Ein Kultobjekt feiert Jubiläum: die Vespa. Zum 80. Geburtstag kommen Fans aus der ganzen Welt in Rom zusammen. Abseits der fröhlichen Feier aber hat der Hersteller Piaggio mit Problemen zu kämpfen.
Der ölig-stechende Geruch von Zweitaktmotoren liegt in der Luft rund um das Olympiastadion in Rom. Viele Vespa-Fans sind mit historischen Modellen gekommen zur viertätigen Geburtstagsfeier des stilbildenden Motorrollers. Sascha Sabia hat rund 1.200 Kilometer hinter sich. „Mir sind mit der Vespa auf eigener Achse gekommen“, erzählt er stolz mit Pfälzer Zungenschlag. „Über drei Tage, von Ludwigshafen nach Rom“.
80 Jahre Vespa: Das Klassentreffen der weltweiten Vespa-Freunde wollte sich Sabia nicht entgehen lassen. Was für andere nur ein knatterndes Blechteil auf zwei Rädern sein mag, ist für den 43-Jährigen von den „Vespa Freunden Pfalz“ nichts Geringeres als ein Stück Liebe, ein Stück tägliche Wohlfühltherapie. „Vespa ist einfach Leidenschaft“, sagt Sabia. Man fühle sich frei auf der Vespa, „wenn man fährt, da vergisst man die ganzen Probleme, den Stress, was am Tag ist“.
Die „Vespa Freunde“ aus der Pfalz sind mehr als tausend Kilometer weit gefahren, um den 80. Geburtstag in Rom mitzufeiern.
„Mit zahllosen Menschen in Kontakt“
Einige Meter weiter im bunten Treffen der Vespa-Fans aus aller Welt beharrt Sandra Carozzi darauf, dass die Vespa auch sozial sei. Die 62-Jährige ist über 700 Kilometer mit der Vespa aus Triest im Nordosten Italiens angereist, zusammen mit Paola und Claudia vom Vespa Club Peru.
Wenn sie mit der Vespa losfahre, schwärmt Carozzi, „komme ich immer mit zahllosen Menschen in Kontakt“. Alle liebten die Vespa, erzählt die Vespa-Veteranin, „sie halten Dich an, fragen, wo Du herkommst, was Du machst – die Vespa ist Lebensstil“.
Sandra Carozzi und ihre Freundinnen vom Vespa Club Peru lieben das Verbindende des Vespa-Kults.
Das Zweirad für alle
Vor 80 Jahren war die heutige Stilikone Vespa ein Designversuch mit ungewissem Ausgang. Es war 1946, Nachkriegseuropa lag in Trümmern, und Enrico Piaggio musste sich etwas Neues einfallen lassen für die Rüstungsfirma seines Vaters in der Toskana. Piaggio beauftragte seinen besten Hubschauer-Ingenieur Corradino D’Ascanio, ein kostengünstiges, motorgetriebenes Zweirad zu entwickeln, das für alle einfach zu fahren ist.
Viele Jahre später erläuterte D‘Ascantio im italienischen Fernsehen RAI, wie er die Vespa – und damit die Kategorie der Motorroller – erfand. „Ich habe unter dem Sitz einen großen Kotflügel als Schmutzfang über dem gesamten Rad platziert“, so der Ingenieur. „Den Lenker habe ich direkt über das Vorderrad gesetzt – und dann ist die Form automatisch entstanden.“ Die unverwechselbar gerundete Roller-Silhouette, in der Mitte mit bequemem Durchstieg und Trittbrett.
Glanzvolles süßes Leben dank Hollywood
Zunächst war die Vespa ein klassenloses Fortbewegungsmittel, Glamour und Hollywood-Glanz bekam sie ab den späten 1950er-Jahren – als im Film „Ein Herz und eine Krone“ Audrey Hepburn auf einer Vespa-Fahrt durch Rom mit Gregory Peck Freudenschreie ausstieß. Die Vespa galt fortan als Symbol für italienisches Lebensgefühl und Dolce Vita.
20 Millionen Vespas sind in den vergangenen 80 Jahren weltweit verkauft worden. Indien und Vietnam gehören heute zu den wichtigsten Absatzmärkten, auch in Deutschland läuft das Geschäft. Seit mehr als 15 Jahren ist die Vespa auf dem deutschen Motorroller-Markt Marktführer vor Honda.
Nachfrage sinkt immer weiter
In der Heimat Italien besitzt die Vespa nach wie vor Kultstatus, ist im Alltag auf der Straße aber ins Hintertreffen geraten. Allein der populäre Motorroller SH des japanischen Honda-Konzern wurde im vergangenen Jahr fünfmal häufiger zugelassen als die Vespa – weil die Asiaten im Vergleich billiger sind.
Überhaupt hat das Vespa-Mutterunternehmen Piaggio jenseits der fröhlichen 80-Jahr-Feier wirtschaftlich durchaus mit Problemen zu kämpfen. Der Umsatz ist 2025 um fast zwölf Prozent eingebrochen, der Nettogewinn sogar um fast 50 Prozent. Seit dem Corona-Hoch 2022 sinkt die Nachfrage nach Motorrollern kontinuierlich, die von Piaggio angebotene Elektro-Vespa ist bislang nur ein Nischenprodukt.
David gegen Goliath
Firmenchef Matteo Colaninno gibt sich trotzdem kämpferisch. „Die Vespa hat sich immer erneuert und ist trotzdem sie selbst geblieben“, sagt Colaninno. Die jetzige Geburtstagsparty sei nicht nur eine Feier der Nostalgie, „sondern eine Feier, die zeigt: Nach einer unglaublichen Geschichte in den ersten 80 Jahren schaut die Vespa in die Zukunft“.
Eine Zukunft, in der die Vespa weltweit auf dem Markt bleiben und verstärkt als Premiumprodukt platziert werden soll. Nicht die Masse an verkauften Exemplaren, sondern die Gewinnmarge soll dem David Piaggio langfristig das Überleben sichern gegen die Zweirad-Goliaths aus Asien.
