Die Hitzewelle lockt derzeit Tausende Menschen an Seen, Flüsse und Kanäle. Doch mit den steigenden Temperaturen wächst auch die Zahl der Badeunfälle – viele Menschen unterschätzen das Risiko.
Mitten auf dem Baldeneysee in Essen trainieren Frederik Mulder und Joost Stadtler den Ernstfall. Die beiden Ehrenamtlichen der Deutschen Lebensrettungsgesellschaft (DLRG) steuern ein Sonarboot, das Vermisste unter Wasser aufspüren kann.
Auf dem Bildschirm werden Hindernisse sichtbar – manchmal auch Menschen, nach denen gesucht wird. „Was wir mit so einem Sonar sehr gut hinkriegen, ist eine relativ zeiteffiziente Absuche von großen Wasserflächen. Bei einer Rettung aus Wassernot zählt natürlich jede Minute“, erklärt Mulder.
Doch nicht jede Suche endet mit einer Rettung. „Das ist eine Mischung aus Anspannung und natürlich auch sehr belastend, wenn man weiß, dass man jetzt rausfährt, um eine Person zu suchen, die höchstwahrscheinlich verstorben ist“, sagt Mulder. Rund fünfmal im Jahr rückt die DLRG Essen zu solchen Einsätzen aus.
Die Gefahr wird unterschätzt oder ignoriert
Wie dramatisch die Lage ist, zeigte sich in der vergangenen Woche unter anderem in Nordrhein-Westfalen. Im Rhein-Herne-Kanal in Gelsenkirchen starb ein 16-Jähriger beim Baden. Nur einen Tag später gerieten zwei Brüder in Not: Der 14-Jährige starb im Krankenhaus, sein 19 Jahre alter Bruder wenige Tage später.
In Herne sprang ein 20-Jähriger nach einer Joggingrunde zur Abkühlung in den Kanal und konnte trotz einer groß angelegten Suchaktion nur noch tot geborgen werden. Weitere tödliche Badeunfälle gab es unter anderem in Essen, Höxter, Paderborn, Sassenberg, Kleve und am Zülpicher See.
Ein Warnschild weist auf ein Badeverbot hin.
Am Rhein-Herne-Kanal gehen trotzdem weiterhin viele Menschen ins Wasser. Die tödlichen Unfälle in unmittelbarer Nähe sind bekannt, doch für viele überwiegt der Wunsch nach Abkühlung. „Es ist warm. Ich habe kein Geld für Sport, fürs Hallenbad. Deswegen bin ich hier. Das kostet nichts“, sagt der 22-jährige Efe. Auch Melissa bleibt trotz der Unglücke gelassen: „Es kann natürlich immer was passieren, auch wenn man auf sich aufpasst. Aber ich denke, wenn wir mehrere Leute sind, dann klappt das schon.“
Sprung ins kalte Wasser kann lebensgefährlich sein
Genau dieses trügerische Sicherheitsgefühl erleben die Rettungskräfte immer wieder. Dabei birgt der Rhein-Herne-Kanal besondere Risiken. „Auf dieser Binnenschifffahrtsstraße fahren viele große Schiffe. Sie erzeugen eine starke Sogwirkung. Wenn Schwimmer dort hineingeraten, kann es sehr schwer oder sogar unmöglich sein, wieder herauszukommen“, erklärt Svenja Ostendorp von der DLRG Gelsenkirchen. Dies gelte auch für geübte Schwimmer.
Nicht nur Strömungen sind gefährlich. Auch der Sprung in kaltes Wasser kann lebensbedrohliche Reaktionen auslösen. Mediziner David Fistéra vom Alfried-Krupp-Krankenhaus Essen-Steele erklärt, es könne der so genannte Kehlkopfreflex ausgelöst werden, wenn kalte Wassertropfen auf die empfindliche Rachenschleimhaut treffen. „Dann kann es zu einem plötzlichen Abfall der Herzfrequenz bis hin zum Herzstillstand kommen.“
Ähnliches gelte für den Tauchreflex: „Wenn die Gesichtshaut ins kalte Wasser eintaucht, kann ein ähnlicher Reflex aktiviert werden, der ebenfalls zum plötzlichen Herzstillstand führt“, ergänzt Fistéra.
Badeunfälle 2025
393 Menschen sind 2025 in Deutschland beim Baden nach Angaben der DLRG ertrunken – 18 weniger als im Vorjahr. 282 Ertrinkungsfälle sind in Flüssen oder Seen passiert. In den heißen Monaten gehen mehr Menschen baden – und damit nimmt dann auch die Zahl der Todesfälle zu. Im Juni gab es im vergangenen Jahr die meisten Todesfälle, 69 Menschen ertranken. Rund 82 Prozent der Ertrunkenen 2025 waren männlich.
Männer gehen häufiger Risiken ein
Für den Risikoforscher Felix Rebitschek vom Harding-Zentrum für Risikokompetenz ist die hohe Zahl männlicher Opfer kein Zufall: „Männer haben eine höhere Risikobereitschaft“. Hinzu komme das Verhalten vor dem Sprung ins Wasser. „Wenn wir davon ausgehen, dass Männer und Frauen gleich häufig baden, dann wissen wir aus Rückmeldungen von Rettungsorganisationen und Fallberichten, dass Männer eher unvorbereitet oder auch alkoholisiert ins Wasser springen“, sagt Rebitschek.
Für Frederik Mulder und Joost Stadtler ist deshalb vor allem eines wichtig: dass Menschen die Gefahr nicht unterschätzen. Die DLRG empfiehlt, nur an bewachten Badestellen schwimmen zu gehen, niemals allein ins Wasser zu steigen und den Körper vor dem Baden langsam abzukühlen. Denn Flüsse und Seen wirken oft harmlos – können aber innerhalb weniger Sekunden lebensgefährlich werden.

