25.06.2026 | 05:43 Uhr
Beim 3:0 Brasiliens gegen Schottland definiert Trainer Carlo Ancelotti seinen Heldenfußball neu. Dabei lässt er die Sirenen singen und ein torhungriges Monster auf die Bravehearts los.
Vielleicht liegt es einfach nur daran, dass Vinicius Jr. zu den überwältigenden Klängen und Gesängen der schottischen Volksweise „Loch Lomond“ einläuft. Gerade als die Tartan Army von den Ufern der Heimat träumt, trabt der 26‑Jährige zum Aufwärmen aufs Spielfeld. Die Anhänger der Seleção sind hin‑ und hergerissen. Weiter über Schottland staunen oder Vini bejubeln? Sie können sich nicht entscheiden.
Die 90 Minuten im WM‑Stadion von Miami nehmen ihnen wenig später die Entscheidung ab. Der betörende Gesang der brasilianischen Sirenen bringt dem fünfmaligen Weltmeister den tiefen Glauben zurück. Die schottischen Spieler gehen mitsamt der Tartan Army auf hoher See verloren. Sie wiegen sich in falscher Sicherheit.
Dank großer Mithilfe der schottischen Defensivreihen qualifiziert sich Brasilien nach dem 3:0 (2:0) als Sieger der Gruppe C für die Runde der letzten 32 dieser gigantischen WM. Vinicius Jr. hat Zeit für einige Tänzchen an der Eckfahne. Mit seinen zwei Treffern meldet sich der Angreifer von Real Madrid endgültig bei dieser Weltmeisterschaft der Superstars an. Dabei helfen ihm der Heldentrainer Carlo Ancelotti und die schottische Abwehr.
„Noch nicht gegen Argentinien“
Für Brasilien komplettiert Vinicius Jr. nach seinem Doppelpack ein Quintett aus Spielern, die in allen Gruppenspielen bei einer WM getroffen haben. Zuvor war das nur Jairzinho (1970), Romário (1994) sowie Ronaldo und Rivaldo (2002) gelungen. Bei allen drei Weltmeisterschaften hieß der spätere Weltmeister Brasilien. Zeichen oder Zahlen? Die kommenden Wochen werden es zeigen.
„Wir spielen jetzt noch nicht gegen Argentinien“, wiegelt Ancelotti die euphorischen Fragen nach der wahren Stärke Brasiliens ab. Die südamerikanische Sehnsucht nach dem sechsten Stern ist riesengroß. Seit 24 Jahren wartet die Seleção. Zwölf Jahre nach dem 1:7 gegen Deutschland im Halbfinale der Heim‑WM soll die klaffende Wunde in Nordamerika endlich heilen.
Der Erfolg gegen Schottland war einer, der geeignet war, diese Sehnsucht in Hoffnung umzuwandeln. Alles kommt zusammen: das umjubelte Comeback von Neymar, der in der 76. Minute für den nun auch bereits dreifachen Torschützen Matheus Cunha aufs Feld kam. Heldentrainer Ancelotti, der seine Spieler von der schweren Last der Geschichte befreien soll und dem seine Spieler genau das zutrauen.
Superstar bestraft schottisches Geschenk mit eiskalter Konsequenz
Wettballern der Tormonster
Bis dahin geht erst einmal das Wettballern weiter: Vinicius Jr. steht jetzt bei diesem Turnier erst einmal auf einer Stufe mit Erling Haaland und Kylian Mbappé und nur knapp hinter Lionel Messi. Die Schlacht der Tormonster entwickelt sich immer mehr zu einer der großen Geschichten dieser Fußball‑Weltmeisterschaft.
Die Anwesenheit des Brasilianers in dieser Reihe erscheint nach genauerem Anblick seiner Leistung gegen Schottland eher zufällig. Er muss wenig dafür tun, lässt vielmehr den Gegner für sich arbeiten. Seit dem Aufwärmen zu „Loch Lomond“ ist er ohnehin Schotte ehrenhalber. Im Spiel nimmt er die Gestalt eines Schotten an. Anders lassen sich die zahlreichen Aussetzer der Bravehearts nicht erklären.
„Sie haben uns eingelullt“
Es sind eben nicht nur einige rumpelnde Aktionen und Abschlüsse (51./79./82.), die auffallen. Es sind nicht seine insgesamt acht Torschüsse (im Gegensatz zu insgesamt vier in den ersten beiden Spielen) und nicht seine vielen Ballaktionen tief auf seiner rechten Angriffsseite. Es ist vor allen Dingen sein Zusammenspiel mit den Bravehearts, das sich in die Augen der Beobachter einbrennt. Dabei ist der 26‑jährige Superstar auch der zentrale Mann im Spiel der Brasilianer. Immer wieder fordert er den Ball, bewegt sich, findet Räume und muss sich in den entscheidenden Momenten doch als Begünstigter der schottischen Aussetzer sehen.
Vinicius Jr. trifft, weil Ancelotti seine Mannschaft immer wieder rund um den schottischen Strafraum attackieren lässt und so Aussetzer provoziert. „Sie haben uns eingelullt“, sagt Andrew Robertson, der frustrierte Kapitän der schottischen Auswahl nach dem Spiel. „Wir dachten einfach, dass wir mehr Zeit mit dem Ball haben. Wir wurden dafür bestraft.“
Es geht immer weiter hinaus
Die Brasilianer führen den schottischen Partydampfer in den ersten Minuten weit hinaus aufs offene Meer. Schottland hat den Ball, Schottland dominiert die ersten Minuten, und mitten in der Unendlichkeit des Ozeans, auf der sie sich nun befinden, lauern die Gefahren. Die Schotten sind nicht mehr an den sanften Ufern des Loch Lomond, sie sind auf hoher See und haben es nicht kommen sehen. Ancelotti hat sie gelockt.
Die so bieder daherkommende Seleção Ancelottis schlägt zu. Einmal! Zweimal! Und Schottland versinkt. Vini bittet zum Tanz. „Wir haben ihnen die Tore verschenkt“, sagt Schottlands Trainer Steve Clarke. Er ist schwer enttäuscht. „Wir sind in ihre Falle gelaufen.“
Als Torhüter Angus Gunn in der siebten Minute den Ball zu Scott McKenna passt, blickt dieser auf das Meer aus Gelb und Blau im Miami‑Stadion. Er hört den Gesang der Sirenen. Er sieht Rayan nicht. Der kommt, um ihn zu zerstören. Vinicius Jr. landet den ersten Treffer, und immer noch bemerken die Schotten nicht, wohin sie überhaupt geführt werden. Es geht immer weiter hinaus, der Point of no Return ist längst überschritten.
Die Bravehearts sind verloren
Vinicius Jr. trifft kurz vor der Trinkpause noch einmal. Diesmal ist Jack Hendry den Träumereien verfallen. Das Tor wird in letzter Sekunde mit Ausführung des Anstoßes jedoch noch schnell vom mexikanischen VAR Guillermo Pacheco und Schiedsrichter César Ramos auf dem Platz einkassiert. Vinicius Jr. hatte seinen Gegner mit unfairen Mitteln aus dem Schlaf gerissen.
Noch einmal träumt Schottland auf offener See. Bei Vinicius Jrs. zweitem Treffer, kurz vor seinem Tänzchen, rennt Gunn nach einem hohen Ballgewinn Brasiliens unter der Flanke hindurch, ganz hinten am Pfosten entwischt Vinicius Jr. Er hält seinen Kopf hin. Die Bravehearts sind verloren.
„Ich kenne zwei Nationalhymnen“
Die Schotten spielen sehr gerne für Brasilien. Sie servieren Brasilien die Tore auf der Targe, dem alten schottischen Schild, und lassen ihnen nach seinem zweiten Treffer kurz vor dem Pausenpfiff des Referees an der Eckfahne eine kleine Tanzeinlage. Vinicius Jr. liebt die Interaktion mit dem Publikum, er ermutigt sie schon früh, laut zu sein, sich gegen die Schotten zur Wehr zu setzen, und zeigt dem Publikum nun seine Liebe.
Und die Seleção später Ancelotti ihre Liebe. „Wir wollen das Land überzeugen, dass wir es wert sind, dieses Trikot zu tragen“, sagte der ehemalige Herthaner Cunha. „Unser Trainer hat uns Selbstvertrauen gegeben. Unser Trikot wiegt schwer. All die Idole, die es schon getragen haben.“
Solange Ancelotti die Sirenen singen lässt, wird Brasilien weiter die Sehnsucht in Hoffnung verwandeln. Dafür hat er sogar die „Hino Nacional Brasileiro“ gelernt. Voller Inbrunst steht er vor dem Spiel an der Seitenlinie und singt mit. „Ich kenne zwei Nationalhymnen. Ich kann die italienische, und jetzt lerne ich die brasilianische. Ich liebe Hymnen, ich liebe das Singen“, sagt er nach dem Spiel. Und er liebt die Verführung. Die Schotten hat es erwischt. Ihr zerstörtes Partyboot kehrt bald zum Loch Lomond heim.
Verwendete Quelle: ntv.de
