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Startseite»Nachrichten»Patzer des Wahnsinns: Schottland zerbricht an sich selbst im „Jahrhundertspiel“
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Patzer des Wahnsinns: Schottland zerbricht an sich selbst im „Jahrhundertspiel“

Dr. Heinrich KrämerVon Dr. Heinrich KrämerJuni 25, 2026Keine Kommentare6 Minuten Lesezeit
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25.06.2026 | 05:22 Uhr

Im Hitzekessel von Miami bricht Schottland schon nach sieben Minuten ein und leistet sich haarsträubende Fehler. Gegen Brasilien soll eigentlich der größte Fußball-Erfolg des Landes her, doch die Nerven liegen blank. Ein Mü Hoffnung bleibt.

Zunächst einmal die Entwarnung: Die Invasion der Außerirdischen hat nicht stattgefunden. Eine Hellseherin hatte in Brasilien Aufmerksamkeit erregt, weil sie vorhergesagt hatte, UFOs würden die Partie zwischen der Seleção und Schottland in Miami crashen und sich Neymar, Vinicius Jr. und insgesamt 700 Menschen schnappen.

Doch dazu kam es nicht. Stattdessen wird es im heiß-schwülen Miami unter- und nicht außerirdisch. Und zwar zum Leidwesen der schottischen Fans, was die Leistung der Bravehearts angeht. Defensiv leisten die Männer von Steve Clark sich ein ums andere Mal haarsträubende Fehler, offensiv spielen sie sich in der ersten Halbzeit keine einzige Chance heaus und vergeben die wenigen der zweiten Hälfte kläglich.

Schottland zerbricht beim 0:3 (0:2) gegen Brasilien an sich selbst. Im „Spiel des Jahrhunderts“, wie die BBC die Partie vorab taufte. In diesem Duell, das das größte Ergebnis der schottischen Fußballgeschichte hätte werden können und sollen und doch ein weiteres Desaster wird. So nah waren die Bravehearts noch nie an der K.o.-Runde einer WM. Ein Remis, selbst eine knappe Niederlage, hätte bei dem neuen Turnierformat gereicht. Aber jetzt beginnt das große Zittern.

„Nach dem 0:1 nervös geworden“

„Hoffentlich kommen wir noch weiter“, sagt Nathan Patterson kleinlaut nach der Partie. Nur zwei genknickte Schotten sprechen in den Katakomben zu den Medien. „Wir haben einige Fehler gemacht, die sie mit ihren massiven Waffen natürlich sofort bestraft haben“, erkennt der Rechtsverteidiger den großen Fauxpas dieses Abends sofort. „Ihnen so einfache Tore zu schenken, das braucht kein Mensch.“

Auch Kenny McLean stellt sich. „Es war teilweise echt hart heute. Unsere eigenen Fehler enttäuschen mich am meisten, die dürfen wir einfach nicht machen“. Der Mittelfeldmann übernahm nach der Pause die Kapitänsbinde für den ausgewechselten Andy Robertson. „Am Anfang hatte das nichts mit den Nerven zu tun“, sagt er auf Nachfrage von ntv.de. „Aber nach dem frühen 0:1 sind wir dann schon nervös geworden. Das darf nicht passieren.“

Eine riesige Chance vertan für die kleine, aber unbeschreiblich stolze Fußballnation. Aber warum muss es auch ausgerechnet gegen Brasilien gehen? Gegen den Rekordweltmeister. Gegen den Schottland noch nie gewonnen hat. Aber darf man nach zuvor erst zwei Torschüssen in zwei Spielen überhaupt träumen?

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Desaster-Historie gegen Brasilien

Mitnichten. Dabei beginnt es rosig für die Minimalisten, deren berühmte Tartan Army nach zwei Wochen in Boston nun in Miami für Partystimmung und Szenen der Ekstase lieferte. Schottland ist von Beginn an um Initiative bemüht, steht hoch, hat viel Ballbesitz. Es gibt sogar erste mürrische Laute der brasilianischen Fans, die deutlich in der Überzahl sind.

Aber bereits in der 7. Minute erfolgt der erste katastrophale Aussetzer. Der erste Stich ins eigene Herz. Scott McKenna wartet beim Aufbau im eigenen Strafraum viel zu lange und verliert ohne Druck den Ball an den erst 19-jährigen Rayan, der den verletzten Raphinha ersetzt. Die Kugel springt zu Vini Jr., der Keeper Angus Gunn austanzt, „obrigado“ sagt und locker einschiebt. Der Flügelstürmer von Real Madrid jubelt direkt vor dem schottischen Block, die Fans halten sich vor Schreck die Hände vors Gesicht.

Wieder ein frühes Desaster für die Schotten, wie beim 0:1 gegen Marokko. Und wieder ein selbst angerichtetes Debakel, wie schon mehrmals, als bei einer WM die K.o.-Runde verpasst wurde. Und immer wieder ist es die Seleção gegen es besonders schmerzt. Bei der WM 1974 in Deutschland schieden die Bravehearts trotz eines torlosen Unentschiedens gegen Brasilien, der große Billy Bremner hatte aus wenigen Metern die Chance zum Sieg auf dem Fuß, nach einer ungeschlagenen Gruppenphase aus. 1998 in Frankreich setzte es nach einem späten Eigentor eine bitte 1:2-Pleite gegen die Seleção, die ebenfalls das Gruppenaus besiegelte. Auch bei der WM 1990 in Italien verlor Schottland in der Gruppenphase gegen die Brasilianer (0:1).

„Oh je. Ach Schottland“

„Oh je. Ach Schottland“, schreibt der „Guardian“. Nach der selbst hinzugefügten Wunde ist die Anfangseuphorie bei den Schotten verpufft, Brasilien kontrolliert das Geschehen, aber viel fällt der Mannschaft von Carlo Ancelotti nicht ein. Joga Bonito ist das an diesem Abend nicht.

Einfacher als das 1:0 wird’s für Brasilien an diesem schwül-heißen Sommerabend nicht mehr? Wer das denkt, hat die Rechnung ohne diese Schotten gemacht. Nur wenige Minuten später verletzen die Bravehearts sich erneut selbst: Ein weiterer, viel zu einfacher Ballverlust und Vini Jr. vollstreckt eiskalt. Die Tartan Army reißt wieder verzweifelt die Hände hoch und ihr Team schlurft bedröppelt zum Anstoß – doch dann meldet sich der VAR. Einen kleinen Kontakt des brasilianischen Angreifers beim Ballklau wertet Schiedsrichter Cesar Ramos als Foul. Nun dürfen die schottischen Fans einmal jubeln. Immerhin.

Doch das nächste Desaster folgt zugleich. Schottland, das sich zwar einige Ecken, aber keine einzige Chance in der ersten Hälfte herausspielt, tritt defensiv viel zu stümperhaft für eine WM auf. Nachdem Brasilien weiterhin trotz mehr Ballbesitz kaum zu echten Chancen kommt, wenn es nicht gerade gegnerische Fehler gibt, leisten sich die Bravehearts gleich drei Patzer in einer Szene. Kurz vor der Pause (45.+3) steht es 0:2 – und der historische Schmerz erdrückt Fans und Spieler wie eine zentnerschwere Decke.

„Herzschmerz“ und „Bella Ciao“

Statt vernünftig zu klären, spielen sich die Schotten nach einer brasilianischen Halbchance den Ball zu ungenau im eigenen Strafraum zu. Komplettes Nervensagen. Die Männer in Gelb staunen nicht schlecht über diese erneute Einladung und ergrätschen sich das Spielgerät. Unter der anschließenden Hereingabe rauschen dann auch noch sowohl Keeper Gunn als auch Rechtsverteidiger Patterson durch. Vini nickt ins leere Tor ein.

Wie sehr kann eine Mannschaft um Gegentore betteln? Welche Verteidigungsleistung die Schotten hier zeigen, grenzt an Wahnsinn. Die sonst so laut-freudige Tartan Army verstummt. Da hilft auch „Bella Ciao“ in der Dudelsack-Version in der tropischen Hitze Miamis nichts.

Zur Pause schreibt der „Guardian“: „Ach, Schottland. Die Urheber ihres eigenen Untergangs, Teil XXXVIII einer fortlaufenden Serie.“ Ein 64-jähriger Leser meldet sich bei der Zeitung und sagt, er dachte, er hätte „alle Arten kennengelernt, wie das schottische Team einem Herzschmerz hinzufügen kann“. Nun habe das Spiel ihn knallhart widerlegt.

Schottland auch offensiv kläglich

Zwar kommt Schottland mit mehr Druck aus der Kabine, aber Keeper Alisson hält den Kopfball von Scott McTominay von Manchester United locker. Dann zerbrechen durch das Tor von Matheus Cunhas wohl alle Träume endgültig: Nach einer schönen Kombination durch die Zentrale, es ist das erst herausgespielte Tor der Seleção, schießt der ehemalige Herthaner am heranfliegenden Gunn vorbei (60.).

Immer wieder scheitern die Schotten, die nun unbedingt ein Tor für die kleine Möglichkeit des Weiterkommens benötigen, jetzt auch offensiv an ihren Nerven oder ihrem Unvermögen. Auch eine Doppelchance bringt nichts: Einen Freistoß von der rechten Strafraumgrenze, der aber zu zentral geschossen ist, und einen erneuten Kopfball von McTominay entschärft Alisson glänzend. Jubel gibt es dann nur noch einmal von den Fans in Gelb, als der ehemalige Weltstar Neymar zum ersten Mal bei dieser WM auf den Rasen darf (76.), bevor McTominay in der Nachspielzeit aus fünf Metern ein letztes Mal vergibt.

Sollten Außerirdische tatsächlich zugeschaut haben, sie sahen zumindest ein wenig Völkerverständigung: Nach dem Spiel feiern Schotten und Brasilianer vor dem Stadion Arm in Arm. Die Tartan Army ist trotz des selbst zugefügten Desasters froh, nach 28 Jahren überhaupt mal wieder eine WM erlebt zu haben. Und ein Mü Hoffnung hat ja immerhin überlebt.

Verwendete Quelle: ntv.de

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