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Starmer kann nur verlieren: 76.000 Wähler entscheiden, wie es mit Großbritannien weitergeht

Dr. Heinrich KrämerVon Dr. Heinrich KrämerJuni 18, 2026Keine Kommentare6 Minuten Lesezeit
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Starmer kann nur verlieren76.000 Wähler entscheiden, wie es mit Großbritannien weitergeht

18.06.2026, 16:07 Uhr Von Hubertus Volmer
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Andy Burnham kultiviert das Image eines Mannes aus dem Volk. (Foto: picture alliance / PA Images)

Etwas mehr als 0,1 Prozent der Briten entscheiden über die Zukunft des ganzen Landes. Gewinnt Andy Burnham die Nachwahl in Makerfield, wird es eng für Premier Keir Starmer. Unterliegt Burnham, dann ebenfalls.

Der nordenglische Wahlkreis Makerfield steht heute im Zentrum der britischen Politik. Hier wird entschieden, wie es in den kommenden Wochen mit der Labour-Partei weitergeht, und damit auch, wer Großbritannien in den nächsten Jahren regiert.

Der kleine Wahlkreis gehört zur Verwaltungseinheit Greater Manchester. Gut 76.000 Wahlberechtigte gibt es dort – etwas mehr als 0,1 Prozent der britischen Bevölkerung. Formal steht lediglich eine Nachwahl an: Der örtliche Labour-Abgeordnete Josh Simons hatte im Mai seinen Rücktritt angekündigt, um dem Bürgermeister von Greater Manchester, Andy Burnham, eine Kandidatur für das Unterhaus zu ermöglichen. Im britischen Mehrheitswahlrecht gibt es keine Nachrücker – fällt ein Abgeordneter aus, findet eine Nachwahl statt.

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„Wählt Andy für uns“, steht auf dem Wahlplakat. (Foto: picture alliance / ZUMAPRESS.com)

Von Anfang an war klar, dass es um mehr geht als nur um einen Sitz im Unterhaus. Innerparteilich steht der britische Premierminister Keir Starmer schon länger unter Druck; Burnham gilt bereits seit einiger Zeit als möglicher Herausforderer. Traditionell ist in Großbritannien der Regierungschef auch der Vorsitzende seiner Partei. Wer Premierminister werden will, muss einen Sitz im Unterhaus haben.

Burnham muss zeigen, dass er die Farage-Partei schlagen kann

Öffentlich bestätigt hat Burnham seine Ambitionen erst vor zwei Wochen in der BBC-Talkshow „Question Time“, wenn auch leicht verklausuliert. „Wenn ich eure Unterstützung erhalte, würde ich mich bemühen, euch auf höchstmöglicher Ebene zu vertreten“, sagte er auf Fragen aus dem Publikum.

In Makerfield tritt Burnham gegen dreizehn Mitbewerber an. Realistische Aussichten auf den Wahlsieg hat neben Burnham nur ein weiterer: Robert Kenyon von der Partei Reform UK, die vom Brexit-Populisten Nigel Farage angeführt wird und Migration in den Mittelpunkt ihrer Wahlkämpfe stellt. Burnham, der das Image eines bodenständigen Mannes aus dem Volk pflegt, muss in Makerfield zeigen, dass er Reform schlagen kann. Nur dann kann er Starmer herausfordern – und nur dann hätte er als Premier eine Chance.

Dafür eignet sich der Wahlkreis besonders gut. Makerfield ist ein Zusammenschluss von Kleinstädten, die vom Kohlebergbau geprägt sind und war daher lange eine klassische Labour-Hochburg. Vor dreißig Jahren, 1997, holte Labour das dortige Mandat noch mit 74 Prozent.

Der perfekte Reform-Wahlkreis

Seither geht es für Labour bergab. Josh Simons gewann den Wahlkreis 2024 zwar noch mit 45,2 Prozent, aber auf Platz zwei stand damals schon Reform-Kandidat Kenyon. Vor zehn Jahren beim Brexit-Referendum stimmten hier 65 Prozent für den Austritt aus der EU. „Dies ist genau die Art von Ort, an dem Reform gut abschneiden kann“, sagte der Politologe Jon Tonge von der Universität Liverpool dem Sender BBC: Dies sei sowohl „Brexit-Land“ als auch „Labour-Land“.

Auslöser für Burnhams Kandidatur – und generell für den wachsenden innerparteilichen Druck auf Premierminister Starmer – war das schlechte Abschneiden von Labour bei den Kommunalwahlen am 7. Mai. Aber Premierminister Starmer hat die gleichen Probleme wie zahlreiche andere Regierungschefs in Europa und anderswo: eine schleppende Konjunktur und eine erstarkende Konkurrenz von rechts.

Dazu kommen hausgemachte Probleme: Starmer hat den schon lange umstrittenen Labour-Politiker Peter Mandelson zum Botschafter in Washington gemacht, obwohl bekannt war, dass dieser Verbindungen zum verurteilten US-Sexualstraftäter Jeffrey Epstein hatte. Als in den USA die Epstein-Akten veröffentlicht wurden, flog Starmer die Personalie um die Ohren.

Starmer kann nur verlieren

Seit seinen Auseinandersetzungen über die Corona-Politik mit dem damaligen Premierminister Boris Johnson trägt Burnham den Spitznamen „King of the North“, der auf die Serie „Game of Thrones“ anspielt. In Manchester ist er ziemlich populär, sein Sieg gilt dennoch nicht als ausgemacht. Denn Reform war in Makerfield zuletzt sehr erfolgreich: Auch dort wurde am 7. Mai in acht Bezirken gewählt. Die Ergebnisse lassen sich nur ungefähr auf die heutige Nachwahl übertragen, da die Grenzen der Stimmbezirke für Kommunal- und Unterhaus-Wahlen unterschiedlich sind. Der Befund ist trotzdem eindeutig: Reform kam auf rund 50 Prozent der Stimmen, Labour kam mit lediglich 27 Prozent nur auf Platz zwei.

Starmer kann eigentlich nur verlieren: Gewinnt Burnham, stehen seine Chancen, sich als Premier halten zu können, nicht gut. Verliert Burnham, ist die allgemeine Botschaft, dass Labour nicht einmal mehr mit einem beliebten Politiker Reform schlagen kann. Starmer geriete noch stärker unter Druck.

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Auch am Wahltag kam Nigel Farage in den Wahlkreis, um Robert Kenyon zu unterstützen. (Foto: picture alliance / Anadolu)

Burnhams Vorteil ist der Gegenkandidat: Mittlerweile gelöschte Nachrichten auf X lassen Kenyon als hasserfüllten und homophoben Sexisten aussehen. Kenyons X-Account wurde mittlerweile gelöscht; die Organisation Hope not Hate fand allerdings archivierte Posts und verbreitete sie. Darunter sind vulgäre Sprüche über die TV-Moderatorin Carol Vorderman, Verschwörungserzählungen und Gewaltfantasien.

„Ich bin ein Sexist, tut mir leid, das bin ich“

Kenyon sagte der „Sunday Times“ dazu, er sei „ein ganz normaler Typ und ich rede wie ein ganz normaler Typ“. In der BBC sagte er, er habe „nichts als Respekt für Frauen“ und akzeptiere nicht, als Sexist bezeichnet zu werden. Laut Hope not Hate gibt es dazu ein passendes Zitat aus seiner Vergangenheit: „Ich bin ein Sexist, tut mir leid, das bin ich.“

Offen ist, ob Kenyon solche Enthüllungen nutzen oder schaden. Reform-Chef Farage hat sich klar hinter den Kandidaten gestellt, zugleich aber mit vielen Auftritten im Wahlkreis deutlich gemacht, dass es nicht um Kenyon geht, sondern um die Partei. Der „Financial Times“ zufolge hält Reform ihren Kandidaten an einer „engen Leine“: Viele Interviews habe er nicht geben dürfen. Bei einer Veranstaltung habe er für lediglich zwei Minuten das Wort bekommen. Farage nach ihm habe dann eine halbe Stunde gesprochen.

Ein Problem für Reform könnte sein, dass sie Konkurrenz von noch weiter rechts bekommen haben: Für die Partei „Restore Britain“ tritt Rebecca Shepherd an, die bei der Forderung nach einer Abwehr von Migranten noch radikaler auftritt.

72 Stunden Ruhe für Starmer

Andy Burnham ist nicht der einzige Labour-Politiker, der Starmer herausfordern will. Auch Ex‑Gesundheitsminister Wes Streeting sagte, er sei „bereit“ für eine Kandidatur.

Starmer indessen hat die Gefahr erkannt: Er bot Burnham eine „große Rolle in der Regierung“ an, wie er dem Sender Sky News sagte. Nach Informationen der „Manchester Evening News“ hat Burnham entschieden, ein solches Angebot abzulehnen.

Sky News wiederum brachte in Erfahrung, dass Burnham Starmer in seinen ersten 72 Stunden als Abgeordneter nicht herausfordern werde. Das gäbe Starmer immerhin ein ruhiges Wochenende. Die Wahllokale schließen um 22 Uhr Ortszeit, 23 Uhr deutscher Zeit. Am frühen Morgen soll das Ergebnis vorliegen.

Quelle: ntv.de

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