Analyse
Die Autoindustrie gilt als die Vorzeigebranche der deutschen Industrie, aber zuletzt haben sich die Alarmzeichen gehäuft. Kann die Branche den schmerzhaften Strukturwandel hin zum E-Auto bewältigen?
Erst BMW mit einer Gewinnwarnung, dann der Mercedes-Benz-Konzern, der zu drastischen Kostensenkungsmaßnahmen greifen will und jetzt auch noch Volkswagen: Bis zu 100.000 Stellen könnten beim Wolfsburger Autobauer nach NDR-Informationen gestrichen und vier Werke in Deutschland geschlossen werden. Das VW-Management erhofft sich davon Milliardeneinsparungen.
Eine dramatische Entwicklung, nicht nur bei Volkswagen. Immer deutlicher wird, dass der Strukturwandel in der deutschen Autobranche nicht mehr aufzuhalten sein wird.
Die Börse hat schon reagiert
Geht es um Zukunftserwartungen, kommt die Börse ins Spiel. Ein Börsenkurs ist schließlich im Idealfall nichts anderes als ein erwarteter und eingepreister zukünftiger Gewinn.
Die Botschaft der Märkte ist bei den Autoaktien eindeutig – sie kannten in den vergangenen fünf Jahren nur den Weg nach unten. Die im DAX enthaltenen Volkswagen-Vorzugsaktien etwa kosteten vor gut fünf Jahren noch knapp 220 Euro, aktuell werden noch rund 75 Euro bezahlt. BMW-Aktien haben sich seit Jahresanfang fast halbiert und kosten mittlerweile nur noch etwa 60 Euro. Und Porsche sucht man im Leitindex DAX mittlerweile vergebens.
Transformation vom Verbrenner zum E-Auto
Volkswagen steht für die Probleme einer ganzen Branche. Mit Verbrenner-Fahrzeugen haben die deutschen Autobauer viele Jahre lang sehr viel Geld verdient und die Märkte, auch international, dominiert. Der Umstieg auf Elektroautos erfordert nunmehr hohe Investitionen in ein anderes Produktionsumfeld.
Mittlerweile gewöhnen sich die Kunden trotz mancher Defizite in der Infrastruktur offensichtlich zunehmend an den Gedanken, ein E-Auto anzuschaffen – auch weil der Kauf wieder gefördert ist durch den Staat. Der jüngste Ölpreisschock durch den Iran-Krieg hat den Trend noch befördert.
Konkurrenz und Kosten
Die Elektroauto-Modellpalette deutscher Hersteller wächst inzwischen auch bei Kleinwagen, gleichzeitig läuft aber die Verbrenner-Produktion weiter – mit nicht ausgelasteten Fabriken, was die Kosten nach oben treibt. Diese können im Hochlohnland Deutschland nicht mehr erwirtschaftet werden. Zumal chinesische Konkurrenten wie Geely, BYD oder Nio kostengünstige vollelektrische Fahrzeuge anbieten und damit der heimischen Industrie das Geschäft streitig machen, worunter auch die Zulieferbranche leidet.
Hausgemachte Probleme kommen hinzu. Ein Auto ist heute ein fahrender Computer, die Software muss also stimmen. Deutsche Hersteller, gerade auch Volkswagen, haben damit Probleme gehabt. Bei VW etwa verlief die Einführung des Golf 8 holprig, vom Thema Roboter-Auto ganz zu schweigen.
Arbeitsplätze und Produktion
Die stark exportabhängige Autobranche produziert in Deutschland vergleichsweise teuer: hohe Löhne, hohe Energiekosten, hohe Steuern und Abgaben und viel Bürokratie. Erschwert wird ihre Lage durch die hohen US-Zölle. Die Abhängigkeit von anderen Auslandsmärkten ist enorm, vor allem von China, dem weltgrößten Markt überhaupt.
Bei der Produktion indes gilt: E-Autos benötigen weit weniger Teile als Verbrenner und sind einfacher herzustellen – besonders deutlich wird das beim Motor. Neues Herzstück ist vielmehr die Batterie, und hier ist Europa weiter stark abhängig von China. Kapazitäten werden zwar aufgebaut, aber Europa liegt zurück. Batterie-Rohstoffe wie Lithium, Nickel und Kobalt sind zudem geopolitisch umstritten.
Vor diesem Hintergrund halten Branchenexperten den Personalabbau in der Autoindustrie für unumgänglich. Der VW-Vorstand kündigte jedenfalls in drastischen Worten tiefgreifende Veränderungen an.
Was die Industrie zu bieten hat
Die deutsche Autoindustrie hat aber auch viel zu bieten. Starke Marken wie BMW, Mercedes oder VW, sehr viel Branchen-Know-how und erfahrene Ingenieure, dazu ein weltweites Vertriebs- und Service-Netz.
An der Börse reagierten die VW-Anleger heute zunächst verhalten positiv auf die Sparankündigungen. Am Nachmittag drehte die Aktie dann aber deutlich ins Minus. Der DAX verliert am Mittag über ein Prozent und rutscht wieder deutlicher unter die runde Marke von 25.000 Punkten. Gestern hatte der Index noch gut ein Prozent zugelegt auf 24.994 Punkte.

