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Juristin über „Feine Risse“: Wenn das Recht unerträglich wird

Dr. Heinrich KrämerVon Dr. Heinrich KrämerJuni 27, 2026Keine Kommentare7 Minuten Lesezeit
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Juristin über „Feine Risse“Wenn das Recht unerträglich wird

27.06.2026, 12:03 Uhr

Von Sarah Platz
Die-Silhouette-der-Justitia-Statue-auf-dem-Roemerberg-in-Frankfurt-am-Main-zeichnet-sich-gegen-Sonne-ab-Dabei-hat-es-den-Anschein-als-laege-die-Sonne-in-Ihrer-Gerechtigkeitswaage
Eine Person zu verteidigen bedeutet, gleichzeitig ein ganzes Rechtssystem zu verteidigen. (Foto: picture alliance / greatif)

Ob der Alkoholiker, der für die Tötung eines Jungen nur ein paar Jahre Haft erhält oder der schweigende Entführer eines Kindes: Die Gräben zwischen Recht und Moral sind oft enorm. In ihrem neuen Roman beleuchtet Elisa Hoven das Dilemma – und macht deutlich, warum wir es zwingend aushalten müssen.

Als sein Auto den neunjährigen Milan am Straßenrand erfasst, hat René Dombrowski 1,5 Promille Alkohol im Blut. Der 56-Jährige fährt weiter, lässt den Jungen sterbend zurück. Der Rettungsdienst, den Passanten wenige Minuten später rufen, hat keine Chance, Milan zu retten. Dombrowski wurde bereits zuvor wegen Trunkenheit im Straßenverkehr verurteilt, er arbeitet nicht und hängt regelmäßig an der Flasche. Ein vorbestrafter Alkoholiker also und nun offensichtlich auch ein Kindermörder. Die von der Staatsanwaltschaft vorgetragenen Informationen über Dombrowski lassen kaum Zweifel daran, dass er die geforderte lebenslange Haft verdient hat.

Eine Höchststrafe für Dombrowski bringt Milans Eltern ihr einziges Kind nicht zurück. Trotzdem sitzen sie dem Angeklagten im Gerichtssaal mit einem tiefen Bedürfnis gegenüber: ein hartes Urteil als Anerkennung für das ihnen widerfahrene Unrecht. In diese Hoffnung hinein richtet Dombrowskis Strafverteidigerin Eva Herbergen die entscheidende Frage an den Rettungssanitäter im Zeugenstand: Hätte es für Milans Überleben einen Unterschied gemacht, wenn nicht Passanten, sondern ihr Mandant den Notruf gewählt hätte?

Herbergen weiß, dass ihr Einwurf die rechtliche Rettung für ihren Mandanten bedeutet. Sicherlich wird er noch wegen Trunkenheit im Straßenverkehr bestraft, wahrscheinlich auch wegen fahrlässiger Tötung, aber eben nicht wegen Mordes durch Unterlassen. Denn dafür müsste der Sanitäter bestätigen können, dass Milan heute noch leben würde, wenn Dombrowski prompt nach dem Aufprall die 112 gewählt hätte. Diesen medizinischen Blick in die Glaskugel wagt der Sanitäter nicht – schon gar nicht mit der erforderlichen an Sicherheit grenzenden Wahrscheinlichkeit.

Die Verteidigung des Rechtssystems

Als Milans Mutter begreift, dass Dombrowskis Strafe gerade um viele Jahre geschrumpft ist, mischen sich Hass und Fassungslosigkeit in ihren Blick. Herbergen wird, wie so oft in ihrem Job, zur Feindin der vermeintlich richtigen Seite. Ein freiwillig gewähltes Schicksal, das für die erfahrene Strafverteidigerin auch nach Jahrzehnten nicht zur Diskussion steht. Denn wenn sie eine Person – einen mutmaßlichen Mörder, Vergewaltiger oder Ladendieb – verteidigt, verteidigt sie gleichzeitig ein ganzes Rechtssystem.

Es ist dieser Satz der Protagonistin, der den Hörern des im Argon-Verlag erschienenen Hörbuchs „Feine Risse“ von Elisa Hoven im Kopf bleibt. Die Autorin und Professorin für Strafrecht schlüsselt Herbergens Prämisse mit jeder Episode ihres Romans weiter auf. In acht Fällen ihrer Protagonistin Herbergen zeigt Hoven, wie sehr Recht und Moral auseinanderklaffen können. Für die Hörerin wird das Recht damit an einigen Stellen unerträglich. Gleichzeitig schafft es die Juristin, zu vermitteln, wie essenziell es für den Rechtsstaat ist, diese Unerträglichkeit auszuhalten.

Im Fall Dombrowski dreht Hoven die Perspektive dafür um wenige Grad in Richtung Anklagebank. Sie erweitert den von der Staatsanwaltschaft vorgetragenen Steckbrief um jene Informationen, die für die Justiz irrelevant sind, weil sie mit dem Tod von Milan direkt nichts zu tun haben: ein Vater, der die Familie verließ, eine süchtige und gewalttätige Mutter, eine Kindheit in Heimen und Pflegefamilien. Dombrowski kämpfte gegen seine verpfuschte Kindheit, schaffte den Schulabschluss, arbeitete sich hoch. Als sein Betrieb pleiteging und seine Frau starb, griff er zur Flasche. Nicht eins dieser Details rechtfertigt oder entschuldigt die Tat und Milans Tod. Allerdings liefern sie eine Erklärung, eine Geschichte hinter dem Fall Dombrowski.

Nichts ist, wie es scheint – oder doch?

Herbergens Fälle machen auf verschiedene Weise deutlich, dass die juristische Ausgangslage selten so eindeutig ist, wie sie scheint. Als sie etwa das Mandat für einen Bergführer aus Garmisch-Partenkirchen übernimmt, sieht zunächst alles nach einem tragischen Unfall aus: Ein überambitionierter Unternehmer hatte seine Leistungen überschätzt und war auf dem Weg zur Zugspitze in den Tod gestürzt. Den Bergführer trifft keine Schuld, die Ermittlungen werden eingestellt. Der Fall scheint sicher – bis Herbergen herausfindet, dass es ausgerechnet der verunglückte Unternehmer gewesen war, der für die Kündigung ihres Mandanten in dessen Traumjob einige Jahre zuvor verantwortlich gewesen war.

„Feine Risse“ bringt die Hörerin fortlaufend dazu, geglaubte Sicherheiten infrage zu stellen – auch rechtlich. So dürfte kaum jemand an der Notwendigkeit eines absoluten Folterverbots im Rechtsstaat zweifeln. Was aber, wenn ein Kind entführt wurde und sein Überleben von jenem Mann abhängt, der bei den Behörden seit Tagen eisern schweigt? Womöglich kommt der ein oder die andere nun kurz ins Grübeln, obgleich es im Ergebnis bei einem Folterverbot bleiben muss. Undenkbar wäre eine Ausbildung von Polizisten in Foltermethoden und die Degradierung eines Bürgers, möglicherweise unschuldig, zum Objekt des Staates. Trotzdem ist der Rechtsstaat auch an dieser Stelle für die Hörerin nur mit Mühe zu ertragen.

Der Fall, in den Herbergen als rechtliche Stütze der Familie des entführten Jungen gerät, erinnert an die reale Geschichte des 2002 entführten und ermordeten Bankiersohns Jakob von Metzler. Tatsächlich haben alle Fälle, bis auf einen, einen wahren Kern, wie Hoven im NDR bestätigte. Einige dürften aus beruflichen Erfahrungen der Strafrechtlerin stammen, andere haben starke Parallelen zu bekannten Kriminalfällen. So weckt die Schauspielerin, die ihre Kollegin mit einer (unwissentlich?) geladenen Pistole bei einem Filmdreh in Berlin erschoss, starke Erinnerungen an den Hollywood-Schauspieler Alec Baldwin und die Tragödie am Set von „Rust“.

Parallelen zu Relotius

In einer anderen Episode greift Hoven den Fall von Claas Relotius auf, der Reportagen fälschte und den „Spiegel“ damit in eine tiefe Krise stürzte, sowie an der Glaubwürdigkeit des Journalismus insgesamt rüttelte. Herbergen wird im Roman zur Anwältin eines Berliner Chefredakteurs, der die Affäre zum eigenen Schutz unter den Teppich kehren will. „Feine Risse“ rückt damit auch die Frage in den Fokus, wie sehr sich die Justiz der Wahrheit annähern kann und welch weitreichenden Folgen die Schweigepflicht von Strafverteidigern in Bezug auf ihre Mandanten haben kann.

Dass Herbergen selbst mit diesen Herausforderungen ihres Jobs und dem eigenen Gewissen zu kämpfen hat, macht sie zu einer sympathischen Protagonistin. Als Ich-Erzählerin führt die Mittsechzigerin durch die Fälle, während ihr gutbürgerliches, aber ebenfalls von Rissen durchzogenes Leben in Berlin-Zehlendorf als unterhaltsames Scharnier dient. Die Rahmenhandlung ist Hoven gut gelungen, freut sich der Hörer schon nach wenigen Episoden auf die kurzen Pausen zwischen den durchaus harten Fällen. Lediglich die Figur des offenbar allwissenden Ehemanns Peter, der seiner Frau in beinahe jedem Fall den entscheidenden Gedanken liefert, ist Geschmackssache.

„Feine Risse“ ist ganz offensichtlich kein klassischer Justizthriller. Die Hörer verbringen allenfalls einen Bruchteil des rund siebeneinhalbstündigen Hörbuchs im Gerichtssaal. Hovens Stil ist zwar sachlich-nüchtern und wird von Sprecherin Nina Kunzendorf ebenso unaufgeregt vorgetragen. Von Fachsprache oder langen Ausführungen über rechtliche Eigenheiten fehlt jedoch jede Spur.

„Feine Risse“ kommt zur richtigen Zeit

Stattdessen gleicht Hovens zweiter Roman an vielen Stellen einem Gedankenexperiment. Ähnlich wie Ferdinand von Schirach überführt sie ihre Hörer an vielen Stellen in der vermeintlichen Gewissheit, moralisch auf der richtigen Seite zu stehen. Das macht nicht nur Spaß und erweitert den eigenen Horizont. „Feine Risse“ sensibilisiert auch zur richtigen Zeit für rechtsstaatliche Prinzipien.

Vermeintlich einfache Antworten haben Hochkonjunktur; Vertreter der größten Oppositionsfraktion im Bundestag sprechen der Justiz kurzerhand das Vertrauen ab, wenn ihnen das Urteil nicht passt; die größte Boulevard-Zeitung des Landes arbeitet sich immer wieder an der angeblichen „Kuscheljustiz“ in Deutschland ab. Hovens Roman bildet ein Gegengewicht, indem er zeigt, wie gefährlich es wäre, rechtliche Konsequenzen an moralische Überzeugungen zu knüpfen.

Damit wird „Feine Risse“ zu einem ebenso spannenden und relevanten Gesellschaftsroman, der sich zu hören lohnt. Hoven hätte durchaus auf diese Stärken ihres Werks vertrauen können. Stattdessen wirken einige der ohnehin überraschenden Wendungen ihrer Geschichten unnötig überhöht und konstruiert. Wo die Beschreibung von feinen Nuancen zwischen Recht und Moral zum eigenen Nachdenken anregen würde, setzt die Autorin zu oft auf kaum übersehbare Gräben, die der Hörerin ein Gefühl von Sonntagabend-Krimi vermitteln – mit ebendieser Vorhersehbarkeit.

Die Tiefgründigkeit von „Feine Risse“ lässt an diesen Stellen Federn. Das macht Hovens Roman jedoch keineswegs trivial. Wer rechtsstaatliche Grundsatzfragen auf verdauliche Weise erklärt haben möchte oder etwas gesellschaftlich Relevantes für den Strandurlaub sucht, trifft mit diesem Roman die richtige Wahl.

Quelle: ntv.de

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Dr. Heinrich Krämer
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