Sieben Tore, das zweiterfolgreichste WM-Spiel der DFB-Geschichte: Trotz des 7:1-Auftakts gegen Curacao gibt es Kritik an Leroy Sané. Kapitän Joshua Kimmich hat das mitbekommen, er versteht es nur nicht.
Es gibt mehrere Sachen, die Joshua Kimmich nicht versteht. An seinem freien Tag sitzt der Kapitän der deutschen Fußball-Nationalmannschaft im Presse-Hörsaal des DFB-Teams in Winston-Salem. Und gibt offen zu, das zugegebenermaßen komplizierte College-System des WM-Gastgebers nicht verstanden zu haben. Er habe hier einen deutschen Fußballer getroffen, der das Jahr über in Chicago an der Uni kickt und in den Semesterferien nun hier. Aber nicht an der Universität, sondern im Verein. Es ist tatsächlich kompliziert.
Deutlich ernster wurde Kimmich bei einem anderen Thema: Leroy Sané. Nach dem rauschenden 7:1-Auftaktfest im ersten WM-Spiel gegen Curacao bekamen alle DFB-Protagonisten ihre Lobeshymnen ab. Linksverteidigeraufsteiger Nathaniel Brown, Mittelfeld-Maschine Felix Nmecha, Superjoker Deniz Undav und der fast wieder in alter Verfassung aufspielende Jamal Musiala. Aber Sané, der rechte Flügelspieler des DFB-Teams, bekam wieder vor allem Kritik ab.
„Ich finde das nicht verständlich“, sagte Kimmich. Anders als alle anderen Beobachtenden war er so nah wie niemand sonst an dem 30-Jährigen dran. Schließlich spielten im texanischen Houston beide auf einer Seite. „Er war extrem engagiert, er hat mich auf unserer Seite nie alleine gelassen, ist immer zurück gesprintet“, lobte Kimmich seinen Kollegen. Das seien die Dinge, die auch für die Mannschaft im weiteren Turnierverlauf wichtig seien.
Nicht nur an Toren gemessen
Ähnlich hatte sich auch der Bundestrainer noch in den Katakomben des Fußball-Raumschiffs von Houston am Sonntag geäußert. Sané habe viel investiert, „offensiv und defensiv“, sagte Julian Nagelsmann nach dem Spiel gegen Curacao – und lobte den Auftritt den Flügelspielers. Er hatte vor dem Turnier versprochen, Sané zu einer erfolgreichen WM zu kitzeln. Beide kennen sich schließlich schon ewig.
Kimmich hob auch hervor, wie wichtig Sané für das Mannschaftsklima ist. Der Profi von Galatasaray Istanbul habe ein großes Vertrauen in seine Teamkameraden, juble oft schon, wenn der Ball noch nicht im Tor liegt. „Da reißt er schon die Arme hoch“, sagte der DFB-Kapitän. Er konnte auch keinen Abfall in der Körperspannung erkennen, der Sané gerne vorgeworfen wird.
In den traditionellen (und sozialen) Medien wurde aber vor allem darüber geschrieben (und geschimpft), dass Sané, gegen Curacao wieder zwei Großchancen vergeben hatte. Am Fernseher daheim sieht man dann vor allem das, die unglücklichen Aktionen im Spiel. Vergessen wird auch, dass er in den vergangenen sieben Spielen drei Tore geschossen und drei vorbereitet hat.
Schon seit Jahren ist Sané eine Reizfigur im DFB-Team. All das gipfelte im März beim 2:1-Testerfolg gegen Ghana, als er von den eigenen Fans ausgepfiffen wurde. Dort kam er erst in der 78. Minute, das Stuttgarter Publikum tat seinem Unmut lautstark kund. Das wiederum ärgerte den Bundestrainer und Localhero Deniz Undav, die die Pfiffe kritisierten.
Dazu beigetragen hatte möglicherweise auch die Kommunikation des Bundestrainers. Nagelsmann hatte schon Monate vor dem Turnier bessere Torquoten von Sané im Klub eingefordert. Als der diese aber nicht lieferte, nominiert ihn Nagelsmann trotzdem regelmäßig. Bei vielen Fans des DFB-Teams stieß das auf Verwunderung. Eigentlich befand sich der Flügelspieler im Duell mit dem Bayern-Shootingstar Lennart Karl, der die WM aber tragischerweise verletzt absagen musste.
Golfcarts und Fahrräder: Die DFB-Kicker am freien Tag
Die Kritik an Sané, vor allem jetzt nach dem Erfolg gegen Curacao, geht nicht am Nationalteam vorbei. Auch Kimmich hat das bemerkt. Ja, er habe „kein Tor gemacht, daran wirst du dann von außen immer gemessen. Wichtig ist, dass wir das intern als Mannschaft und mit dem Trainer nicht nur daran bemessen“, betonte Kimmich. „Cool, wenn er jedes Spiel drei Tore macht, aber er hat auch andere Aufgaben. Das hat er sehr gut gemacht. Daher verstehe ich die Kritik nicht, schon gar nicht nach einem 7:1.“
Verwendete Quelle: ntv.de
