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Startseite»Nachrichten»„Diese kollektive Erregung“: Kann uns Fußball den New-York-Knicks-Effekt bringen?
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„Diese kollektive Erregung“: Kann uns Fußball den New-York-Knicks-Effekt bringen?

Dr. Heinrich KrämerVon Dr. Heinrich KrämerJuni 16, 2026Keine Kommentare5 Minuten Lesezeit
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„Diese kollektive Erregung“Kann uns Fußball den New-York-Knicks-Effekt bringen?

16.06.2026, 16:14 Uhr Von Sabine Oelmann
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So geht Feiern. (Foto: IMAGO/NurPhoto)

Wir hatten mal einen Ruck und ein Sommermärchen. So etwas brauchen wir jetzt wieder. Kann Fußball den erhofften Kick bringen, der uns aus unserer momentan nicht so guten Stimmung wachküsst?

Durch Deutschland muss ein Ruck gehen, sagte Roman Herzog, Bundespräsident von 1995 bis 1999, als es in Deutschland mal so wirkte, als würde alles hakeln. Die sogenannte „Ruck-Rede“ war eine wegweisende Ansprache Herzogs am 26. April 1997 im Hotel „Adlon“ in Berlin. Darin forderte er mit seinem berühmten Zitat eine mentale Erneuerung, mehr Innovationskraft und ein Ende der Blockadehaltung. Klingt so, als könne man das heute ein zu eins genauso wiederholen.

Wir hatten auch ein Sommermärchen, 2006, da brachte Fußball das Beste aus den Deutschen hervor, ohne dass sie gewonnen haben: Weltmeister wurden damals die Italiener, wir waren nur die Veranstalter. Aber was für welche! Alle haben uns geliebt! Weltmeister wurden „wir“ dann später (2014), und wir lebten in dem Selbstverständnis, dass alles ganz gut läuft. Dass momentan nicht alles gut läuft, ist offensichtlich, nie läuft alles gut, aber in diesen Jahren damals hingen Deutschlandflaggen an Autos und aus Fenstern, ohne dass man dachte, der Nachbar sei strammer AfD-Wähler (die Partei wurde 2013 gegründet, man wusste 2014, als wir Weltmeister waren, noch nicht wirklich, wo das hinführen würde).

Und jetzt? Bräuchte es wieder ein bisschen mehr Mut. Gelassenheit. Freude. Vertrauen. Wir müssen ja nicht gleich zu einem kollektiv-merkeligen „Wir schaffen das“ tendieren, aber etwas mehr Optimismus wäre super. Was das ausmacht, konnte man in den vergangenen Tagen sehen, weil quasi ganz Albanien auf die Straße geht, um dagegen zu protestieren, dass ihr Land verschachert wird. In der albanischen Hauptstadt Tirana protestieren seit Tagen Tausende Menschen gegen den Bau eines Luxushotels in einem Naturschutzgebiet. Die sogenannte Flamingo-Revolution möchte verhindern, dass das Natur- und Vogelschutzgebiet von Ivanka Trump und ihrem Mann Jared Kushner in ein Luxusresort umgewandelt wird, die Bauarbeiten sind bereits im Gange.

Der französische Soziologe Émile Durkheim ist zwar schon 1917 gestorben, sein Begriff „kollektive Erregung“ – also jenes elektrisierende Gefühl, das entsteht, wenn Menschen sich um ein gemeinsames Erlebnis versammeln und Teil von etwas werden, das größer ist als sie selbst – gilt bis heute. Es besteht aus Glück, Hoffnung, Zugehörigkeit, Vorfreude und Gemeinschaft. Wenn man die New York Knicks derzeit beobachtet, ist dieses Gefühl förmlich in der Luft zu spüren. „Es liegt im Zeitgeist“, schreibt Barri Leiner, die sich selbst als „Chief Grief Officer“ bezeichnet und deren Job man als „Trauer-Arbeit“ bezeichnen kann. Die Knicks haben ihrer Ansicht nach etwas geschafft, das die Menschen momentan dringend brauchen: Diese „kollektive Erregung“, die uns weiterbringt.

Durststrecke beendet?

Die ehemalige Journalistin lebt in New York und hat mit eigenen Augen gesehen, was der überraschende Sieg der heimischen Basketballtruppe gegen die San Antonio Spurs mit den New Yorkern gemacht hat: Sie sind förmlich ausgerastet, in a good way (meist zumindest). Mit dem ersten NBA-Titel nach 53 Jahren haben sie eine der längsten Durststrecken im US-amerikanischen Sport beendet – und vielleicht auch die einer ganzen Nation.

„Der Jubel, der aus den Wohnungen dringt. Spontanes, gemeinsamen Zuschauen auf der Straße. Überfüllte Bars. Fremde, die sich auf dem Gehweg mit High Fives abklatschen. Das Gefühl, dass eine ganze Stadt im gleichen Rhythmus atmet. Menschen in ihren Trikots, die sich plötzlich wie Gleichgesinnte fühlen“, beschreibt Leiner ihre Eindrücke. Als jemand, der beruflich mit Trauer zu tun hat, fasziniert sie dieses Phänomen, vielleicht und vor allem in New York, in der Stadt, die zwar niemals schläft, in der man sich aber am besten nicht in die Augen schaut, wenn jemand dir entgegenkommt. So heißt es zumindest. Man muss sich ja nicht daran halten. Vor allem dann nicht, wenn man sich sowieso schon isoliert, einsam und von der Welt um sich herum abgeschnitten fühlt. Kein ungewöhnliches Phänomen momentan, denn die Welt, wie sie vor einer Zeit und für lange Zeit einmal war, scheint es momentan nicht mehr zu geben.

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Eine Stadt im gleichen Rhythmus. (Foto: IMAGO/ZUMA Press Wire)

Doch Heilung geschieht nur selten – wenn überhaupt – in der Isolation. „Ob Sport, Konzert, Show, Glaube, Protest, Ritual oder das Gedenken an einen geliebten Menschen – wir sind auf gemeinsame Erlebnisse angewiesen“, weiß Leiner, „und wir brauchen Momente, die uns daran erinnern.“ Die wahre Magie ist ihrer Ansicht nach also gar nicht nur das Spiel gewesen – sondern das gemeinsame Erleben von etwas Hoffnungsvollem.

Wollen wir vielleicht mal alle zusammen hoffen, dass Deutschland gewinnt? Es zumindest bis ins Viertelfinale schafft? Nicht immer nur meckern (80 Millionen Bundestrainer können nicht irren), sondern Vertrauen haben in die Entscheidungen, die ein Trainer trifft? Wollen wir noch weiter gehen und gar Politkern vertrauen? Und wollen wir, wenn das nicht der Fall sein sollte, dann eventuell selbst die Ärmel hochkrempeln und die Probleme angehen?

Dann sind wir Menschen

Wir haben die Wahl. Wir haben vergessen, dass wir die Wahl haben. Dass nicht alles selbstverständlich ist. Vielleicht sollte man mal wieder gemeinsam die Luft anhalten, mitfiebern, an den Händen nehmen, jetzt, beim Fußball, und danach bei möglichst vielen, anderen Gelegenheiten. Denn wenn wir etwas gemeinsam machen, wirklich gemeinsam fühlen, rückt alles andere in den Hintergrund: Politik. Einkommen. Alter. Sorgen. Dann sind wir einfach nur Menschen.

Die Knicks haben uns das jetzt vorgemacht, wie es sich anfühlt, wenn man etwas ganz Großes will. Was dabei herauskommt? Hoffnung. Leichtigkeit. Das ist doch das, wonach wir alle uns sehnen. Es ist schwer, angesichts der Nachrichten Freude zu empfinden, wenn ein Nachbarland von einem Aggressor zerstört wird, Kinder sterben oder wir jeden Autounfall, egal wo auf der Welt, zur Kenntnis nehmen. Gerade deswegen ist es so wichtig, gemeinsam zu handeln. Dann wird auch die Angst kleiner. Und wenn es – momentan – nur Fußballgucken ist. Wir wollen Teil eines Ganzen sein. Wir wollen endlich wieder das „wir“ spüren.

Quelle: ntv.de

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