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Wieduwilts Woche: Der Bundeskanzler findet endlich den richtigen Ton

Dr. Heinrich KrämerVon Dr. Heinrich KrämerJuni 27, 2026Keine Kommentare5 Minuten Lesezeit
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Wieduwilts WocheDer Bundeskanzler findet endlich den richtigen Ton

27.06.2026, 06:48 Uhr Eine Kolumne von Hendrik Wieduwilt
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Beim Tag der Industrie in Berlin gab Friedrich Merz „Wohlstand für die Jugend“ zum Ziel aus. (Foto: picture alliance / dts-Agentur)

Friedrich Merz hat endlich zu einer Formel gefunden, die nicht klingt wie eine Standpauke von Bernd Stromberg: „Wohlstand für die Jugend“ heißt die neue Stoßrichtung. Sie könnte funktionieren – denn sie verbindet Schmerz und Vision.

In Deutschland ist es heiß, was zu einer interessanten Stimmigkeit führt: Draußen laufen die Leute mit Sonnenhüten herum, viele Frauen – nicht mehr nur asiatische Touristinnen – spazieren mit Sonnenschirmen. Die glühende Hauptstadt hat, kneift man die Augen etwas zusammen, einen Hauch von Havanna.

Das Land nähert sich auch klimatisch dem globalen Süden an. Ökonomisch sind wir ja auf ähnlichem Wege: Die Industrie verschwindet, Stromausfälle werden häufiger und kürzlich fiel mal wieder die Bahn aus – und zwar im ganzen Land. Haben Sie das mitbekommen? Im ganzen Land!

Die gute Nachricht: Der Mensch ist anpassungsfähig. Das mentale Sonnenschirmchen gegen den Verfall ist der Gleichmut. „T.I.A.“, „This is Africa“ ist ein Stoßseufzer, den jeder kennt, der einmal in einem afrikanischen Land südlich von Tunesien unterwegs war. T.I.A. heißt: Man nimmt hin, wenn irgendwas nicht funktioniert, zu spät kommt oder ganz bemerkenswert chaotisch ist.

D.I.D. Das ist Deutschland!

Als in Deutschland also die Eilmeldung auf die Smartphones trudelte, dass die Bahn ausgefallen sei – ich wiederhole: im ganzen Land! – da passierte … nichts. Früher hätte so ein Ereignis zu völliger Verstörung geführt, man wäre bundesweit in Nostalgievorstellungen über die unverwüstliche Bahn der 80er abgetaucht und hätte die alte deutsche Ingenieurskunst besungen. Diesmal aber: D.I.D. – Das ist Deutschland.

Das ist auf der einen Seite beruhigend, denn Aufregung tut nicht gut jenseits der 40 Grad. Bei Hitze sitzt man bitte gleichmütig irgendwo herum und kümmert sich um die Hydrierung. Auf der anderen Seite ist die neue Lockerheit besorgniserregend: Wir wollen doch wachsen, wäre Zorn und Wut da nicht zielführender? Eines immerhin unterscheidet die armen Demokratien doch von den satten: Ehrgeiz.

Wer etwas erreichen will, muss dafür das eine oder andere Opfer bringen. Paris etwa verbietet gerade den Alkohol, wegen der Hitze. Die Begründung ist gottvoll: Die Krankenhäuser seien wegen der Hitzewelle ausgelastet, da habe man keine Kapazität mehr für die Besoffenen, die vom Tretroller gefallen sind oder Pierre, der Maurice auf die Schnauze gehauen hat, weil er Celine angeglotzt hat. That’s the spirit!

Der Kanzler fordert Opfer

Immerhin: Der Kanzler hat’s begriffen. Er fordert Opfer. Er spürte in dieser Woche Momentum, nicht nur wegen der Rentenkommission, deren Vorschläge er „eins zu eins“ umsetzen wolle, wie er gefühlt 17 Sekunden nach Vorstellung der 33 Vorschläge zu Protokoll gab.

Nein, Merz hat endlich getan, wozu ihn Kommentatoren und auch Ihr treuer Kolumnist ihn seit Monaten anflehen: Er hat gesagt, warum wir uns zusammenreißen sollen und er brachte diese Vision – er benutzte selbst das Wort „Vision“! – auf eine griffige Formel. Nach „Wohlstand für Alle“ müsse es nun heißen „Wohlstand für die Jugend“.

Wie wuchtig diese Gegenüberstellung wirkt, konnte man beim Tag der Industrie beobachten. Die „Zeit“ notiert zu dieser Redezeile: „Jetzt hängt ihm der Saal an den Lippen.“ Das ist ein neuer Sound. Statt dem Volk entgegenzubellen, es müsse gefälligst mehr arbeiten, erinnert Merz endlich an die Kraft, die in dem alten Gaul Bundesrepublik noch stecken könnte.

Wohlstand, eben nicht „für alle“

„Was vor 70 Jahren möglich war, unter schwierigsten Bedingungen nach zwei verlorenen Weltkriegen und angesichts eines Landes in Trümmern, das muss doch heute erneut möglich sein, auf diesem stabilen Fundament, auf dem wir heute stehen.“

Toll klingt das. Und es könnte Merz ein wenig vor den wohl unvermeidlichen Kommunikationspannen immunisieren: „Wer die Sehnsucht nach dem alten Leistungsdeutschland der 50er, 80er oder 2000er wecken kann, dem wird auch nicht jeder Fehltritt um die Ohren gehauen.“ Das schrieb ich in einer Kolumne vom April.

Die Formel „Wohlstand für die Jugend“ ist zudem kein billiger Spruch – denn sie enthält einen unangenehme Wahrheit: Wir arbeiten jetzt für die künftige Generation und nicht für uns selbst. Denn wer Wohlstand „für die Jugend“ fordert, fordert sie eben nicht „für alle“.

Hohle Versprechen funktionieren nicht mehr

Das ist es, was eine kluge Forderung von einer dummen unterscheidet. „Mehr für Dich“ etwa, eine billig-blöde Formel der SPD, setzt keine Priorität. Auch die CDU hat so einen Unsinn früher kommuniziert, etwa mit dem dadaistisch-dümmlichen „Für ein Deutschland, in dem wir gut und gerne leben.“ Das hat weniger Aussagekraft als „20 Prozent auf alles“, denn bei letzterem Spruch ist bekanntlich die Tiernahrung ausgenommen.

Hohle Versprechen, die niemandem weh tun, funktionieren nicht mehr. Menschen wissen, dass es Opfer braucht, und sie kapieren, dass Führung Opfer einfordern muss. Argentiniens Präsident Javier Milei ist jedenfalls darin beispielhaft: Er sagte seinen Leuten, erst wird’s ungemütlich – und dann wieder besser. Schmerz und Vision.

Nun also: Wohlstand für die Jungen. Es ist ein guter Satz und ich hoffe, es bleibt nicht der Letzte dieser Art. Merz scheint seinen Bürgerinnen und Bürgern endlich etwas zumuten zu wollen. Zugleich spielt er den Ball damit zurück ins Volk und die Volksvertretung.

Schmerz und Vision – können das die Fraktionen?

Ein Test für die Entschlossenheit des Landes wird sein, ob die Vorschläge der Rentenkommission, einschließlich bitterer Pillen für die SPD, unbeschadet durch den Bundestag kommen.

Deutschland könnte und müsste jetzt unter Beweis stellen, dass es nicht phlegmatisch in der Hitze döst – und bei ausgefallen Zügen im ganzen Land stoßseufzt: „Das ist Deutschland!“

Quelle: ntv.de

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