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Startseite»Politik»Deutscher WM-Gegner Curaçao: Begeisterung für die „Blaue Welle“
Politik

Deutscher WM-Gegner Curaçao: Begeisterung für die „Blaue Welle“

Dr. Heinrich KrämerVon Dr. Heinrich KrämerJuni 14, 2026Keine Kommentare5 Minuten Lesezeit
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Stand: 14.06.2026 • 07:59 Uhr

Curaçao sieht sich schon vor der WM-Partie gegen Deutschland als Gewinner. Es ist das kleinste Teilnehmerland des Turniers und erstmals bei dem Turnier dabei. Entsprechend groß ist die Euphorie auf der Insel.

Jenny Barke

Eine Gruppe Männer kickt in der tropischen Karibikluft. Alle tragen sie blaue Shirts, blau wie ihr Curaçao. „Liga Blòwi“ nennen sie sich. Sie sind nicht nur Hobbyfußballer, sie sind die Chef-Anheizer des Nationalteams – und das drücken sie auch in ihrem Namen aus.

„Das hier ist eine Insel voller Energie, mit diesem Rhythmus werden wir geboren. Uns fällt es leicht, in Schwung zu kommen“, sagt Brenton Balentien. Er ist ganz in Blau gekleidet, mit blau schimmernden Acrylfingernägeln. Zu allen Spielen ihrer „Blauen Welle“, wie die Nationalmannschaft genannt wird, färbt er sein Gesicht, Glatze und Vollbart, komplett blau.

Zum Gruppenspiel gegen Deutschland fahren die „Blòwis“ natürlich auch nach Houston. Möglich wird das WM-Wunder für Curaçao dank eines eigentlich fußballtechnisch unspektakulären Moments: Im entscheidenden Spiel gegen Jamaika im November fiel kein Tor, gab es keine dramatischen Spielzüge. Doch das 0:0 hat die Insel verändert.

Brenton „Captain Blue Face“ sagt, das sei neben der Geburt seiner Kinder das Schönste, was er in seinem Leben erlebt habe. Alle hätten zusammen gefeiert in Curaçao, selbst die Jamaikaner. „Jedes Mal, wenn ich das vor meinem inneren Auge sehe, kommen mir die Tränen und ich habe Gänsehaut.“

Für Brenton „Captain Blue Face“ war schon die Qualifikation zur WM einzigartig – nun hofft er auf weitere solcher Momente im Turnier.

Fußballfieber erfasst die Insel

Seitdem sei alles „loco“, verrückt, auf Curaçao, so berichten die „Blòwis“. Und man sieht es auch allerorten. Frische Farbe für den großen Auftritt, viele Mauern und Hauswände erstrahlen in dem so typischen Karibikblau, das dem Nationalteam und den Anheizern den Namen und der Flagge die Farbe gibt.

Überall werden Fußball-Wandbilder gemalt. Die Vorfreude auf die WM bringe die Insel zusammen, berichtet auch Ray Facunda. Der Curaçaoer genießt einen Samstag mit der Familie an einem der Karibikstrände der Insel. „Jeder hier ist für Curaçao, das ist eine ganz große blaue Welle! Einfach großartig!“

Dabei sein ist für sie alles: Seit der WM-Qualifikation feiern die Fans aus Curaçao ihre Nationalelf.

Insel mit Sprachmix

Und Zusammenhalt ist wichtig bei dieser so diversen und historisch bewegten Karibikinsel. Gemeinsam gesprochen wird Papiamentu, eine Kreolsprache, die auf den sogenannten ABC-Inseln Aruba, Bonaire und Curaçao beheimatet ist.

Der bunte Sprachenmix erzählt viel über die Vergangenheit: In Papiamentu kommen Einflüsse aus dem Arawak zusammen, das die Indigenen sprachen, die die Spanier bei ihrer Kolonialisierung fast vollständig versklavten und deportierten; aus dem Spanisch der ersten Kolonialherren; aus Portugiesisch, das die westafrikanischen Sklaven sprachen; und aus Niederländisch, das die Niederländer mitbrachten, als sie die Kolonie Curaçao von den Spaniern eroberten.

Umstrittener Sonderstatus

Die Aussprache ist dementsprechend unterschiedlich: Kórsou auf Papiamentu, Curaçao auf Spanisch und Portugiesisch,Cüracao auf Niederländisch. Als sich 2010 die Niederländischen Antillen auflösten, wurde Curaçao autonom innerhalb des Königreichs der Niederlande.

Der Sonderstatus spaltet bis heute die Gemüter. „Wir sind ein Land in einem Königreich. Das gibt es doch gar nicht. Wie kann man ein Land sein, wenn man nicht unabhängig ist? Das ist eine Kolonie!“, kritisiert Fußballfan Johnny Goeloe. Das Gefühl, von Europa aus regiert zu werden, sitzt tief. Jahrhundertelang war die Insel Umschlagplatz des Sklavenhandels in der Karibik.

Die Queen-Emma-Brücke verbindet mehrere Teile des Hauptortes Willemstad. Die Innenstadt steht auf der Liste der Weltkulturgüter.

Trommel als Symbol der Selbstbehauptung

Kaum etwas erzählt davon so eindringlich, wie die Tambú-Musik. Wenn Rendel Rosalia auf seiner großen Trommel spielt, wirkt er versunken. Er sei dann eins mit seinen Vorfahren. Die hätten die Tambú mitgebracht, als sie aus Afrika verschleppt wurden. „Während der Sklavenzeit haben Kirche und die niederländische Regierung die Tambú verboten“, erklärt er.

Sie heimlich zu spielen oder dazu zu tanzen, war ein Akt der Rebellion, und sie gilt vielen bis heute als Symbol der Widerstandsfähigkeit. Bis heute hätten die Curaçaoer keine Entschädigung für die Sklaverei von den Niederlanden erhalten, kritisiert Jeanne Henriquez, Leiterin eines Museums der Kolonialgeschichte.

Duch den Sport zu Teamgeist und Entwicklung: Stiftungen fördern den Fußball auf Curaçao – hier mit einer Fußballschule

Europäisch-karibische Fusion

Gleichzeitig hat der Autonomie-Status für die Curaçaoer auch Vorteile: Die Menschen haben automatisch die niederländische Staatsangehörigkeit und damit Zugang zur EU. Es ist wahrscheinlich der Hauptgrund, warum die karibische Mannschaft so stark ist.

Fast so viele Curaçaoer leben in den Niederlanden wie in Curaçao, und die Fußballspieler des Teams sind fast alle dort geboren und in europäischen Fußballmannschaften ausgebildet worden. Bedingung für die Teilnahme in der „Blauen Welle“ ist, dass sie familiäre Wurzeln auf der Insel haben.

Bleibt am Ende die Frage an die Curaçaoer: Wer wird denn jetzt in Houston gewinnen, Deutschland oder Curaçao? Die Blòwis haben darauf bei ihrem abendlichen Training vor der Reise in die USA eine klare Antwort: „Gegen Deutschland? Curaçao natürlich! Das wissen die Deutschen auch, deshalb haben sie euch auch hierhergeschickt, um uns auszuspionieren!“

Die Gruppe lacht laut. Karibischer Humor und Leichtigkeit, auch, wenn es um viel geht. Aber eigentlich sind sich auf der Insel alle einig: Egal, wie das Spiel gegen Deutschland ausgeht – die WM-Teilnahme, die einmalige Stimmung, der neue Stolz auf die eigene Identität, die Euphorie und Vorfreude, all das ist für Curaçao schon jetzt der größte Sieg.

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Dr. Heinrich Krämer
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