas ähnliches. Dann habe ich aber den Rauch gesehen“. Seine Frau klärte ihn dann über die „Noon Gun“ auf.

Für die Menschen, die in Kapstadt leben und arbeiten, gehört der tägliche Schuss zur Mittagszeit zum Alltag. „Wir erschrecken uns nicht mehr, wir sind daran gewöhnt“, sagt zum Beispiel die Kellnerin Sandile. Ihre Kollegin Ruth findet die Tradition eine gute Sache, weil sie die Leute an die Uhrzeit erinnert. Wenn es knallt, ist es 12 Uhr.

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