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Startseite»Nachrichten»Berlin Tag & Macht: Watergate in Thüringen: Als ich Björn Höcke suspendierte
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Berlin Tag & Macht: Watergate in Thüringen: Als ich Björn Höcke suspendierte

Dr. Heinrich KrämerVon Dr. Heinrich KrämerJuni 18, 2026Keine Kommentare5 Minuten Lesezeit
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Berlin Tag & MachtWatergate in Thüringen: Als ich Björn Höcke suspendierte

18.06.2026, 20:01 Uhr Eine Kolumne von Marie von den Benken
Bjoern-Hoecke-AfD-Fraktionschef-hoert-eine-Regierungserklaerung-zu-den-Ergebnissen-des-Thueringen-Monitor-waehrend-der-Sitzung-des-Thueringer-Landtags-Der-Thueringen-Monitor-wird-jaehrlich-im-Auftrag-der-Staatskanzlei-von-Wissenschaftlern-der-Universitaet-Jena-erhoben-Sie-untersucht-unter-anderem-die-politischen-Einstellungen-der-Menschen-im-Freistaat-Fuer-die-25-Ausgabe-der-Untersuchung-wurden-mehr-als-3-800-Wahlberechtigte-befragt
Björn Höcke, AfD-Fraktionschef, macht im Parlament nur Urlaub vom Beamtendasein und könnte – auf dem Papier – jederzeit wieder als Lehrer unterrichten. (Foto: picture alliance/dpa)

Fehler passieren. Manchmal verwechselt man beurlaubt mit suspendiert. Manchmal Westdeutsche mit Amerikanern. Deshalb muss heute ein Skandal aufgearbeitet werden, der Deutschland härter erschüttert als betende Fußballnationalspieler: die Unschuld des Björn Höcke. Eine schonungslose Selbstanklage.

Meine Oma war nie ein großer AfD-Fan. Die Partei, die nach der Wahl in Sachsen-Anhalt im September erstmals einen Ministerpräsidenten stellen könnte, konfrontierte sie gerne mit einer Scherzfrage: „Was ist der Unterschied zwischen der AfD und einer Batterie?“ Und lieferte dann in altbekannter Gag-Tradition die Antwort gleich mit: „Die Batterie hat auch eine positive Seite!“

Derartige „Was ist der Unterschied“-Witze waren eine Zeit lang so en vogue, irgendwann erreichten sie sogar meine über 90-jährige Oma im verträumten westniedersächsischen Walsrode. Hätte diese Humorgattung noch heute eine Fanbase, würde meine Oma leider auch mit folgender Lebensweisheit konfrontiert: Was ist der Unterschied zwischen Marie von den Benken und Baron Münchhausen? Bei Baron Münchhausen stimmt gelegentlich auch mal etwas!

Ja, es ist schmerzhaft. Aber als Teil der kompromisslosen Transparenz-Offensive dieser politischen Wohlfühlkolumne ist es gleichsam unerlässlich, den Finger auch dann in die Wunde zu legen, wenn der dadurch hervorgerufene Schmerz die Verfasserin selbst trifft. Und da muss ich leider einräumen: Die vergangene Woche war für mich als Kolumnistin etwa so erfolgreich wie die von Spanien als WM-Favorit – mit riesigen Vorschusslorbeeren ins Turnier gestartet, mit beschämenden Minderleistungen am Ende ausgelacht.

Björn Höcke hat mir doch keine Heimat gegeben

Also, was war der Lamine Yamal der Politberichterstattung passiert? In der Vorwoche wurde an dieser Stelle eine Fachabhandlung zur aktuellen Herkunftsdebatte einiger bedeutender Starpolitiker mit dem Titel „Björn Höcke hat mir eine Heimat gegeben“ publiziert. Die Lektüre dieses normalerweise überwiegend faktendurchfluteten Evidenz-Tsunamis trieb den knapp 21,8 Millionen Stammleserinnen und -lesern sowie den themaspezifisch aus dem AfD-Sympathisantenlager hinzugewonnenen Bonuskonsumenten umgehend Tränen in die Augen. Keine Tränen der Begeisterung über spracharithmetische Jahrhundertformulierungen leider, sondern Tränen der Empörung über tatsachenferne Fehlbehauptungen. Ausgerechnet über die größte Kanzler-Hoffnung des Besorgtbürgertums seit Franz Schönhuber: Björn „Alles für Deutschland“ Höcke.

Während nämlich der unbescholtene Mahnmal-Experte Höcke („Wir Deutschen sind das einzige Volk der Welt, das sich ein Denkmal der Schande in das Herz seiner Hauptstadt gepflanzt hat“) in seiner Kernfunktion als wahrheitsradikaler Aufklärer der Rechtsrandselbstdenker ein wenig über die Amerikanisierung Westdeutschlands philosophierte, unterlief der Lügenpresse-Abteilung, die dieser wöchentlichen Statuskolumne zuarbeitet, ein unverzeihlicher Kapitalfehler. Bedauerlicherweise nämlich hatte mein inzwischen zu Recht dem Arbeitsuchendenmarkt zugeführtes Rechercheteam eine Falschbehauptung aufgestellt. Landolf Ladig wäre das nicht passiert.

Die Leiden des Jungen Höcke

Statt formaljuristisch blitzsauber jede Verlautbarung doppelt und dreifach mit Belegquellen abzusichern, war der Mainstreammedien-Schlendrian eingekehrt. Als Resultat gravierender Unprofessionalität wurde die ursprüngliche Berufssituation von Thüringens bekanntestem Zukunftsnostalgiker falsch deklariert. Selbstverständlich war Björn Höcke nicht „Geschichtslehrer, bevor er zunächst rechtsextremer Politiker und anschließend vom Schuldienst suspendiert wurde“, wie es zunächst fehlerhaft geheißen hatte. Diese Formulierung ist inkorrekt.

Björn Höcke hätte jedes Recht, wutentbrannt eine Richtigstellung einzufordern. Denn tatsächlich zutreffend ist stattdessen: Björn Höcke war Geschichtslehrer, bevor er rechtsextremer Politiker und im Zuge seines Mandats im Thüringer Landtag beurlaubt wurde. Diese Korrektur ist wichtig, auch wenn meine Texte dadurch selbst im Vergleich zu den Steuererklärungen von Uli Hoeneß aus den Jahren 2003 bis 2009 wirken wie Märchen aus 1000 und einer Nacht.

Auch nicht suspendiert: Winfried Kretschmann

Für die Ausübung eines politischen Mandats vom Beamtenstatus und/oder Schuldienst beurlaubt zu werden, ist kein Sonderprivileg für Björn Höcke. Es ist gängige Praxis. Zahlreiche Abgeordnete aller Parteien waren einst im Schuldienst tätig und später beurlaubt worden, weil sich tägliche Arbeit mit Schülern und tägliche Arbeit im Parlament nicht gut unter einen Arbeitshut bringen lassen. Tägliche Arbeit im Parlament – oder wie Sahra Wagenknecht sagt: Serviervorschlag.

Ein beinahe so prominentes Beispiel wie der einzige nennenswerte Sehnsuchtsmanager der Erinnerungskulturreform, Björn Höcke, ist übrigens Winfried Kretschmann. Der schwäbische Vorzeigegrüne war eingangs auch im Schuldienst tätig und wurde mit Beginn seiner Parlamentskarriere ebenfalls nicht suspendiert, sondern beurlaubt. Diese Beurlaubung mündete immerhin in 15 Jahren als Ministerpräsident von Baden-Württemberg.

Die Lügenpresse-Beichte geht allerdings noch weiter. Denn leider endet die Liste journalistischer Verfehlungen in meinem Text von vergangener Woche mit dem Höcke-Nichtsuspendierungs-Fauxpas noch nicht. Eine umfangreiche Untersuchung durch hochprofessionelle Faktenchecker hat weitere spektakuläre Falschbehauptungen identifiziert. Die wichtigsten habe ich hier übersichtlich und schonungslos dokumentiert:

1. Annalena Baerbock ist gar keine Amerikanerin

2. Die ZDF-Sendung „heute show“ ist gar keine linksradikale Propaganda-NGO

3. Friedrich Merz ist gar kein Amerikaner

4. Es gibt AfD-Sympathisanten, die „Ersatzidentität“ fehlerfrei buchstabieren können

5. Lars Klingbeil ist gar kein Amerikaner

6. Maximilian Beier ist nicht der einzige echte Deutsche im deutschen WM-Kader

7. Alexander Dobrindt ist gar kein Amerikaner

8. Gelsenkirchen liegt gar nicht in Amerika

9. Johann Wadephul ist gar kein Amerikaner

10. Bärbel Bas ist gar keine Amerikanerin

Um derartig verheerende Desinformationen zukünftig zu vermeiden, werde ich die Behauptungen in allen weiteren von mir erstellten Texte von Deutschlands wichtigstem Lyrikkritiker Tino Chrupalla faktenüberprüfen lassen. Rückwärtsmodernisierer wie Björn Höcke sind für unsere Nationalromantik von unschätzbarem Wert. Wir dürfen zukunftsgewandte Kulturkämpfer wie ihn nicht diskreditieren. Dieser Text ist daher als Hommage und Entschuldigung an Björn Höcke zu verstehen.

Denn was ist der Unterschied zwischen Deutschland und ABBA? Genau: Keiner, beide würde ohne Björn niemand kennen. Die Lehre aus diesem Vorfall ist daher eindeutig: Nicht jeder Politiker wird ein Fall für den Verfassungsschutz und Björn Höcke wurde nie suspendiert. Aber jeder Kolumnist sollte den Unterschied zwischen beurlaubt und suspendiert kennen. Denn dazwischen liegen im deutschen Beamtenrecht Welten. Ungefähr so viele wie zwischen Deutsche Bahn und pünktlicher Ankunft.

Quelle: ntv.de

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Dr. Heinrich Krämer
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